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Das Wespennest
 
 
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Das Wespennest [Gebundene Ausgabe]

Peter O. Chotjewitz


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Neue Zürcher Zeitung

Endmoräne

«Das Wespennest» von Peter O. Chotjewitz

Der Titel des neuen Romans von Peter O. Chotjewitz ist gut gewählt. Denn seine Prosa summt und brummt wie ein Wespennest. Der mittlerweile im Pensionsalter angekommene Autor fabuliert jugendlich drauflos, als hätte es nie eine Krise des Erzählens gegeben. Die Maxime, der er folgt, liefert der Roman gleich mit: «Ein Roman ohne Handlung ist wie ein Bordell ohne Huren.» Markige Sprüche und pralle Handlungsstränge bietet der Roman in Hülle und Fülle. Er ist eben dem Titel folgend wie ein Wespennest. Und er leistet sich viele Stiche ins selbe. Hat er doch keine Scheu vor Anspielungen oder auch direkten Nennungen von zeitgenössischen Politikern, Schriftstellern, Essayisten und Literaturkritikern. Und wer seinen Spass daran haben mag, dass eine Figur «1. FC Debius» genannt wird, weil sie Fussball liebt und moralisierend denkt, dem sei dieser Lektürespass gegönnt.

Wer zumindest zweihundert Leser haben will, muss eben zweihundert Leute namentlich oder doch in deutlich identifizierbarer Weise anführen. Chotjewitz scheut auch vor diesem alten Trick nicht zurück (Manfred Mosers Prosa «Second Land» hat ihn perfektioniert). Ob mehr als die im Roman angeführten zweihundert Leute Grund haben, ihre Lebens- in Lesezeit zu konvertieren und sich dem «Wespennest» auszusetzen, ist jedoch fraglich. Genauer: ist eine Stimmungsfrage. Die Handlung könnte diese Zuwendung zumindest teilweise rechtfertigen, wenn sie denn eine wirkliche Pointe hätte. Erzählt wird die Lebensgeschichte eines gewissen Karl-Otto Modjewski (Assonanzen mit dem Namen seines Autors sind offenbar einkalkuliert). Er kehrt in das nordhessische Nest zurück, in dem er seine Jugend verbrachte, und bezeugt oder eben zerfasert in narrativer Lust an Um- und Abwegen die Ereignisse, die sich dort vor und nach 1945 begeben haben.

In ihrem schwirrenden Kern: eine unidentifizierbare, weil von Wespen zerfressene Leiche, die 1933 an einem Scheunenbalken aufgehängt gefunden wird. Der juristisch und erzählerisch nie ganz geklärte Hintergrund: Der junge Baron Etzel von Horwitz, genannt Horre, lässt sich von Gil von Pufendorf, genannt Pufi, zum Lotterleben inklusive Glücksspiel verführen. Er macht Schulden beim Halbjuden Felix Reissmüller, der seine Schwester, Baronesse Claire, begehrt und, als er von der Familie abgewiesen wird, mit den Schuldscheinen wedelt. Felix macht seinem Namen keine Ehre; er und Claire verschwinden von der Bildfläche, die nie identifizierte Wespenleiche taucht auf, und Horre, der in der jungen Bundesrepublik ungeachtet oder wegen seiner NS-Vergangenheit eine Karriere als FDP-Politiker macht, sieht sich dem Verdacht ausgesetzt, eine Leiche eben nicht im Keller, sondern in lichter Scheunenhöhe zu haben.

Wespen sind bekanntlich weniger strikt organisiert als Bienen. Sie schwärmen durcheinander, sind egoistisch, haben wenig acht auf ihresgleichen und den Rest der Welt. Um das Zentrum dieser Wespengeschichte herum gruppieren sich, wiederum dem programmatischen Titel entsprechend, zahlreiche Nebengeschichten, die häufig ins Anekdotische abgleiten und nicht immer so tönend erzählt sind wie die, die Modder zusammen mit einem Freund in den ersten Nachkriegsjahren nach Bayreuth, also ins Zentrum deutscher Todesseligkeit, radeln und dabei Zeugen eines grauenvollen Autounfalls werden lässt. Statt Millionen von Kriegstoten, die ersten Autounfalltoten, im Nachkriegsdeutschland, deren Zahl sich mittlerweile auf fast eine Million beläuft: In solchen Szenen verdichtet sich ab und an der ansonsten mäandernde und zu häufig ins Kalauernde abdriftende Roman.

Chotjewitz' Lust am Erzählen durchkreuzt sich selbst, weil sie die Überschreitung der Grenzen nicht scheut, die das Erzählen vom Fabulieren und das Fabulieren vom Schwadronieren trennen. So als wollte er den Traditionalismus seiner Erzählkunst avantgardistisch überkompensieren, endet der Roman mit einer misslungenen Travestie der literarischen Moderne. Drittletzte Abschnitte wie «Endmoräne du erzählten und ein Palästina so machen wabbel-wabbel-wabbel-wabbel-wabbel-wabbel-wabbel-wabbel-wabbel-wa» und Schlusssätze wie «Endmoräne du Spiegelei» sind eben auch dann einfach nur misslungen, wenn sie ersichtlich als Parodie gedacht sind. Im Wespennest geht es drunter und drüber. Statt der grossen, witzigen, bündigen Geschichte, die der Roman anfangs zu versprechen scheint, verhaspelt er sich. Was bleibt, ist ein wirrer Sound, der nicht immer angenehm klingt. Wer will, kann noch darin zeitdiagnostisch Angemessenes gewahren. Der Titel des Romans ist jedenfalls gelungen.

Jochen Hörisch

Kurzbeschreibung

Zwischen der Maifeier 1933 und der Loslösung Bayerns vom Bund im Frühjahr 1999 erstreckt sich der Sonderweg, auf dem die nordhessische Kleinstadt Hofacker den erzählerischen Mittelpunkt bildet, der nur noch als Phantasmagorie aufscheint, wenn der Heimkehrer sich nähert, und im Rückspiegel verschwindet, sobald er das Nest passiert hat.
Das Kaleidoskop des Gewesenen kreist um den sozialen Abstieg der Sippe des Gutsbesitzers von Horwitz, etliche gescheiterte Karrieren, die Person des Helden Karl-Otto Modjewski, genannt Modder, die sexuellen Eskapaden des bayerischen Uradels, einige Freunde Modders, die spurlos verschwinden oder erblinden, das Bayreuther Festspielhaus, drei oder vier Mordfälle, die RAF, ein Fluchthilfeunternehmen, einen Abend mit Elvis Presley, eine Reise nach Tuscon/Arizona, einen Nachmittag an der Ostfront, die Revolution von 1830 etc.
Nichts gibt Halt in dieser Welt, die zerbröselt wie ein altes Wespennest, nicht einmal ein florierendes Bestattungsunternehmen. Jeder Versuch, sich eine Geschichte zu basteln, endet mit einem Reinfall, und auch die Berliner Mauer war nicht von Dauer.

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