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Ein Roman aus dem Nachlass von Isaac B. Singer
Warschau 1922 Verwirrung, Hoffnung, Angst. In den Gassen der polnischen Hauptstadt tummelt sich das Leben in der Nervosität des Neuanfangs. Aber keiner so scheint es in Isaac Bashevis Singers früherem Roman weiss eigentlich wohin. Der Weltkrieg ist überstanden, aber Kommunismus und Faschismus eifern um Europa, der Feminismus steckt in den Kinderschuhen, die Philosophie predigt den Atheismus.
Antisemitismus und Zionismus stehen sich gegenüber, überragt vom Patriotismus der jungen polnischen Unabhängigkeit. Hineingespült in diese Umbrüche, kehrt ein junger Mann in die Stadt seiner Kindheit zurück: David Bendiger. Vollkommen mittellos, einzig von dem Wunsch beseelt, Schriftsteller zu werden, sucht er Arbeit und Brot. Er weiss nicht wohin, nur zurück in die Provinz, wohin seine Familie im Kampf gegen Hunger, Krankheit und Krieg geflohen ist, kann er nicht.
«Von Kindheit an hatte ich etwas gesucht, worauf ich mich stützen könnte, einen wahren festen Glauben, der unanfechtbar war, ein klares Ziel. Aber alles war dahingeschwunden, hatte sich aufgelöst nichts war gewiss. Weder Gott noch die Naturwissenschaft, weder die Worte der alten Weisen noch die Theorien der Neuen.»
Die Bücher schweigen
Erklär mir die Welt aber die Bücher schweigen. Das wechselvolle Leben zieht vorüber. David Bendiger bleibt ein unglücklich Geworfener, der sich einrichtet, so gut es geht, der Spinoza liest, Kant studiert. Er ist ein 19jähriges Kind und zugleich ein Erwachsener, bettelarm, aber reich an Träumen, ein schüchterner Junge und zugleich ein jugendlicher Draufgänger, der erfolgreich mit den Frauen anzubändeln versucht. So geht seine Person in nervösen Gegensätzlichkeiten auf. Und es wäre nicht Isaac Bashevis Singer wären die Rettungsanker in diesem unverhohlen autobiographischen Roman nicht die Frauen.
Der turbulenten Aussen- steht ein spiegelbildlich ungeordnete Innenwelt gegenüber, in der sich bedrohlich anziehende Sexualität, existentiell Gedankliches, schliesslich das Korsett der orthodox jüdischen Erziehung ein unentwegtes Kräftespiel liefern. Einmal wird Bendiger gefragt, womit er sich beschäftigt: «Literatur!» ist die knappe Antwort. «Hm. Und wo ist Ihre wirkliche Welt?» Das Suchen, die Verortung der eigenen Person in einer noch nicht gefundenen Mitte bleibt Bendigers Hauptmerkmal bis zum Schluss.
Dies ist kein lautes, eher ein leises Buch, aber eines, das ein erstaunliches Erzähltempo vorlegt. So verfolgen wir die Strudel, in denen Bendiger unterzugehen droht. Er kann bei Sonja, einer alten Bekannten, unterschlüpfen, gerät in den Kreis der Zionisten. Palästina erscheint als Hoffnungsstreifen am Horizont, ein halbherziges Ziel aber immerhin ein Ziel.
Der Geschichte ausgeliefert
So lernt David die verwöhnte Minna kennen, mit der er eine Scheinehe eingeht, um eines der begehrten Visa zu erhalten. Er bringt ihr Hebräisch bei, verdient ein wenig Geld, kommt schliesslich bei Eduscha, einer linken Intellektuellen, unter, mit der er ein amouröses Geplänkel anzettelt. Er bewohnt eine fensterlose Kammer gleichermassen Gefängnis und Hort fragiler Geborgenheit. Gleichzeitig beginnt eine unglückliche Leidenschaft zu Minna. Aber sie ist mit einem vermeintlichen Vorkämpfer der zionistischen Sache verlobt, den sie in Palästina vermutet. Als sie erfährt, dass er heimlich in Deutschland geheiratet hat, bricht ihre wohleingerichtete Welt zusammen. Natürlich kommt auch Bendiger nicht nach Palästina. So leise versickern die Lebensentwürfe.
Singers Figuren wollen ihr Geschick in die Hand nehmen und bleiben doch nur Opfer der Zeitläufte, denen sie nichts entgegenzusetzen haben. Religion und Tradition für die jungen Juden sind es hohle Werte. Sie suchen andere Perspektiven, aber ihr Dasein bleibt ein Taumel, in dem sich die stete Bewegung als Kreislauf der Hoffnungslosigkeit entpuppt.
«Das Visum» ist kein Meisterwerk. Zu halsbrecherisch, auch ungelenk erscheinen die erzählerischen Volten. Das erklärt die späte amerikanische Übersetzung aber dieses Buch, das wie andere zunächst im «Jewish Forward» erschien, fasst Isaac Bashevis Singers spätere Inszenierungen der tragikomischen Vergeblichkeit jüdischer Existenz prismenartig zusammen. Und das allein schon ist viel!
Tilman Urbach -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
David Bendiger ist noch keine 19 Jahre alt, kommt nach Warschau und will Schriftsteller werden. Er hat kein Geld und träumt davon, eine junge reiche Frau zu finden, berühmt zu werden und die große weite Welt zu bereisen. Bei Sonja, einer alten Bekannten, findet er vorübergehend Unterschlupf. Er bemüht sich um ein Visum für Palästina, muß jedoch vorher eine Scheinehe eingehen und sieht sich plötzlich in amouröse Abenteuer mit drei Frauen verstrickt, die ihn in Konflikt mit seiner orthodoxen Erziehung bringen.
Ein fesselnder Zeit- und Liebesroman vor dem Hintergrund der politischen und sozialen Umbrüche im Warschau der zwanziger Jahre mit autobiographischen Zügen.
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