Verkehrte Welt: während der Brockhaus sich ganz aufs Internet verlegt hat und seine letzte Auflage die definitiv letzte gedruckte sein soll, erscheint dieser Tage Wikipedia, das größte und populärste Online-Lexikon der Welt als knapp 1000 Seiten schwere einbändige Ausgabe auf dem Buchmarkt.
Wikipedia offline? Als Revolution im Internet gefeiert, tagtäglich von Millionen Menschen genutzt, ergänzt und erweitert, vor drei Jahren sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet, ein Erfolg auf ganzer Linie also, Wikipedia jetzt als Buch? Während andere Verlage in die Entwicklung des E-Books investieren, Vertriebs- und Marketingwege im Internet suchen, Autoren ihre Bücher in Web-Videos im Netz präsentieren, in einer Zeit, in der immer mehr Menschen ihre Informationen im Internet und nicht mehr in Bibliotheken suchen, wirft gerade Wikipedia ein Lexikon auf den Markt, das den Charme eines antiquierten Volkslexikons aus den 50er Jahren hat. Untertitel: Die meistgesuchten Inhalte der freien Enzyklopädie. Natürlich ist das Buch schon heute veraltet und vermutlich für Menschen gedacht, die in irgendwelchen Internetfreien Zonen leben oder unter einer fiesen Computerallergie leiden.
Das Bertelsmann Lexikon Institut, bei dem das Buch erscheint, bewirbt die Neuerscheinung als "lexikalisches Jahrbuch". Eine Art "Best of" also. Immerhin finden sich im Wikipedia Lexikon Begriffe, die in keinem anderen gedruckten Lexikon zu finden sind. Vor allem Begriffe aus der Alltagskultur. Etwa: Psytrance, Joey (Fernsehserie), Easter Egg, Servlet oder Wii. Dass dem Pirelli-Kalender 14, der Pizza immerhin noch sechs, Max Planck aber nur fünf Zeilen innerhalb der dreispaltigen Seiten eingeräumt werden, spricht nicht unbedingt für den Anspruch des Lexikons, mehr wohl für die Marktstrategie, die man mit dem Lexikon verfolgt: einen preiswerter Abdruck des Wikipediaangebots anzubieten, bei dem keine hohen Redaktions- und Recherchekosten anfallen, wie es bei klassischen Lexika üblicherweise der Fall ist.
Leider also nur eine kiloschwere Kuriosität, die für Leser mit ganz besonders scharfen Augen im Anhang aber immerhin noch eine Überraschung bereithält: ein Verzeichnis von über 90.000 Wikipedia-Autoren auf 30 Seiten. Wer sein Bücherregal mit einem einbändigen Lexikon schmücken will, dem sei der Kauf des ansprechend blauen Bandes durchaus empfohlen.
Vor ein oder zwei Generationen waren Lexika noch Bücher fürs Leben. Heute haben sie fast nur noch den Charakter von Bildungsdummies: dekorativ und nutzlos. - Paul Schilling