"Das wohltemperierte Clavier" von Johann Sebastian Bach gilt seit jeher als eine der gewaltigsten und umfangreichsten Kompositionen für Tasteninstrument. Als "altes Testament der Klavierliteratur" steht es gleichberechtigt neben den 32 Klaviersonaten Ludwig van Beethovens, dem "neuen Testament". Bach zelebriert hier in zwei Büchern ein wahres Fugenfestival. Für jede Tonart setzt er in der Regel ein Prélude und eine Fuge. Einige der Melodien, die er dabei entwickelt, zählen zu seinen schönsten und besten. Auf viele nachfolgende Pianisten wie Beethoven oder Chopin hatte "das wohltemperierte Clavier" großen Einfluss und auch heute noch zählt es zum Standardrepertoire vieler Klavierschüler und berühmter Klaviervirtuosen. Die vorliegende Einspielung in hervorragender Aufnahmequalität stammt aus den Jahren 1972 und 1973 und legt umfassend Zeugnis über Friedrich Guldas lebenslanges Band zu Bachs Musik ab.
Die Frage, die sich immer stellt, wenn es um barocke beziehungsweise vorklassische Musik für Tasteninstrument geht, ist die nach der Wahl des Instrumentes. Obwohl Gulda viele Bach Aufnahmen original auf dem Cembalo oder - häufiger - dem Klavichord spielte, so entscheidet er sich hier für den modernen Flügel, wahrscheinlich deswegen, weil "das wohltemperierte Clavier" wie keine andere Komposition Bachs für ein Tasteninstrument den Rahmen des herkömmlichen Cembalos sprengt. Der Konzertflügel kann die unendlichen Weiten und die schier endlose Tiefe des Fugenkosmos' des Thomaskantors weitaus besser und transparenter erfassen. Zudem geht Gulda sehr sparsam mit dem Gebrauch des Pedals um und vermeidet es, in romantischer Manier bestimmte Töne besonders lange zu ziehen. Seine Darbietung ist an keiner Stelle akademisch, wie man es leider immer wieder hören muss. Stets ist sein Spiel vom Feuer der Leidenschaft durchglüht. Er nimmt sich die größtmögliche interpretatorische Freiheit - immerhin versah Bach seine Partituren mit nur recht wenigen Spielvorschriften. Er spielt Bach nicht nur, er nimmt sich die Noten her und erfindet jede Fuge, ja, jedes Prélude neu. Dabei verfälscht er aber niemals die musikalische Aussage oder lässt es an Demut vor dem Oeuvre mangeln. Dezent versteht er es, effektvolle Akzente zu setzen und sein Spiel stets perlend nuanciert im Fluss zu halten. Sein warmer Anschlag und sein lyrischer Gesang auf dem Klavier eröffnen dem Hörer wie keine andere Deutung dieses viel geschundenen Werkes die sinnliche Ebene der Musik. Durchgängig hält Gulda seine Darbietung differenziert und transparent. Auf allzu schneidende Kontraste verzichtet er weitest gehend, indes die Stücke selbst bereits kontrastreich genug sind. Dennoch hat man auch bei den weniger spektakulären Préludes und Fugen nie das Gefühl, dass die Töne versanden oder es den Klängen an innerer Spannung fehlte.
Fazit: In meinen Augen die beste und homogenste Darbietung dieses unermesslichen Kosmos' an kontrapunktischen Kostbarkeiten!
Although I cannot understand German, but I know definitely all reviewers here have given a lot of positive appraisal words. The rendition of Friedrich Gulda is so celestial that I can't help to share my feeling with other reviewers here and all the Gulda fans.
The Well-tempered Clavier has two books and each book comprises twenty four pieces of `Preludes & Fugues'. Any piece among these forty eight preludes & fugues is a real challenge for the player, no matter shorter or longer in terms of playing time.
His performance, taped in early 1970s when Gulda was at his peak, is a unique execution with unbelievable clarity, exquisite nuance portrayal, just right pace and masterly control on dynamics from the pianissimo through the fortissimo. All these factors make his reading so revealing as well as persuasive in presenting the grandeur fabric of Bach's masterpiece as if the music is endowed with vivid life, evolving and growing spontaneously, and the player doesn't interpose between the listener and the music any more. Moreover, Gulda's staccato technique is pretty fascinating.
Friedrich Gulda ranks absolutely among greatest Bach exponents in the world, such as Edwin Fischer, Sviatoslav Richter and Glenn Gould. Oh, surely, the harpsichord version from Wanda Landowska is another miracle. It's a great pity for me not listening to Rosalyn Tureck's interpretation yet.
Gulda spielt hier - ebenso wie bei seiner Beethoven-Edition - als ginge es um sein Leben. Tiefernst, äußerst gewissenhaft und auch äußerst radikal. Gulda zaubert aus ein und demselben Flügel eine enorme Anzahl von Klangfarben, sozusagen eine eigene Tönung für jedes Stück. Dieser Ansatz wird dem Entstehungsprozess des Wohltemperierten Klaviers bestens gerecht, denn dieses Gipfelwerk wurde auch nicht für eine einzige Klangfärbung komponiert; vielmehr sind die Stücke ganz offensichtlich teilweise für das intime Clavichord geschrieben, teilweise für das große zweimanualige Cembalo und teilweise für Orgel. Gulda hat bei den Aufnahmen gesagt, er sei froh, sich mit solch verschiedenen Instrumenten nicht herumschlagen zu müssen, da er einen modernen Flügel mit großer klanglicher Variantsbreite habe. Recht hat er! Herausgekommen sind Aufnahmen für die Ewigkeit.