Und es ist doch eine Naturlandschaft. Diesen Eindruck jedenfalls vermittelt das Titelbild des neuen Buches „Das Wattenmeer – Kulturlandschaft vor und hinter den Deichen“. Gezeigt ist die niederländische Insel Griend. Neben Trischen, Mellum, Memmert, Rottumerplaat und Rottumeroog heute ein Kleinod und Musterbeispiel dynamischer Inselnatur.
Etwas verwunderlich ist es schon, ein Buch über die Kulturlandschaft Wattenmeer mit einem solchen Titel in den Händen zu halten. Wäre da nicht eine Luftaufnahme mit kulturhistorischem Inhalt besser geeignet gewesen? So ganz konnten sich Herausgeber, Verlag und Autorenteam wohl nicht auf einen gemeinsamen Nenner verständigen. Auch der Klappentext bringt keine Klarheit. So ist zu lesen: „Erstmalig präsentiert ein faszinierender Bildband Europas größten Nationalpark als einzigartige Kulturlandschaft und zeigt die ganze Vielfalt vor und hinter den Deichen: Natur und Geschichte, kulturelle Vergangenheit und Gegenwart.“ Ich hätte mir etwas mehr Eindeutigkeit in der Titelwahl gewünscht. Aber damit genug der Kritik. Das Wattenmeer ist heute sicherlich beides: Faszinierender und beeindruckender Naturraum und tief verwurzelter Kulturraum.
Anlässlich der 10. Trilateralen Regierungskonferenz zum Schutz des Wattenmeeres auf der niederländischen Insel Schiermonnikoog hat ein international renommiertes Autorenteam, unterstützt von namhaften Fotografen des Küstenraumes, ein beeindruckendes Buch über die kulturhistorischen Aspekte des Wattenmeeres vorgelegt, das vom Gemeinsamen Wattenmeer Sekretariats in Wilhelmshaven herausgeben wurde. Ein groß angelegtes Buchprojekt, das mit drei Verlagen in deutscher, dänischer und niederländischer Sprache realisiert wurde und die populärwissenschaftliche Fassung des wattenmeerweiten.
Mit diesem Bildband wird der kulturhistorische und landschaftliche Wert der Wattenmeerregion auf literarisch-journalistische Weise einem breiten Publikum nahe gebracht. Gezeigt wird die ganze kulturhistorische Spannspreite der Küstenregion, vorgestellt, erläutert und ins Bild gesetzt von regional ansässigen Buchautoren, Historikern, Journalisten und Fotografen.
Quer durch die Geschichte verbinden sie bei Ihren Beschreibungen und Illustrationen die eigenen Erfahrungen und Ansichten mit den Einstellungen und Meinungen von Bewohnern und Besuchern der Wattenmeerregion. Das Verhältnis der Menschen zu Ihrer Landschaft steht dabei im Mittelpunkt und zeigt auf wie Leben, Arbeit und Freizeitgestaltung mit den Eigenschaften und Besonderheiten der Küste gewachsen und bis heute verbunden geblieben sind. Die Texte sind erfrischend geschrieben und verdeutlichen, dass der Küstenraum einerseits nur eine junge Geschichte von ca. 4000 Jahren aufweist, andererseits aber aufgrund der Einflussnahme des Menschen seit ca. 2500 Jahre eine starke Identifikation der Bewohner mit dieser Landschaft erwachsen ist: Ein bis heute empfundener und in früheren Zeiten erlebter Kampf mit dem Meer.
Dieses Buch ist für den Küstenbewohner und Liebhaber des Wattenmeeres ein Muss. Es ergänzt die Darstellungen zum Naturraum Wattenmeer in idealer Weise. Bleibt zu hoffen, dass mit diesem umfangreichen Text- und Bildband ein wachsendes, gemeinsam getragenes Verständnis für die einzigartige Wattenmeerküste als Natur- und Kulturraum gedeihen kann. Schade nur, dass die Druckqualität der Bilder in diesem ja auch als Bildband tituliertem Buch eher dem Erscheinungsbild eines Fotobuches aus historischen Zeiten entspricht.