Heutzutage enthalten nahezu allen neuen, halbwegs fundierten Bücher aus dem Bereich Yoga, Vedânta und indische Philosophie ein Glossar, so dass ein Nachschlagen in eigenen Wörterbüchern nur selten notwendig ist. Ein Wörterbuch hat jedoch mehr Raum, verschiedene Bedeutungen, Interpretationen sowie exakte Übersetzungen eines Begriffs darzustellen und damit auch die Möglichkeit, Hintergründe und Variationen offen zu legen.
Der Indologe Martin Mittwede hat mit seinem 1992 veröffentlichten Nachschlagewerk >Spirituelles Wörterbuch Sanskrit - Deutsch<, das kürzlich in vierter Auflage erschienen ist, relativ gute Vorarbeit geleistet und daran muss sich das vorliegende Wörterbuch zumindest messen lassen. Ist es sowohl allgemein verständlich als auch wissenschaftlich exakt, wenn es um Sanskrit- respektive Yogafachbegriffe geht? Mittwede führt immerhin die benutzten Quellen an, bei Huchzermeyer sucht man nach einem Literaturverzeichnis oder einem Hinweis auf benutzte Quellen vergeblich.
Verständlich ist es schon, was Wilfried Huchzermeyer da schreibt bzw. zusammen getragen hat, aber bei der Exaktheit und der Vollständigkeit zeigen sich die gleichen Mängel wie bei Prof. Mittwede. Hierzu zwei Beispiele.
Erstes Beispiel: Der oft irrtümlich mit Sonne-Mond >übersetzte< (!) Begriff Hatha wird von Huchzermeyer mit >Kraft, Ausdauer, Energie< wiedergegeben. Die Primärübersetzung lautet jedoch: Zwang und Gewalt, die zweite Bedeutung ist Notwendigkeit; Instrumental oder als Ablativ bedeutet hatha 1. mit Gewalt und 2. unbedingt und unumgänglich.
Natürlich klingt >Kraft< netter und Yoga der Ausdauer sympathischer, aber dies ist weder die wörtliche noch die ursprüngliche Bedeutung, wie bereits Mircea Eliade (in >Yoga - Freiheit und Unsterblichkeit<) nachgewiesen hat! Der Hinweis auf die >esoterische Bedeutung, Ha sei der Sonnenatem, Prâna und Tha der Mondatem, Apâna< und deren Vereinigung führe zur Erweckung der Kundalinî, hilft da letztlich auch wenig, da die lexikalisch richtige Bedeutung eben nicht aufgeführt wird.
Zweites Beispiel : Die Übersetzung von kundalin ist I,1. Ohrringe tragend, I,2. geringelt , II. Schlange (nach Mylius, Langenscheidts Handwörterbuch Sanskrit-Deutsch). Huchzermeyer hingegen verzichtet auf die wörtliche Übersetzung ganz und schreibt sogleich von der verborgenen Schlangenkraft, die >aufgerollt an der Basis der Wirbelsäule< liegt. Leider versäumt er es auch, auf das zweite Konzept von kundalinî hinzuweisen, wonach es sich dabei um ein Hindernis handelt: >Wird die kundalinî verbrannt, ist der Weg frei für prâna.< (siehe hierzu die Ausführungen von T. K. V. Desikachar in >Yoga - Tradition und Erfahrung<, Seite 222, der als Quelle die Yoga Yâjnavalkya Samhitâ anführt).
Eine Besonderheit sind die dreißig enthaltenen Kurz-Biographien von Yoginis und Yogis. Allerdings folgt die Auswahl einer Richtlinie, die selten nachzuvollziehen ist. Einerseits fehlen bedeutsame Persönlichkeiten des Yoga wie z.B. Indra Devi, Theos Bernhard, Mircea Eliade, Georg Feuerstein, André van Lysebeth, Boris Sacharow und Yogi Bhajan ganz, andererseits werden für den Yoga kaum relevante Personen wie Caitanya, Ramalinga und Mutter Meera ausführlich behandelt wie auch höchst umstrittene spirituelle Lehrer wie Heinz Grill (dessen anthroposophisch eingefärbter >Yoga aus der Reinheit der Seele< sich durch Intoleranz und Abwertung der Persönlichkeit auszeichnet) und Sathya Sai Baba, dessen Betrügereien sowie jahrelanger sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen unter anderem vom dänischen National-TV (2002) und von der BBC (2004) dokumentiert wurden; in den >Yoga-Wörterbuch< - Beiträgen findet dies keine Erwähnung.
Wer es nicht so genau nimmt mit der Übersetzung und dem Bedeutungshintergrund von Begriffen, kann unter Umständen Nutzen aus diesem >Yoga-Wörterbuch< ziehen. Wer jedoch präzise Übersetzungen und fundierte Informationen sucht, sollte zu dem oben bereits erwähnten >Langenscheidts Handwörterbuch Sanskrit - Deutsch< greifen.