Richter sträubte sich zeit seines Lebens davor, Gesamtaufnahmen zu machen. Sein Repertoire war gigantisch - ohne Frage - aber Gesamtaufnahmen der Beethoven Sonaten, der Chopin Etudes, der Skriabin Sonaten, der Rachmaninoff Preludes usw. wird man bei ihm vergeblich suchen. Stücke, die er nicht mochte oder die ihm nicht lagen, sparte er ganz einfach aus und ließ sich von niemanden dazu überreden ein Werk aufzuführen, von welchem er nicht 100%ig überzeugt war. Somit bleibt wohl die Gesamteinspielung des „Wohltemperierten Claviers" Bände I und II die ganz große Ausnahme in den Tondokumenten, die uns Richter hinterlassen hat. In Monsaingeon's Dokumentarfilm „Richter - the enigma" erzählte der Pianist über seine intensive Beschäftigung mit Bach, dass er nämlich das gesamte erste Band innerhalb eines Monats auswendig spielen lernte. Man mag dies für etwas überdrehte und durchaus akrobatische Gehirngymnastik halten, die Resultate dessen jedoch lassen sich hören. Richter spielte in den folgenden Konzertjahren enorm viel Bach, so viel, dass die Leute ihn baten, damit aufzuhören, „ihnen so viel Bach zuzumuten". Zumindest zeigt dies Richters uneingeschränkten Enthusiasmus und seine nicht enden wollende Faszination für Bach. Richter selbst meinte ja, dass man von Zeit zu Zeit Bach hören sollte, und dass dies allein schon vom hygienischen Standpunkt aus eine gute Sache sei. Und Richters Bachspiel ist absolut überzeugend. Überzeugend vor allem, dass Richter für jede der insgesamt 48 Präludien und Fugen den richtigen Ton zu treffen scheint: mal stürmisch und brillant seine ganze Virtuosität ausspielend, mal ruhig und bedacht, mal völlig meditativ und entrückt. In manchen Fugen wie etwa der großartigen 5-stimmigen Fuge in cis-moll oder der h-moll Fuge aus dem ersten Band bleibt bei Richter die Zeit stehen, absolut beeindruckend, wie er das macht. Einmal hineingehört ist man gebannt und hypnotisiert von dieser höchsten Musik in Vollendung. Nur sollte man vielleicht nicht alle 48 Präludien und Fugen hintereinander hören, das wäre wohl des Guten zu viel. Und Bösendorfer hin und Steinway her, die Klangqualität ist wirklich mulmig, das einzige, was an den sonst makellosen Aufnahmen stören mag.