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Eine «Einführung in die Physiognomik»
Anders als in den USA ist die erstaunliche Konjunktur physiognomischer Erörterungen hierzulande nicht medientheoretisch motiviert. Seit das marxistische oder auch nur «Frankfurter» Paradigma verblasst ist, wittern so manche wieder Morgenluft fürs Abendland und dessen vormoderne Reserven, wozu Physiognomik offenkundig auch gehört. So ist es sehr zu begrüssen, dass zu ebendieser Zeit einer drohenden «Anthropologie der dummen Kerle» Claudia Schmölders ein Buch vorlegt, das zwar die ebenso ehrwürdige wie furchtbare Tradition der Physiognomik ernst nimmt, jedoch nicht in der simulierten Pose der Ehrerbietung gegenüber Devotionalien der Seherkunst erstarrt. Vielmehr führt sie eine sehr frische und bewegliche Hermeneutik vor, die methodologische Liberalität mit präziser Arbeit am Text zu vereinigen weiss.
Ihr heimliches Motto scheint Goethes weiser Warnung zu folgen: «Dummes aber vors Auge gestellt, / Hat ein magisches Recht: / Weil es die Sinne gefesselt hält, / Bleibt der Geist ein Knecht.» Eine «Einführung in die Physiognomik» nennt die Autorin im Untertitel hinterlistig ihr Buch, als gäbe es diese als anerkannte Disziplin im Wissenschaftsensemble, aber in einem Dialog zwischen Fachmann und Laien legt sie die alltagsweltliche «Verstrickung» (A. Schütz) in diverse idiomatische Geschichten frei. Knapp resümiert sie die physiognomische Debatte seit der Antike (wobei die Renaissance etwas zu kurz kommt) und spürt mit «bons sens» der Dialektik aller physiognomischen «Entlarvung» nach, die schliesslich unschwer für rassistische Zwecke eingesetzt werden konnte. Gezeigt wird das bei dem «Eidetiker» Jaensch, dem Denunzianten der modernen Kunst, bei dem einflussreichen Theoretiker Schulze-Naumburg und dem artbewussten Verhaltensforscher Konrad Lorenz.
Die Physiognomik ist ebensowenig der kurze Königsweg zum Wissen wie die ersehnte New-Age-kompatible Wissenschafts-Wissenschaft. Verkehrt wäre es aber auch umgekehrt, den physiognomischen «Schnellblick» eines Lavater mit jener kalten Selektion an der Rampe von Auschwitz kurzzuschliessen. Freilich sind Physiognomen auch nicht die puren Menschenfreunde niemand wusste das besser als der Berufsprediger Lavater, der ihre notorische Misanthropie durch schiere Wortfülle schönzuschreiben versuchte. Was diese Physiognomik verspricht, sind allenfalls: Hiebe auf den ersten Blick.
Dagegen bildet der innere Bezirk von Schmölders' Vermessung des Terrains eine ingeniöse Freilegung der rhetorisch-topischen Strukturen oder «genera rhetorices», in der sich physiognomisches Argumentieren nolens volens bewegt, ob als Lobrede («genus demonstrativum»), ob als verurteilende Gerichtsrede («genus iudiciale») oder ob als ratende politische Rede («genus deliberativum»). Hier sind die Rhetorikforscher bisher allzusehr auf die Nähe von Physiognomik und rhetorischer «actio» fixiert gefordert, die Tragfähigkeit dieser Thesen zur Sprache des physiognomischen Urteils zu begutachten. Überhaupt die Sprache! Ohne jene schwelgerische Verquastheit, die dem physiognomischen Diskurs seit Lavater zumindest als deutsches Erbe anhaftet, aber auch ohne terminologiebeflissenen Jargon entfaltet Claudia Schmölders in einer «dichten Beschreibung» die Schwierigkeiten der Sache.
Gegen die neuere rationalitätsfeindliche Bilderlust insistiert sie auf den zwei Kulturen, denen der physiognomische Diskurs unterliegt. Sei's sprachlich als Rhetorik, als Literatur oder als Etymologie. Oder, vom Bild her gedacht, als Maske und Totenmaske, Ikone und Porträt, Karikatur und «Mondgesicht» und manches andre mehr. Vielleicht hätte man hier besser noch einiges als Forschungshypothese definiert, vielleicht hätte man dort auch Lücken und kleinere Fehler vermeiden können, der Sachkundige wird sie schnell entdecken was macht's! Claudia Schmölders hat in einer bewundernswert belesenen und argumentativen «tour d'horizon» das Sinnfeld der Physiognomik historisch und systematisch durchmessen. Sie hat zahlreiche Brüche, Verwerfungen und Verschiebungen im Gebirge dieser «Disziplin», die keine ist, lokalisiert und kartographiert und damit einen Standard für jede weitere Behandlung des Themas geschaffen.
Martin Blankenburg
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