von Alan Weisman
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Die Signalmasten waren bloß Vorspiel. Endlich hatte man eine Nutzanwendung für elektrischen Strom gefunden! Denn den kannte man ja längst. Drähte gab es auch und Isolierungen. Bereits um 1850 begann man, lange Kabel auf dem Meeresgrund zu verlegen. Die Brücke über den Ozean wurde geschlagen nach Amerika. Und schon zwei Jahrzehnte später war der Globus von einem Netz aus Kabeln überzogen. Jedermann konnte nun nach Siegen oder Singapur telegrafieren und hielt bereits ein paar Stunden später die Antwort in Händen: eine Revolution!
Preußen gewann mit Hilfe der neuen Errungenschaft einen Krieg (1864 gegen Österreich), die Börsengeschäfte wurden hektischer und schon ganz früh wussten auch die Kriminellen, was sie an der neuen Technik hatten (Pferdewetten!).
Tom Standage erzählt mehr als nur ein Stück Technikgeschichte. Er entwirft das Bild einer epochalen Umwälzung. Und bereitet dabei sich und uns immer wieder das Vergnügen, lächelnd auf verblüffende Parallelen hinzuweisen zur Erfindung unserer Tage, deren Name da lautet: Internet. --Michael Winteroll
Gab es ein viktorianisches Internet?
Süffige Anekdotensammlung zur Geschichte der Telegrafie
Tom Standage ist mit seinem Buch über das «viktorianische Internet» ein grosses Risiko eingegangen, aber er hat es offenbar nicht gemerkt. Seine als «erstaunliche Geschichte des Telegrafen und der Online-Pioniere des 19. Jahrhunderts» verkaufte Anhäufung merkwürdiger Geschichten flirtet nur einen Augenblick lang mit der Möglichkeit eines historischen Vergleichs und verfällt dann, ohne mit der Wimper zu zucken, dem simpelsten Strickmuster historischer Erzählung grosse Männer, grosse Taten, grosse Zeiten.
Manches spricht tatsächlich dafür, auf Ähnlichkeiten in der Entwicklung von Internet und Telegrafie hinzuweisen. Sowohl das Internet als auch die Telegrafie haben Geschäftspraktiken revolutioniert, brachten neue Formen der Kriminalität hervor, überschwemmten die Benutzer mit einer Flut von Informationen. In beiden Netzen wurden zarte Bande geknüpft, Geheimcodes ersonnen und geknackt, diverse Teilöffentlichkeiten mit Nachrichten versorgt. Skeptiker und euphorische Befürworter beider Systeme lieferten sich erbitterte Scheingefechte, nur um die Kommunikationskanäle letztlich doch zu benützen. Wenn man schliesslich noch an ihre die Netze stützenden und feiernden Subkulturen denkt, dann ist der Schluss naheliegend, Punkte und Striche des Morsealphabets den Bits und Bytes der Computernetze ähnlich zu setzen.
Geschickter Marketingtrick
Aber naheliegende Schlüsse können auch falsch sein. Was uns im «Viktorianischen Internet» vorspielt wird, ist nicht mehr als ein geschickter Marketingtrick. Die Unterschiede zwischen Telegrafie und Internet sind bei genauerem Hinsehen so gewaltig, ihre kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und technischen Voraussetzungen und Folgen so verschieden, dass der im Titel und in der Einleitung suggerierte Vergleich nur noch als Etikettenschwindel zu bezeichnen ist. Wer sich die Mühe machen wollte, Parallelen und Differenzen genau herauszuarbeiten, der müsste ein anderes Buch schreiben, als es Standage mit seiner süffigen Anekdotensammlung getan hat.
Es gehört zu den Kosten strapazierter Vergleiche, dass sie nur bei hinreichender Oberflächlichkeit haltbar bleiben. Telegrafienetze waren eben gerade keine «Inter»-Netze mit verteilter Netzwerkarchitektur. Vielmehr wurden sie zentralistisch verwaltet, sie wiesen einen hohen Grad an staatlicher und bürokratischer Kontrolle auf, orientierten sich vornehmlich an nationalstaatlichen, militärischen und imperialistischen Kontexten, erzeugten Synergien in Zusammenarbeit mit der Briefpost und der Eisenbahn. Kurz: Telegrafische Netze standen unter einem völlig anderen Informations- und Kommunikationsregime als das Internet. Nichts zeigt dies deutlicher als ein simpler Vergleich der jeweils herrschenden Zeichenökonomie.
Was unter den Bedingungen des Schriftmonopols an vorhersehbaren Missverständnissen noch analytisch und stilistisch abgefedert werden konnte, musste im Zeitalter telegrafischer Kommunikation zu einer strikten Ökonomie der Zeichen führen. Dies hätte man von den Literaten unschwer in Erfahrung bringen können: Wo jedes Wort zählt, machten «Pronomina, Artikel und einige Präpositionen und dergleichen (. . .) ja lediglich die Depesche dreimal so teuer.» Dies jedenfalls konnte Gottfried Kellers Martin Salander beim Ausfüllen eines Telegrammformulars unschwer feststellen. Dennoch bestand dessen Frau auf den schmückenden Beiwörtern. «Ich weiss wohl, es ist vielleicht närrisch, erklärte sie bescheiden, allein es will mir vorkommen, dass diese kleinen Zutaten die Schrift milder machen, ein wenig mit Baumwolle umhüllen, so dass Setti das Gefühl hat, als hörte sie uns mündlich reden, und dafür reut mich die höhere Taxe nicht.»
Unter den Bedingungen rechnergestützter Telekommunikation müsste man eher von einem Zuviel an Baumwolle sprechen, welches den Sinn erstickt. Das wird uns spätestens klar, wenn wir die in schwachen Stunden abonnierten E-Mails gleich im Dutzend auf den sogenannten Schreibtisch gespült bekommen. Beiträge zu Diskussionslisten oder Nachrichten über neue Softwarepflästerchen, deren Kilobyte-schweres Format in scharfem Kontrast zur unerträglichen Leichtigkeit ihres Inhalts stehen, füllen die Inbox ohne Rücksicht auf unsere Lesekapazität, ausser sie werden vom automatischen Filter des Mailtools freundlicherweise gleich nach ihrer Ankunft entsorgt. Der E-Mail-Flut mit ihrem inflationären, von der Watte der Netiquette und farbenfrohen Animationen aufs sanfteste gepolsterten Stil täte ein gerüttelt Mass von jenem «verwünschten Telegrammstil» gut, zu dem sich Friedrich Nietzsche 1879 aus pathologischen Gründen genötigt sah und der Frau Salander die zwischenmenschliche Kommunikation erschwerte.
Immer schneller, aber auch vernünftiger?
Die Verhältnisse von Zeichensatz und Ausdrucksmöglichkeit, von Text und Stil, von Übermittlung und Gespräch wurden im ausgehenden 19. Jahrhundert also als prekär empfunden. Diese Relationen wären eine gute Ebene gewesen, um die Contradictio in adjecto eines viktorianischen Internets erfolgreich behandeln zu können. Prekär war nämlich auch, damals wie heute, das Verhältnis von Übertragungsgeschwindigkeit und Bedeutung. Standage hätte nur einige Seiten des wichtigsten amerikanischen Kulturkritikers zu lesen brauchen, um diesen Zusammenhang glasklar fassen zu können. «Wir haben es äusserst eilig, eine telegraphische Verbindung zwischen Maine und Texas herzustellen, aber vielleicht haben Maine und Texas sich gar nichts Wichtiges mitzuteilen», lautete 1854 der bärbeissige Kommentar von Henry D. Thoreau zur Telegraphenmanie seiner Zeitgenossen. Schliesslich komme es nicht darauf an, möglichst rasch miteinander zu reden, sondern möglichst vernünftig miteinander zu reden.
Und dennoch: «Wir tragen uns mit dem Gedanken, durch unterseeische Kabel die Alte und die Neue Welt einander um ein paar Wochen näher zu bringen; doch die erste Nachricht, die dann vielleicht an unser demokratisches Ohr dringt, ist die, Prinzessin Adelaide habe den Keuchhusten.» Erwartungsenttäuschungen begleiten telekommunikative Entwicklungsschübe allenthalben. Sie stellen sich aber auch dort unfehlbar ein, wo unter einem plakativen Buchtitel letztlich nur noch seichte Unterhaltungsliteratur angeboten wird.
David Gugerli*
Tom Standage: Das viktorianische Internet. Die erstaunliche Geschichte des Telegrafen und der Online-Pioniere des 19. Jahrhunderts. Midas Management Verlag AG, St. Gallen/ Zürich 1999 (orig. The Victorian Internet, Walker Publishing Company Inc. 1998),
* Der Autor ist Assistenzprofessor für Technikgeschichte am Institut für Geschichte der ETH Zürich.
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