Robert Kurz eröffnet uns in sehr überzeugender Weise einen Einblick in den globalen Zerfallsmechanismus kapitalistischer Zwangsökonomie, die sich in einem immanenten und unaufhebbaren Widerspruch befindet. Der Kapitalismus bewegt sich unaufhörlich auf sein destruktives, barbarisches Ende zu. Angesichts dieser Entwicklung fordert Kurz eine "neue Erklärung der Logik und Geschichte des Kapitalismus" (S. 34). Kurz wendet sich vor allem gegen eine "verkürzte Kapitalismuskritik", die meint, eine gesonderte Kritik am Finanzkapital üben zu können, ohne dabei gleichzeitig das Kapital überhaupt als Weltsystem/-kapital in Frage stellen zu müssen. Eine "verkürzte Kapitalismuskritik" macht sich demnach mehr oder weniger unfreiwillig eines "strukturellen Antisemitismus" schuldig.
Für Robert Kurz ist klar: Der Kapitalismus ist ein global umfassendes, in die Welt des täglichen Lebens der Menschen (geistig-seelisch-physische Zerrüttung, abstrakte Arbeit, zwischenmenschliche Konkurrenz etc.) hineinreichendes Weltsystem. Der unaufhebbare Widerspruch von Nationalökonomie und Weltmarkt erlaubt keine immanenten Teillösungen. Schwindet ein Element des Weltkapitals, bricht das Weltkapital als Ganzes in sich zusammen. Das Resultat ist dann keine bessere Welt, sondern kündigt sich heute schon an in barbarischen "Warlord-Strukturen", "terroristischen Subkulturen", "nationalen Gewalt- und Menschenverwaltungsapparaten (wie im Irak, in Afghanistan oder im ehemaligen Jugoslawien)" (S. 457).
Obwohl mir Robert Kurz' Kritik sehr entgegenkommt, wird ein nach meiner Überzeugung wesentlicher Aspekt radikaler Kapitalismuskritik in seinem neuen Buch wiederum nicht deutlich thematisiert. Es geht um die Frage, woher sich echte Kapitalismuskritik grundsätzlich speist (vergleiche dazu auch meine "Existentielle Kritik kontra 'negatorische' Kritik"). Robert Kurz meint, sich mit seiner radikalen Theorie über moralische Beweggründe in der Bewertung des Kapitalismus erheben zu können (wie schon Karl Marx). Aber daß z.B. der Begriff "Plünderungsökonomie" eine eindeutig wertende Bedeutung aufweist, die sich vom existentiell-konkreten Universalen her speist (z.B. Grundintuition der Menschlichkeit), ist unbestreitbar und widerspricht Kurz' gegenläufiger Intention, die die moralische Bewertung pauschal-undifferenziert mit Fetischbewußtsein identifiziert und ablehnt. Vor dem Hintergrund des mit einer Wertung einhergehenden Begriffs "Plünderungsökonomie", den Kurz mit dem Begriff "Finanzökonomie" gleichsetzt (S. 278), macht er sich nun selbst eines "strukturellen Antisemitismus" verdächtig, sofern er nicht klarstellt, daß seine wertende Argumentation auf einem konkret-universellen Beweggrund beruht, der zu einer wahrhaft ethisch-moralischen Grundhaltung führt - im Gegensatz zur kapitalismusimmanenten und -affirmativen Kritik. Diese Grundhaltung richtet sich z.B. gegen die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen oder gegen die systematische (Selbst-) Abrichtung eines Menschen zu einem "Finanzmanager" (S. 278/ 279) etc.
Die radikalkritische Ökonomik Robert Kurz' überzeugt und beeindruckt mich sehr. Kritisch sehe ich aber z.B. Kurz' Hang zu einem scholastisch anmutenden Begriffsrealismus. Kurz argumentiert so, als wenn die Kategorien des Kapitalismus metaphysisch-objektive Wesenheiten wären, obwohl sie grundlegend im menschlich-subjektiven Geiste entworfene Beschreibungen äußerlich-realer Prozesse und Objektivationen (Ware, Geld etc.) sind. Die Menschen hängen nur allzu gerne ihren Glauben an ihre Objektivationen und schaffen in der Folge einen entsprechenden gesellschaftlichen Formzwang - einschließlich die Ausrichtung der Welt der Objekte (z.B. Technik, Wirtschaft) auf diesen. Und: Demokratie heißt Volksherrschaft. Wenn nun das (Welt-) Volk aus einer freien Gemeinschaft freier ethischer Persönlichkeiten besteht, dann kann mit dem Begriff Demokratie etwas ganz anderes gemeint sein entgegen dem auch in diesem Fall eingeengten Begriffsrealismus Kurz'.
Dennoch, ich begreife das Buch "Das Weltkapital" als eine ethisch-moralische Anklage, die ihren sehr überzeugenden Ausdruck vor allem in einer starken und bloßstellenden Theorie über die Destruktivität einer menschenverachtenden Ökonomie des Kapitals und deren unverantwortlicher Rechtfertigung findet.