4.0 von 5 Sternen
Knappe Sprache, interessante Gedankengänge, aber etwas ziellose Story, 23. Mai 2011
Rezension bezieht sich auf: Das Vogelzimmer (Taschenbuch)
Der Klappentext verspricht, mit »Das Vogelzimmer«, dem Debütroman des 1981 geborenen Autors Chris Killen, halte man einen »Liebesroman mit einer überraschenden Wendung, boshaft, sexy und verspielt« in der Hand. Wenngleich diese Beschreibung nicht in allen Bereichen zutrifft, so war das Buch für mich doch ein ungewohntes, aber zu Großteilen frisches und gutes Leseerlebnis.
Der im Präsens berichtende Ich-Erzähler Will lernt Alice kennen und verliebt sich in sie. Und das Gute: auch sie verliebt sich in ihn, obwohl sie für ihn, den etwas Introvertierten, eigentlich unerreichbar ist. Doch als er sie seinem besten Freund - der ebenfalls Will heißt - vorstellt, bröckelt das große Glück; denn entgegen seiner Erwartung, sie würde den Künstler arrogant und überzogen finden, fühlt sie sich zu ihm hingezogen ...
Parallel zu der Geschichte läuft eine zweite, aus der dritten Person geschilderte: Helen, eigentlich eher eine Art Callgirl denn das Model, das sie gerne wäre, irrt ziellos umher, treibt von einem seltsamen Auftrag zum anderen - und trifft schließlich auf Will.
Nicht nur die Handlung ist über weite Strecken des Buches zweigeteilt - meine Meinung ist ebenso zwiespältig. Denn während die Geschichte von Will und Alice überzeugt, bleibt Helens etwas träge und fade, sodass ich mir stets wünschte, die andere würde wieder einsetzen. Alice und Will verlieren sich immer mehr in einem tiefen Schweigen - und das wird sehr glaubhaft dargestellt. Der Autor hat ein Händchen für Alltags-Beziehungssituationen; diese pendeln zwischen viel Sex und ein wenig Melancholie. Die - wenn auch schon zu Beginn verblassende - Liebe hält sich etwas versteckt, lässt sich aber finden, wenngleich man sie zwischen den ganzen Sexschilderungen ein wenig suchen muss.
Die Handlung an sich ist etwas ziellos, die Sprache des Buches trägt sie aber ausreichend. Bei einem dickeren Roman wäre das problematisch geworden, so funktioniert die Geschichte aber gut. Der Schreibstil ist sehr knapp, viele kurze Sätze, in nüchternen Worten geschrieben, treffen aufeinander. Doch immer wieder stößt man dabei auf echte Schätze, sodass einen das Buch nicht nur traurig zu stimmen vermag, sondern einem hin und wieder auch ein amüsiertes Lächeln entlockt.
Die angekündigte »überraschende Wendung« wäre vielleicht überraschender gewesen, wenn sie nicht als solche vorausgesagt worden wäre - denn so kann sie die Erwartung nicht erfüllen ...
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein
1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Gelesen und vergessen, 18. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Das Vogelzimmer (Taschenbuch)
"Ein Liebesroman mit einer überraschenden Wendung, boshaft, sexy und verspielt, der zeigt, was es heißt, nicht aus seiner Haut zu können", steht am Buchrücken und beschreibt die Art und Weise, in der das Buch geschrieben ist, schon mal recht trefflich (abgesehen davon, dass die Wendung für mich nicht sehr überraschend war und ich das Buch nicht als Liebesroman bezeichnen würde).
Eins mal vorweg: Chris Killen kann definitiv schreiben. Er bringt schon in seinem Debüt "Das Vogelzimmer" eine ausgeprägte persönliche Note in seinen Schreibstil. Er hat Potenzial, mit kreativen Einzeilern trifft er den Puls der Zeit:
"Ein Schweigen. Herrgott noch mal.
(...)
Er meint das ironisch, oder?
Vielleicht ist er auch post-ironisch.
Vielleicht ist er auch einfach nur blöd.
Post-blöd."
(Seite 24)
Aber seinem Buch fehlt es an Handlung. Es besteht hauptsächlich aus Beobachtungen und Beschreibungen, gemischt mit mehr oder minder oberflächlichen Dialogen. Die Personen sind austauschbar (vor allem Helen und Alice sind wie eine Person), außerdem nicht unbedingt mitreißend in dem was sie machen und denken. Ich sehe in diesem Roman aus zwei Gründen keine Liebesgeschichte: einerseits, wie bereits erwähnt, weil ich überhaupt nicht viel Handlung ausmachen kann, andererseits, weil es eher eine Sex-Story als eine Liebesgeschichte ist. Von Liebe ist zwar die Rede, aber für mich definiert sich Liebe ganz anders. Ich war von der Häufigkeit obszöner Ausdrücke irritiert: Auf beinahe jeder Seite finden sich mindestens einmal die Wörter "ficken", "Sex" oder "Schwanz".
Um es kurz und bündig, in Einzeiler-Manier auszudrücken:
Ich las das Buch auf einen Rutsch im Flugzeug.
Als ich auf mein Gepäck wartete, hatte ich es bereits wieder völlig vergessen.
Schade.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein