Das Buch habe ich ausgewählt wegen der Ankündigung, dass es um Sprache, deren Exaktheit und den Zusammenhang zwischen genauem Denken und genauem Reden geht. Das trifft den Kern eines meiner Lieblingsthemen. Von daher war eine Enttäuschung geradezu vorprogrammiert, die dann auch prompt eintrat.
Professor Viktor Vau, ein verkopfter Einzelgänger, arbeitet einerseits in einer psychiatrischen Klinik mit Schizophrenie-Patienten, andererseits an einer von ihm geschaffenen Sprache, mit der man angeblich die Welt so exakt beschreiben kann wie nie zuvor. Er lebt in der "Hauptstadt der Union", einer westlichen Metropole, die unter der Herrschaft einer oligarchischen Schicht aus Politik und Wirtschaft steht. Überwachung und Kontrolle dominieren dort den Alltag der Bevölkerung. George Orwell lässt grüßen. Gleichzeitig wird vor einem kleinen afrikanischen Staat eine Art Weltraumkapsel entdeckt und geborgen, die weder mit einer Rakete befördert zu sein scheint, noch einen Eintritt in unsere Atmosphäre hinter sich gebracht haben kann. Sie kommt quasi aus dem Nichts und gibt als einzigen Inhalt eine Botschaft auf einem Stück Papier preis, die von den zusammengerufenen Experten nicht entschlüsselt werden kann. Somit muss Viktor Vau ran. Eine Entdeckung, die er - trotz allgegenwärtiger Sicherheitsmaßnahmen - seltsamerweise alleine machen kann, treibt ihn zur Flucht.
Eine der Schwierigkeiten bei Utopien ist, dass der Autor entweder alles, was er weiß, über Bord wirft und bei der Schilderung einer zukünftigen Welt weglässt, oder aber einen Teil der heutigen Umstände und Rahmenbedingungen verwendet, um die Handlung zu bestücken. Ruebenstrunk macht Letzeres. Seine Welt spielt in ferner Zukunft, genau im Jahr 2247, ein paar Jahrzehnte nach der Postdemokratie", und dennoch füllen beispielsweise einige Akteure "Blogs", Menschen telefonieren mit Mobiltelefonen und Händler verkaufen auf einem Markt CDs und DVDs (!), um nur einige Beispiele zu nennen. Es erscheint mir als nicht sehr wahrscheinlich, dass es in zweieinhalb Jahrhunderten noch Blogs in der heutigen Form geben wird, ebenso wenig Mobiltelefone und CDs sind heute schon am Aussterben. Bauchnabelpiercings und Tätowierungen bezeichnet Ruebenstrunk (bzw. eine seiner Figuren) als Exzesse der Moderne. Im Jahr 2247!
Desweiteren werden Menschen 236 Jahren anders sprechen als wir heute. Nicht nur in einzelnen Fachbegriffen oder Bezeichnungen, sondern weiter- und tiefergehend. Auch das lässt sich selbstverständlich nicht in einem heute geschriebenen Buch abbilden, aber so entsteht nun mal eine merkwürdige Melange aus Zukunftsszenario und dem Jahr 2010. Jonathan Swift, Jules Verne, George Orwell, Aldous Huxley oder Anthony Burgess haben das alles schon viel besser gemacht. Auch wenn die Messlatte mit diesen Autoren zugebenermaßen sehr hoch liegt, kann ich als Leser eben wählen. Um wenigstens den Eindruck einer zukünftigen Welt zu erwecken, führt Ruebenstrunk Begriffe wie den MagZep, Gigacluster, Postdemokratie, Pinidium usw. ein, löst sich bei seinen Betrachtungen aber sehr wenig vom Heute.
Wer dem bis hierher noch nicht zustimmen oder meine Gedanken zumindest nachvollziehen kann, der überlege sich einmal, ein Autor hätte vor 236 Jahren, also anno 1775, eine solche Geschichte geschrieben, die im Jahr 2011 spielt. Zur Fortbewegung dienen Pferdewagen, Kommunikation findet via Brief und Postkutschen statt und kriegerische Auseinandersetzungen mit Bajonett und auf dem Schlachtfeld. Dazwischen mischt er fiktionale Elemente, die sich jedoch eng an das Ist des Jahres 1775 anlehnen. Da war ein Jules Verne mutiger, der Reisen zum Mond, zum Mittelpunkt der Erde oder auf den Meeresgrund beschrieb, obwohl keinerlei technischer Ansatz dazu vorhanden war.
Internationale Politik, Serienmorde, Sprachstudien, Psychologie und Schizophrenie, Zukunftsforschung, Zustände in afrikanischen Rohstoffminen - das alles in einem Buch? Geht das? Irgendwie schon, Ruebenstrunk hat es zumindest versucht. Aber es geht nicht wirklich gut. Mehr als zwei Sterne kann ich gerechterweise nicht vergeben, wenn ich denselben Maßstab wie bei vielen anderen Büchern anlege. Dennoch halte ich es für möglich, dass man den Roman interessiert und gespannt liest, Elemente, die das fördern, gibt es durchaus. Nur meinen Geschmack trifft es leider nicht. Sprache (Dialoge) und Stil können mich auch nicht zu mehr Sternen animieren. "Das gefährlichste Buch, das sie je in den Händen halten werden", wie der Verlag auf dem Cover verspricht, ist es sicher nicht.