Winfried Menninghaus widmet sich der Schönheit beziehungsweise, wenn man dem etwas irreführenden Titel des Werkes glauben schenken darf dem 'Versprechen der Schönheit'. Was also darf man sich darunter genau vorstellen? Menninghaus untersucht auf Grundlage der Evolutionstheorie einschließlich deren weiterentwicklungen und Freudscher Psychoanalyse die Entstehung, Bedeutung und Auswirkung der Schönheit an sich und ihre Auswirkung auf die heutige Schönheitsrezeption. Formal eingerahmt (durch Kapitel 1 und Ahnung) wird diese Untersuchung durch Betrachtungen der Adonis-Mythe, die auch immer wieder Anlass für Vergleiche ist. Kapitel 2, 3 und 4 widmen sich der detaillierten Betrachtung der evolutionstheoretischen Erkenntnisse zur Ausbildung von Schönheitsmerkmale auf Grund ihrer sexuellen Funktion und der Darstellung der von Freud zum Thema gemachten Annahmen. Nach einem Kapitel über 'Sexuelle >>Wahl<< und philosophische Ästhetik' widmet sich Menninghaus den Ergebnissen einer Fülle von Studien der emprischen Schönheitsforschungen. Danach geht es an die Synthese, quasi die Aufarbeitung der Faktenlage anhand der aktuellen Verhältnisse um im achten und letzten Kapitel den Kreis zu Adonis zu schließen.
Es ist Menninghaus erstaunlich gut gelungen die vielen, relativ unterschiedlichen Theorien in seinem Werk zu verarbeiten. Hervorragend hebt deren Gemeinsamkeiten heraus, scheut aber auch keinen Moment umzulässige Vereinfachungen aufzudecken. Das führt natürlich dazu, dass das Werk keine geschlossenen Darstellung abgibt, was meiner Meinung nach anhand der Breite des Themas schlichtweg auch nicht möglich ist. Besonders gelungen ist meiner Ansicht nach Kapitel 7, in dem Menninghaus mit viel Scharfsinn und großer Exaktheit Phänomene des heutigen Schönheitskultes untersucht und zu einigen sehr interessanten Erkenntnissen kommt.
Die Einrahmung in die Behandlung der Adonis-Mythe erscheint allerings nicht zwingend notwendig. Einem Spiegel-Artikel über Menninghaus habe ich entnommen, dass der frühe Tod des Adonis gerade (oder trotz) seiner überirdischen Schönheit erst Anlass für eine derart detaillierte Beschäftigung mit dem Thema war. In so fern ist der Bezug natürlich verständlich, aber wie erwähnt zwingend notwendig erscheint er kaum (lesenwert ist er allemal).
Wer sich mit dem 'Versprechen der Schönheit' auseinander setzen will, muss allerdings bereit ein bisschen Zeit zu investieren. Es ist zwar sehr angenehm gekonntes Deutsch zu lesen, aber Menninghaus geht hier wenig kompromisslos vor und lässt jeden wissen, dass er Akademiker ist. So verständlich mir der Gebrauch von allerlei Fremdwörtern noch einscheint finde ich es allerdings ein wenig arrogant griechische Ausdrücke stumpf nicht zu übersetzen. In die selbe Richtung geht wohl auch die konsequente Missachtung der neuen Rechtschreibung (wobei ich nicht weiß, ob dies vom Verlag vorgegeben ist). Abgesehen von diesen standesdünkelbedingten kleinen Kritikpunkten kann ich aber jedem, der bereit ist ein wenig Zeit zu investieren die Lektüre nur empfehlen. Eine Investition, die sich lohnt.