Was für ein Risiko. Ein Weltbestseller, der geliebt und gehegt wird, dessen Umsetzungen zum Beispiel als Hörbuch eifersüchtig bewacht und mit Argusaugen kontrolliert werden, als Comic? Und dann auch noch "mitverschuldet" von der Unternehmensleitung selbst? Der Splitter-Verlag, namentlich Horst Gotta und Dirk Schulz, versicherte sich des Zeichners Ralf Schlüter und produzierte in Eigenregie die erste Arbeit, die nicht aus Frankreich oder Belgien stammt und allenfalls durch die Übersetzung ins Deutsche leiden könnte.
Wohlwissend, dass an eine Kai Meyer Roman-Umsetzung - und vielleicht noch verstärkt an die Wolkenvolk-Trilogie - in Deutschland hohe Maßstäbe angelegt werden.
Von Seiten des Drucks kann man sicher sein, das Beste und schönste geliefert zu bekommen. Auch die Collectors Edtion", die mit einem hervorragend gemachten Druck in einer Kunststofftasche auf der letzten Seite sicher verwahrt herauskommt, ist über jede Kritik erhaben, sie ist schlicht perfekt gemacht.
Doch können Schlüter und vor allem der den Text von Tausenden von Seiten zu einigen wenigen Comic-Blasen verdichtende Yann Krehl überzeugen?
Inhaltlich bietet der Roman viel, sehr viel. Geheimnisvolle Schwertkämpferinnen, Drachen, nebelverhangene Berge, Schluchten und Täler, ein Drachenmädchen, ein kostümierter Drache, Dörfer, Märkte, Häuseransichten aus der Qing-Dynastie des alten China, eine schwebende doch feste Wolke, ein italienisch anmutendes Volk, das diese Wolken bewohnt, technische Spielereien und Unmengen an möglichen Kostümen und Kleidern. Der Roman von Kai Meyer strotzt nur so vor farbenfrohen Beschreibungen und Details.
Und man muss sagen, Yann Krehl hat Herausragendes geleistet. Seine Kurzfassung" ist modern, tragisch, elegisch, ruhig, dramatisch, entschlossen, schlicht, sie ist spannend von der ersten bis zur letzten Zeile.
Über Ralf Schlüters grafische Arbeit ist ein differenzierteres Bild nötig. Seine großformatigen Landschaftsbilder, seine Drachen und vor allem seine Waldgeister sind wunderschön und halten jedem Vergleich stand. Auch die Kostüme, Dörfer und Gegenstände sind sehr ansprechend und gelungen umgesetzt. Leider sind die Gesichter einiger Protagonisten weniger gelungen. Zwar sind Nugua und Whisperwind noch Beispiele für eine grandiose Umsetzung, doch Jacopo de Medici, vor allem aber sein Niccolo sind weniger gelungen, ihre Mimik entbehrt gelegentlich nicht der unfreiwilligen Komik. Auch sein Mensch-Drache gehört eher in einen Disney-Film und wirkt völlig deplatziert.
Doch das alles sind Kleinigkeiten, entscheidend ist, dass sein Entwurf, die Visualisierung dieser fernöstlichen Welt einfach nur schön ist. Wunderschön, staunenswert und packend. Gemeinsam mit dem Text, der sehr gelungenen Kolorierung, dem perfekten Layout und der herausragenden Druckqualität ist "Seide und Schwert - Das Wolkenvolk, Buch 1: Whisperwind" absolut empfehlenswert.