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(K)ein Fussballmärchen von Joe McGinniss
Der Trainerphilosoph Josef «Sepp» Herberger stellte seinerzeit fest: «Der Ball ist rund.» Diese tautologisch-tiefe Erkenntnis ist so ziemlich das Einzige, was sich zweifelsfrei zu diesem Themenkreis sagen lässt. Denn was ist Fussball? Ein Spiel? Dass wir nicht lachen! Ein Krieg? Immer. Eine Leidenschaft? Auf jeden Fall. Ein Irrsinn? Wahrscheinlich. Eine Religion? Ganz gewiss. Ein Geschäft? Um jeden Preis. Aber Fussball ist auch ein tief verbindendes Kollektiverlebnis, das für ganze Städte und Länder zum sozialen Gefühlskitt werden kann. Wie unbegründet und irrational auch immer.
Genau das sagt uns jetzt, termingerecht zur Europameisterschaft (wo einer wie er eigentlich nichts zu suchen hat), ausgerechnet ein Amerikaner, Angehöriger also einer Nation, die objektiv vom Fussball nichts versteht. Ganz anders aber dieser eine Amerikaner. Joe McGinniss heisst er, ein angesehener Publizist ist er, und ausschliesslich des Fussballs wegen hat er fast ein ganzes Jahr in Italien, dem Land der Fussballverrückten, gelebt. Herausgekommen ist dabei ein sehr persönlich gefärbter Erfahrungsbericht, zugleich ein Stück fussballerischer Dokumentarliteratur, bei dem nur der Untertitel in die Irre führt: «Ein italienisches Fussballmärchen» ist dieses Buch am Ende immer weniger.
500 Seiten ist es stark, und trotz einigen Mängeln in Bezug auf die erzählenswerte Nettospielzeit wird einem das Buch nicht zu lang. Man liest es, wie man einem mit Leidenschaft geführten guten Fussballspiel zuschauen mag. Obwohl oder gerade weil McGinniss einen eigenwilligen Zugang wählte: Er hat sich einen der abseitigsten Provinzvereine als Objekt seiner Fussballbegierde ausgesucht. Castel di Sangro heisst der Ort, gerade 5000 Seelen stark, ein armseliges Nest in den Abruzzen, touristisch, ästhetisch, historisch nichts und niente und auch fussballerisch eine Wüste, bis eben dieses Wunder von Castel di Sangro stattfand: der Aufstieg des Vereins über sage und schreibe sieben Spielklassen in die Serie B, wo man sich mit Millionenstädten und -vereinen wie Genova und Torino misst.
Soweit ist die Geschichte in der Tat das schöne alte Märchen von einem Kleinen, der auszog, die Grossen das Fürchten zu lehren. Fussball, die Religion der armen Leute, Fussball, die glückliche Anarchie, Fussball, die permanente Revolution. Es zählen nicht nur das Geld und die grossen Zahlen, sondern mehr noch die von der spielerischen Leidenschaft ausgehende Subversion. Aber nicht das Fussballwunder, die Erfolgs-Saga stehen bei McGinniss im Mittelpunkt, sondern das Jahr danach, das Jahr des drohenden Wiederabstiegs, das Jahr der Antiklimax, des Anti-Märchens, oder, bestenfalls, das Jahr der «salvezza», des Klassenerhalts. Wer spricht von Siegen? Durchkommen ist alles. Von der andauernden Abstiegsgefahr lebt die Spannung des Buchs, Kämpfe um Leben und Tod sind nichts dagegen. Und der Autor erlässt uns keinen Match, keine Aufstellung und keine Rangliste. Gnadenlos. Denn diese Mannschaft spielt oft so sagenhaft schlecht, dass das Aufstiegswunder im Rückblick immer wunderbarer wird. Und noch unerklärlicher wirkt, wie unter diesem Trainer (dem Wohnungsnachbarn von McGinniss) dieses Wunder erreicht worden ist. Unfähiger als der Mann kann nach Einschätzung des traditionsgemäss immer besserwisserischen Fan-Autors niemand sein.
Nichtsdestoweniger fiebert man mit, je länger, desto mehr. Wie der Autor beginnt der Leser, mit den Spielern, ihren Familien, dem ganzen Städtchen zusammenzuleben. Man ist integriert, oder noch mehr: involviert. Man ist mit McGinniss mit von der Partie, reist stundenlang, tagelang an die nördlichsten und südlichsten Spielorte. Erlebt die überraschenden Siege und die vielen weniger überraschenden Niederlagen, die stets Vorspiele der Apokalypse sind. Die Provinz als Mutter aller leidenschaftlichen Erfahrungen!
Aber da stört noch etwas anderes das schöne Märchen von der Anarchie des Spiels, der gesellschaftlichen Exklave, der Unkalkulierbarkeit des Fussballs und seiner Subversion. Das geht auf das Konto einer «Gesellschaft», einer «società», die selbst in einem abgelegenen Ort wie Castel di Sangro das Wirken der mafiosen «cosa nostra» verbürgt. Ein lakonisch Zigarre rauchender Padre in obligater Leibwächterbegleitung und ein macht-, geld- und frauengeiler Klubpräsident betreiben ihre Geschäfte. Das ist wenig originell. Aber die Realität ist das selten. Im Übrigen kommt es McGinniss gerade auf die schneidende Dissonanz zwischen dieser Wahrheit und der ganz anders gearteten Passion des Spiels an. Absurder, brutaler könnte die Diskrepanz von krimineller Geschäftemacherei und kollektiver Leidenschaft kaum demonstriert werden. Hier kennt McGinniss kein Pardon. Und seine Story spitzt sich gegen Ende unversehens zu.
Das Buch könnte mit der «salvezza», eben dem neuen Wunder der Errettung vor dem Abstieg, schliessen, mit einem Happy End, wie man es gerade von einem Hollywood-geschulten sportverrückten Amerikaner erwarten könnte. Doch nach der einstweiligen Rettung mündet es in ein sportliches und menschliches Desaster, mit Korruption und Abstieg das letzte Spiel wird von der «società» und von den Spielern (auch den Kommunisten unter ihnen) an einen finanzstarken Aufstiegsanwärter verkauft.
McGinniss könnte das verschweigen, wie ihm das offenbar mit sanfter Gewalt, aber auch von den befreundeten Spielern nahe gelegt wurde. Aber er tut es nicht: ein halsstarriger Liebhaber der Fairness und der Ehrlichkeit. Ein schmerzliches Ende also, das dem harmoniesüchtigen Leser die Sprache verschlägt. Aber es kann halt nicht anders kommen, wenn die Literatur im Gegensatz zum Fussballgeschäft unvermutet einmal wieder auf die Wahrheit pocht.
Ludger Lütkehaus
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Die komplette Saison über begleitet McGinnis das Team um den eigensinnigen Trainer Osvaldo Jacone, der sich selbst Bulldozer nennt und seiner Arbeit mit entsprechender Sensibilität nachgeht. Der Mann aus Massachusetts wiederum wird quasi zum Maskottchen des Klubs und zu dessen größtem Fan - ein tifoso, wie er im Buche steht.
Enthusiastisch und wunderbar subjektiv beschreibt er Frust und Freuden, die er mit den ragazzi von Castel di Sangro erlebt. Staunt über la società, die hinter dem Verein steht und unverhohlen ihre mafiosen Strukturen unter dem padrone zur Schau stellt. Kämpft auf der Tribüne mit dem Herzen für la salvezza, den Klassenerhalt, der ein zweites Wunder bedeuten würde.
So wie McGinnis diese eine Saison lang um Castel di Sangro gezittert hat, so hat er seine Erlebnisse niedergeschrieben. Herzergreifend, parteiisch, leidend, hoffend, jubelnd. Aber auch wutentbrannt. Denn als er von la sistema hört, versteht der scrittore americano seine heile Fußballwelt nicht mehr. Verkaufte Spiele! Lira für Betrug am Leder!
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