Das Wittgengensteinprogramm ist das erste Buch, das ich von Philip Kerr gelesen habe. Und ich freue mich jetzt schon auf die anderen Bücher, die Kerr geschrieben hat. Er ist für mich eine richtige Neuentdeckung, auch wenn eingefleischte Krimi- und Thrillerfans ihn schon seit Jahren kennen mögen!
Der Krimi spielt im Jahr 2013, zumeist in London, und entwirft eine Gesellschaftsvision im Orwellschen Stil. Dabei kommt einem diese Welt aber nicht utopisch abgehoben vor, sondern erscheint als eine glaubwürdige logische Weiterentwicklung dessen, was man an (pseudo-) demokratischen, technologischen und kriminologischen Standarts heute schon kennt. Die Story ist sehr intelligent und die wichtigsten Charaktere vielfältig und interessant gezeichnet. Es soll aber nur soviel verraten werden: Philosophie spielt eine zentrale Rolle, was der Titel bereits andeutet. Der Serienmörder, den es zu fassen gilt, ist im Privaten ein beflissener Philosoph, dessen Taten von ethischen Motiven geleitet werden. So jedenfalls ist seine Überzeugung. Chefinspektorin Jake hingegen, eine der wenigen Frauen in der Männerdomäne von New Scotland Yard, sieht sich mehr und mehr angezogen von der intellektuellen Herausforderung, die dieser Fall für sie mit sich bringt. Sie stürzt sich in das Studium der Sprachphilosophie Wittgensteins und überwindet im Laufe der Handlung ihren über Jahre hinweg gepflegten, durch die Beziehung zu ihrem Vater entwickelten Männerhaß. Hinzu kommt, daß von Kapitel zu Kapitel die Perspektive wechselt: einmal Isodora Jakowicz (Jake) samt Rahmenhandlung, ein nächstes Mal die subjektiven Sichtweisen des Killers mit dem Decknamen Wittgenstein. Das ist großartig und gibt der Story einen besonderen Drive!
Noch etwas: Ich könnte mir vorstellen, daß Jake eine tolle Serieninspektorin abgeben würde und wünschte, Kerr würde noch einige Fälle mit ihr als Killerjägerin erfinden. Die literarische Figur dieser Frau ist sehr faszinierend und zu vieldimensional, als daß dieser eine Roman ihrer Persönlichkeit genügend gerecht werden könnte.