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Volker Brauns düstere Erzählungen
«Was wollen Sie?», fragt das schöne, in der Toscana gestrandete albanische Flüchtlingsmädchen den alten Professor, der herzklopfend vor ihr das Hemd öffnet. «Was wollen sie?», fragt am Ende der Geschichte der alte Professor seine mit ihm im Blut liegende Ehefrau, als die Albanerin und ihr dunkeläugiger Freund überlegen grinsend vor ihnen stehen wie unverschämte Sieger. «Was will sie, was will er», fragt der Erzähler in der zweiten Geschichte, als der arbeitslose Lehrer im sibirischen Niemandsland den Kopf der verelendeten Ingenieursfrau, die zu ihm duschen kommt, in die Hände nimmt. «Was willst du, [. . .] was willst du», so steht es als eine Figur der Verschränkung im letzten Text, wo es einem neunzigjährigen reichen Architekten in Rio nicht gelingt, einen neunjährigen Knaben von der Strasse zu holen und wie ein Wolfskind bei sich aufzuziehen.
Die Frage, Aufforderung und Ablehnung zugleich, bündelt Angst und Verlangen, Gier nach Leben und bange Erwartung, dass es endlich vorbei sei. Denn die, die fragen, wissen die Antwort genau. Manchmal haben sie nur nicht den Mut, sie zu verstehen. Dann bricht die Geschichte ab (sie bricht «wirklich» ab, ohne Satzzeichen, als habe es dem Autor die Sprache verschlagen).
«Das Wirklichgewollte», jüngstes Bändchen des diesjährigen Büchnerpreisträgers Volker Braun, versammelt drei sehr kurze Erzählungen. Es sind motivische Variationen über die Frage des Alters, danach, was ein Leben noch am Leben halten kann. Ihr überzeugendstes Argument ist die Erotik, ihr verdrängter und atemlos gesuchter Fluchtpunkt der Tod.
Das Leben der Protagonisten ist geleistet. Es war erfolgreich wie das des Professorenehepaars, das auf seinem Landgut ein sanftes Paradies zwischen Nüssen und Wein geniesst, oder es ist gescheitert wie das des ehemaligen Eisenbahningenieurs und seiner Frau, die nach dem Untergang der Sowjetunion auf den einst gefeierten, nun stillgelegten Strecken in einem Waggon dahinvegetieren. Gemeinsam ist den Figuren ihre politische Desillusionierung: Die Revolutionen, die Gerechtigkeit für alle verhiessen, fanden nicht statt, nicht in Italien, nicht in Russland, nicht in Südamerika.
Das Alter bringt nun den Überfall einer nicht geahnten Gewalt. Es kommt eine amoralische Jugend mit mythischer Kraft, die jeder gegen jeden das schiere Überleben will und dafür auch tötet. Für die gesetzten Erwachsenen bleiben sie faszinierend. Sie wollen ihr Bestes im doppelten Wortsinn. Die Alten, die schon stinken (wie Erde, wie altes Laub), suchen neuen Atem und weiche Glätte («Ihre Hand lag auf der jungen Haut wie auf der Folter», so über die italienische Professorengattin, nachdem sie den Albaner zum Waschen gezwungen hat). In Volker Brauns sprachlich makellos schönen Miniaturen gibt es am Ende des Lebens keine humane Perspektive mehr. Die Jugend meutert wie eine böse Erlösung, als dürfe das Leben nicht und niemals mit dem Tod versöhnen.
Angelika Overath
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Die Melancholie am Ende des Jahrhunderts,
Von Rezensent "Rezensentin" (Süddeutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Das Wirklichgewollte (Gebundene Ausgabe)
In den drei Erzählungen von Volker Braun - keine ist länger als 13 Seiten - werden Menschen, die bislang eine gesicherte Existenz hatten, plötzlich mit Unvorhergesehenem konfrontiert: ein italienisches Ehepaar, das, als es vom abendlichen Spaziergang in seine Villa zurückkehrt, ein Einbrecherpärchen (vermutlich Flüchtlinge vom Balkan) vorfindet; ein russisches Ehepaar, das in Sibirien Gleise verlegt hat und nach dem Zusammenbruch des Sozialismus in einem Waggon auf einem sibirischen Bahnhof ein ärmliches Dasein fristet; ein 90jähriger brasilianischer Architekt, der aus Mitleid einen bettelnden Jungen aufgabelt und nachts, in seinem Bett liegend, plötzlich von der Bande des Jungen umzingelt wird. Alle Alten in dem Buch blicken auf das 20. Jahrhundert zurück - sie befällt das, was in einem Film von Theo Angelopoulos einmal als die „Melancholie am Ende des Jahrhunderts" umschrieben wird - und die Alten fragen sich: war das, was sie erreicht haben, beruflich, politisch und privat, wirklich das, was sie gewollt haben? So sagt sich etwa der Architekt sehr bitter: "Das Jahrhundert hat, was sich denken ließ, getan." Man merkt, daß hier jemand, der an sich (oder zumindest auch) Lyriker ist, Prosa schreibt: Manche Sätze gehen über eine Seite, und es ist eine äußerst dichte Sprache, die in einem Nebensatz alles deutlich machen kann. Volker Braun, der diesjährige Träger der Büchner-Preises - der bedeutendsten Auszeichnung für deutschsprachigen Literatur -, bricht im jeweils entscheidenden, dramatischsten Moment die Erzählung ab (wie wenn man im Kino sitzt und der Film ausgerechnet dann reißt, wenn der Gangster die Pistole zückt und auf das Opfer zielt). So bleibt es der Phantasie des Lesers überlassen, die Frage zu beantworten, was wirklich gewollt war (vielleicht insgeheim ja das, was den Figuren in den Erzählungen plötzlich widerfährt?) und wie es weitergehen könnte - mit der Geschichte, die uns Braun erzählt hat, und mit der Zeit, in der wir leben. Bravourös. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
5.0 von 5 Sternen
Revoluzionäres zwischen Wollen und Wirklichkeit,
Von H.-Peter Gruenebach (Deutschland, Bayern) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Das Wirklichgewollte (Gebundene Ausgabe)
Die poetische, rhythmisch-getragene Sprache der Kurzprosa hebt den Leser an. Die drei Geschichten von "das Wirklichgewollte" sind inhaltlich völlig unterschiedlich. Jedoch haben sie mindestens eines gemeinsam: Das Rätselhafte.Nachdem ich alle drei Erzählungen ein zweites Mal gelesen hatte, fiel mir auf, dass die Handlungen miteinander kommunizieren. Die Titel-Kernfrage taucht wiederholt auf: Was wollen Sie?" In revolutionären Gegensätzen zwischen Alt und Jung, Arm und Reich, beschreibt der Autor, wie, einmal in der Toskana, dann in Sibirien und in Rio, etwas Neues in Bestehendes einbricht und das Leben der Etablierten radikal verändert. In der, aus der neuen Situation entstehenden Handlungseskalation bleibt der Ausgang offen. Es bleibt dem Leser überlassen, ob Happy End oder Tragödie. Fazit: Eine brillant geformte deutsche Sprache kombiniert Spannung, wechselnde Orte und die revolutionären Ansätze eines sozialistischen Weltbildes. Sehr lesenswert! 14.07.2010 Hans-Peter Grünebach Autor Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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