Ich kann mich nicht so recht daran erinnern, wann genau ich zum letzten Mal ein Weihnachtsmärchen gelesen oder vorgelesen bekommen habe -vermutlich ist es bereits Jahre her und umso erstaunter war ich deshalb, als mir dieser zauberhafte Weihnachtsroman genau dieses wohlig warme Gefühl eines verschneiten Adventssonntages mit Kerzenschein, weihnachtlicher Vorfreude, köstlichen Bratäpfeln und Plätzchen zurückbrachte.
Miranda, der Protagonistin, sind solche weihnachtlichen Traditionen im Kreise der Familie allerdings fremd. Es sind mehr oder weniger der Zufall und das Schicksal, die sie allein ausgerechnet an Heiligabend in ein kleines, herzliches Dorf in England verschlagen haben - Zufall und Schicksal spielen die Hauptrollen dieser kleinen Geschichte voller Wunder und Miranda erlebt eines nach dem anderen: Zunächst ist es die Gastfreundschaft, die ihr in einer gemütlichen Teestube entgegen gebracht wird, dann das rührende Theaterstück, das sie sich trotz ihres eigentlichen Widerwillens ansieht und letztendlich die Wärme und Herzlichkeit, mit der sie von vermeintlich völlig Fremden über Weihnachten in deren hinreißendes Haus eingeladen wird. Doch ausgerechnet in diesem Haus entdeckt sie - wie es Zufall und Schicksal wollen - an Heiligabend auf dem Kaminsims einen zweiten Abzug ihres rätselhaften Fotos, das einen schreienden Jungen auf dem Schoß des Weihnachtsmannes zeigt. Doch diese Entdeckung ist nur der Anstoß des ersten Weihnachtsfestes ihres Herzens und ihres Lebens.
Auch wenn sich die gesamte Geschichte nur an zwei Tagen (Heiligabend und dem ersten Weihnachtstag) abspielt, entwickelt Miranda sich von einer zerstreuten, verlorenen und einsamen Person, deren Leben in Scherben liegt, zu einer zufriedenen Frau, die nicht nur ihrer Mutter und "Tante" endlich verzeihen kann, sondern auch endlich ihre eigene Identität und somit ihren inneren Frieden findet. Dieses mag vielleicht unrealistisch und viel zu stürmisch klingen, doch Robin Jones Gunn schreibt nicht nur voller Liebe und Wärme, sondern stellt auch insbesondere die Gefühle und die Zerrissenheit der Protagonistin so behutsam und sorgfältig dar, dass ich mich nur zu gut in Miranda hineinversetzen und jede ihrer Entscheidungen nachempfinden konnte. Auch die übrigen Figuren, über die ich nicht zu viel verraten möchte, sind trotz der "wenigen" 190 Seiten alle absolut überzeugend und charakterstark dargestellt.
Jedoch muss die Handlung an sich aufgrund der Kürze bedauerlicherweise ein wenig leiden: Nach dem Höhepunkt, auf den die Geschichte von Beginn an hinarbeitet, ist das Buch auch schon fast vorbei. Ich werde, wie gesagt, nichts verraten, aber ich hätte gerne noch gewusst, wie es nach dem ereignisreichen Weihnachtstag mit Miranda und ihrer gefundenen Familie weitergegangen ist, weshalb wenigstens ein Epilog eine schöne Idee gewesen wäre.
Nichtsdestotrotz ist "Das Weihnachtshaus" ein wunderbares, mitreißendes und gefühlvolles Märchen einer erwachsenen Frau, die zu ihrem ersten richtigen Weihnachtsfest das allergrößte Geschenk bekommt. Jedem, der auf der Suche nach einer traumhaften Weihnachtsgeschichte ist, kann ich dieses nur wärmstens empfehlen kann.