Ein mittelalterliches Gemälde birgt ein Geheimnis aus dem 12. Jahrhundert, dem im Jahre 1999 in Rom ein weiteres hinzugefügt wird.
Der historische Teil, in dem die wechselvolle 900-jährige Geschichte des Gemäldes erzählt wird, ist in einzelnen separaten Abschnitten in die eigentliche Handlung des Jahres 1999 eingewoben. Da die Erstveröffentlichung des Romans bereits 1998 erfolgte lag sie seinerzeit in der Zukunft und ist somit der fiktive Teil des Gesamtgeschehens.
Der historische Teil weist einige Fehler und Ungereimtheiten auf:
So war 1095 der König von England nicht Heinrich IV, sondern Wilhelm II. (Rufus).
Heinrich der IV. aus dem Hause Lancaster sollte erst 1399 den englischen Thron besteigen.(Zum Zeitpunkt des ersten Kreuzzuges gab es jedoch einen anderen Heinrich IV. Es war der deutsche König und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, der den Gang nach
Canossa machte und dennoch mit dem päpstlichen Bann belegt worden war.)
Im Jahre 1095 konnte eine Kathedrale noch keine spätgotische Rosette haben, weil die Gotische Bauepoche erst um 1140 begann.
Balduin de Boulogne, Graf von Edessa, wurde der erste König von Jerusalem, während sich sein Bruder und Vorgänger als Herrscher "Advokat des heiligen Grabes" nannte, weil er die Königswürde ablehnt hatte.
Nahezu ausgeschlossen ist, dass sich ein vom Kreuzzug zurückgekehrter mittelalterlich-katholischer Ritter eine Feuerbestattung wünschte und diese auch bekam.
Darüber hinaus wurde von den damaligen Zeitgenossen der (1.) "Kreuzzug" nicht als solcher bezeichnet, sondern eine "bewaffnete Pilgerfahrt" genannt.
Die Befreiung Frankreich durch Johanna sei ihr mit einer Anklage wegen Hexerei und Scheiterhaufen "gedankt" worden schreibt der Autor, vergisst aber zu erwähnen, dass dieser "Dank" von den, nach 100 Jahren Krieg, besiegten Engländern kam.
Mit dem (inzwischen auch schon, aber anders, zur Geschichte gewordenen) fiktiven Teil des Romans offenbart der Autor Visionen für die katholische Kirche an der Schwelle zum dritten Jahrtausend. Nachdem der alte und kränkelnde tschechische (?!) Papst Klemens XV. verstorben ist, steht das Papsttum am Scheideweg.
Wen von den zwei zu Wahl angetretenen Kurienkardinälen wird das Konklave wählen ?
Spinelli (lat. Edelstein), den Reformer, der den Zölibat abschaffen und Geburtenkontrolle und legaler Abtreibung zustimmen will ? Der jedem eine persönliche Glaubensfreiheit
zubilligt und seine Hauptaufgabe darin sieht, nicht nur die Ökumene der unterschiedlichen christlichen Konfessionen, sondern auch mit den Juden und Moslems voran zu treiben ?
Oder seinen reaktionären Kontrahenten Angelico (ital. Engel), der in Glaubensfragen dogmatisch bleiben will und rege Geschäftsbeziehungen zur Unterwelt (als gefallener Engel)unterhält ?
Die Vorliebe des Autors für Allegorien wird schon durch den Aufbau des Romans in 8 Kapitel und deren Benennung nach den Horen deutlich.
Das Wortspiel - Mikael - Mont Saint Michel - Michael - wer ist wie Gott? (hebr.) - ist hierfür ein weiteres Beispiel.
"Das Vermächtnis von Mont Saint Michel" ist eine durchaus unterhaltsame Collage aus historischem Roman, Krimi und Fiktion, die sich leicht lesen lässt.
Für das Format eines Thrillers wie "Der Engelpapst" von Jörg Kastner, "Die Sixtinische Verschwörung", "Das Fünfte Evangelium" und "Purpurschaten" von Philipp Vandenberg oder gar "Assassini" von Thomas Gifford fehlt jedoch der gewisse Esprit, Witz und
eine spannendere Dramaturgie. Deshalb 3 Sterne.