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Das Wittgenstein Haus [Gebundene Ausgabe]

Bernhard Leitner


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Kurzbeschreibung

2000
Diese Dokumentation mit zahlreichen Skizzen, Zeichnungen, Plänen und Fotografien bietet neue Forschungsergebnisse zu der eigenwilligen Bauästhetik des bedeutenden Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein.

Das Wittgenstein Haus in Wien gilt als bedeutsamer Markstein der Baukunst des 20. Jahrhunderts. Paul Engelmann, ein Schüler von Adolf Loos, wurde 1925 von Margarethe Stonborough mit der Planung ihres Stadthauses betraut. Der Bruder der Auftraggeberin, der Philosoph Ludwig Wittgenstein, wurde auf eigenen Wunsch wenig später in die Planungsarbeit einbezogen. Schon die Einreichpläne sind ganz von Wittgensteins Bauästhetik geprägt. In der Ausführung manifestiert sich seine eigenwillige und einzigartige Architektursprache: vom Raumbegriff bis zum Detail einer Bodenfuge. Eine Baukunst, die den Eindruck von elementarem Bauen vermittelt, aber gleichzeitig von feinnerviger Künstlichkeit zeugt.

Bernhard Leitner, dem es wesentlich zu verdanken ist, dass das Wittgenstein Haus 1971 vor dem Abbruch gerettet wurde, legte 1973 die erste umfassende Dokumentation über die Architektur von Ludwig Wittgenstein vor. (Das zweisprachige Buch »The Architecture of Ludwig Wittgenstein« ist inzwischen vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich). Sachkundig und detailgenau stellt der Autor nun anhand von Skizzen, Zeichnungen, Plänen, Fotografien und Fotoserien neue Forschungsergebnisse vor. Er zeigt eine erweiterte und vertiefte Sicht des Baues: die ebenso reduktive wie verdichtete Kunst-Sprache dieser Architektur als eine Schule des Sehens. Zum Autor:

Bernhard Leitner *1938, Architekturdiplom 1963. 1969-1971 Urban Designer im Stadtplanungsamt von New York City. 1972-1981 Associate Professor, New York University. Seit 1987 Professor an der Universität für angewandte Kunst in Wien, Leiter der Meisterklasse für Gestaltungslehre. Ton-Raum-Künstler; Ausstellungen u.a.: P.S.1 (1979), documenta 7, Biennale Venedig (1986), Donaueschinger Musiktage (1997), Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, Berlin (1999). Zahlreiche permanente Ton-Raum- Installationen. 1999 Preis der Stadt Wien für Skulptur.

»Das Haus - das Buch: ein Ereignis von imponierender Besessenheit.« Die Zeit

»Leitner dokumentiert sorgfältig bis hin zu den unzähligen Details Wittgensteins architektonisches Denken.« Stuttgarter Zeitung

»Der Leser findet hier faszinierende Baudetails und bisher unveröffentlichte Manuskripte, Briefe und Pläne.« Detail«

»Ein ebenso detailliertes wie berührendes Bild des Wittgenstein- Hauses, von dessen wechselvoller Geschichte und der dramatischen Rettung vor dem Beinah-Abriss 1971.« design report

»Eine Bibel für Puristen.« Häuser


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Pressestimmen

Buchnotiz zu : Die Tageszeitung, 18.05.2001
Brigitte Werneburg findet, dass es kaum "aufregendere" Bücher über Architektur zu lesen gibt. Ihrer Ansicht nach hat der Autor bei seinen Recherchen zu Wittgensteins Planung dieses Hauses, das seit 1976 Bulgarien gehört und seitdem verfällt, allerhand verblüffende Details zu Tage gefördert, etwa ein vom Philosophen ausgetüfteltes System für versenkbare Fensterverriegelungen oder eine besondere Form der Fußbodenheizung. Dass Leitner gar nicht erst versucht, diesen Bau als "Fortsetzung der Philosophie mit anderen Mitteln" zu verstehen, gehört für Werneburg zu den ausgemachten Stärken dieses Bandes. Stattdessen habe Leitner sich auf die architektonischen Probleme und Lösungen konzentriert, mit denen sich Wittgenstein befasst hat. Werneburg betont, dass es sich hier um ein "ganz und gar unfotogenes" Haus handelt, und deswegen schon oft als nicht erhaltenswürdig eingestuft wurde. Die Besonderheit des Baus liegt vielmehr, so die Rezensentin darin, dass es "benutzt werden will" und völlig auf die Bedürfnisse der Bewohner zugeschnitten wurde. In Leitners Buch Werneburgs Ansicht nach dabei erstmals deutlich, wie durchdacht der Bau in dieser Hinsicht in Wirklichkeit ist.

© Perlentaucher Medien GmbH
-- Perlentaucher.de

Einfach – aber nicht bescheiden

Das Haus Wittgenstein und die klassische Moderne

«Ich glaube, ich habe nie eine Gedankenbewegung erfunden, sondern sie wurde mir immer von jemand anderem gegeben, und ich habe sie nur sogleich leidenschaftlich zu meinem Klärungswerk aufgegriffen.» Diese Worte von Ludwig Wittgenstein finden sich in den «Notizen», die Bernhard Leitner seinem Buch über das Wittgenstein-Haus voranstellt. Dem Autor ist es zu verdanken, dass das Gebäude an der Wiener Kundmanngasse 1971 in einer dramatischen Aktion vor dem Abriss gerettet wurde.

Die erste Bauphase des Wittgenstein-Hauses im Jahre 1926 war bestimmt durch eine enge Zusammenarbeit von Margarethe Stonborough-Wittgenstein, der Schwester Ludwig Wittgensteins, als Bauherrin, dem Loos-Schüler Paul Engelmann als Architekt und Ludwig Wittgenstein als Beobachter und Einflüsterer. Leitner erkennt bereits in einer Planskizze vom Mai 1926 die «architektonische Hauptidee von klarem Gestus: eine zentrale Halle mit angrenzendem Musikzimmer, Speisezimmer und Frühstückszimmer», die er sich nur aus dem Zusammenspiel von Margarethe und Ludwig Wittgenstein erklären kann. In den übrigen Räumen sei dagegen die Loos'sche Bauschule deutlich ersichtlich. Engelmann, der schliesslich Wittgenstein in die Planung einbezog, bekannte in einem Brief von 1953, dieser sei «der eigentliche Architekt» gewesen. Das lange Schweigen der Fachwelt zum 1928 vollendeten Haus Wittgenstein erklärt der Autor mit einer radikal neuen, aber eben nicht dem Geist der frühen Moderne verpflichteten baukünstlerischen Sprache. Architekten, wie der damals junge Ernst Plischke, fassten später ihre Abneigung gegen den Bau unter dem Stichwort «Dilettantismus» zusammen. Andere zweifelten daran, dass Wittgenstein wesentlichen Anteil an Planung und Ausführung hatte. Leitner bescheinigt auch der Forschung Blindheit für eine Architektur, die bewusst «keine Wohn- oder Stilform» habe, dafür einen «Raum-Sinn», der «in den eng verknoteten Raum-Verbindungen, in Material, Farbe und im Detail» spürbar sei.

Unerwähnt bleibt bei Leitner die ins Auge springende Verwandtschaft dieser Architektur mit dem von den Avantgarden propagierten «Stil jenseits der Stile»: das gleiche Streben nach Einfachheit, dieselbe Schmucklosigkeit bis zur Askese, Präzision, formale Reduktion sowie eine klare Beziehung der Teile aufeinander und auf das Ganze. Doch Wittgensteins Einfachheit gilt nicht der Ökonomie, denn alles ist Einzelanfertigung. Seine Vorliebe für Metall und Mechanik gilt nicht einer fortschrittlichen Technologie, sein Sinn für Präzision verträgt sich mit Massverschiebungen, etwa den unterschiedlich dimensionierten Bodenplatten in den einzelnen Räumen. Kein Wunder, dass die Vertreter des Neuen Bauens hier eine feindliche Übernahme, wenn nicht eine Verunglimpfung ihrer ideologisch fundierten Ästhetik witterten. Loos, der den Architekten zum Dienst an der Menschheit berufen sah, hatte die Devise ausgegeben: «Genug der originalgenies! Ein haus gleiche dem anderen!» Wittgensteins Impetus ist ein grundsätzlich anderer. Architektur, wie er sie denkt und in einem einzigen Bauwerk zu verwirklichen sucht, sollte, so Leitner, auf nichts als auf sich selbst verweisen.

Der Autor lässt in seinem Porträt des Bauwerks «die von Anfang an gewünschte, in keiner Weise aber programmatische Absonderung» als «Haltung» eines Individualisten erkennen. Ganzseitige Schwarzweissfotos und eine knappe, auch dem Laien verständliche Sprache beleuchten seine Entdeckungen. Der Besucher wurde (vor der Verlegung des Haupteingangs) durch einen leicht längsrechteckigen, als «Eingang» deklarierten Raum, einen anschliessenden quadratischen «Vorraum» und durch eine Glastüre über eine halbgeschossige Treppe in die zentrale «Halle» geleitet. Der in sich geschlossene Raum fungiert durch Türen an allen Seiten gleichzeitig als «Gelenk» auf dem Weg zu Saal, Wohnzimmer, Terrasse und dem in der Achse des Eingangs liegenden Treppenhaus mit Aufzug. Das aus der Sicht der Moderne inakzeptable räumliche Sowohl-als-auch gibt dem Erdgeschoss seine singuläre architektonische Gestalt. Leitner spricht von der «Zeit-Dimension», die der «statisch-würdevollen Ästhetik» widerspreche.

Bei den einheitlich vertikal gegliederten zweiflügeligen Fenstern, Türen und Fenstertüren bringt der Wechsel von transparenten und transluziden Scheiben (im Staccato von Neben- oder Hintereinander) Bewegung ins räumliche Gefüge. Die Passagen mit verglasten Doppeltüren zwischen der Halle und den angrenzenden Räumen interpretiert der Autor als «Zelebrieren» einer kurzen Wegstrecke. «Beim Schliessen der Doppel-Türe faltet sich dieser Weg-Raum wieder zurück in die Wand.» Für nackte von der Decke hängende Glühbirnen, wie sie Wittgenstein für alle Räume vorschrieb, war die Zeit noch nicht gekommen. Leitner ist solchen Brüskierungen der damaligen Avantgarde mit sichtlichem Vergnügen auf der Spur. Er entdeckt sie nicht zuletzt in den technischen Details, die sorgfältig beschrieben und unter funktionalen und ästhetischen Gesichtspunkten bewertet werden. Zu den Missverständnissen, denen das Haus nach dem Krieg ausgesetzt war, gehört die weisse Ausmalung sämtlicher Innenwände. Wittgenstein selbst hatte einen auf den Charakter der einzelnen Räume farbig abgestimmten, seidig schimmernden Stuccolustro verwendet.

Die im Buch dokumentierte Rettung des Wittgenstein-Hauses besitzt eine doppelte Lesart, als mutige Einmann-Aktion und als kulturpolitische Posse rund um einen Wiener Klüngel aus Architekten und Denkmalschützern. 1975 wurde das Haus an Bulgarien verkauft. Bei der Renovierung für die Nutzung als Kulturinstitut wurden auch Wände eingerissen – für den Retter Bernhard Leitner ein «sinnentstellender» Angriff auf die Architektur, der «durch keine Nutzungsänderung zu rechtfertigen ist».

Gabriele Hoffmann -- Neue Zürcher Zeitung


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