Nelson DeMille bewegt sich mit den meisten seiner bisherigen Romanen stilistisch zwischen knallhartem Thriller und sarkastischer Komödie. Seine Protagonisten sind eher zynische oder (selbst)ironische Zeitgenossen, die sich mit ihrem manches mal auf die Spitze getriebenen Sarkasmus durch die gefährlichsten Situationen manövrieren. Dies war schon bei seinem furiosen "An den Wassern von Babylon" wie auch bei der Mini-Reihe um den Ermittler John Corey und seine Frau Kate Mayfield in den Thrillern "Nachtflug" und "Operation Wildfire" so.
In seinem aktuellen Roman "Das Vermächtnis" führt er diese Tradition mit seinem Protagonisten John Sutter, einem ehemaligen Anwalt, fort. Nach 10 Jahren kehrt Sutter aus London nach Long Island auf das Anwesen Stanhope Hall zurück. Damals ist er von seiner Ehefrau Susan, eine geborene Stanhope, mit seinem damaligen Hauptklienten und lokalem Mafiaboss Frank Bellarosa betrogen worden. Zudem ist Bellarosa nur wenige Wochen nach dem Auffliegen dieser Affäre von Susan erschossen worden, wobei Susan aufgrund eines Arrangements mit dem FBI für diese Tat nie in Verantwortung gezogen wurde.
In erster Linie ist es die im Sterben liegende ehemalige Bedienstete der Familie Stanhope, Ethel Allard, wegen der Sutter zurückkehrt und in deren Haus, dem ehemaligen Pförtnerhaus (Originaltitel des Romans: The Gate House) er zunächst wohnen darf. Und hier holen ihn die Schatten der Vergangenheit mit einer nicht vermuteten Heftigkeit wieder ein. Denn zunächst schägt Anthony Bellarosa, der Sohn und offensichtlicher Nachfolger des alten Mafiaboss, bei ihm auf und bietet ihm an, wieder für die Bellarosa's zu arbeiten. Und Sutter läuft seiner ehemaligen Frau über den Weg, die im Gästehaus des Anwesens wohnt. Gegen alle Befürchtungen und Erwartungen finden die beiden wieder zueinander und lösen damit aber einen Strudel an Ereignissen aus, denn Anthony Bellarosa will seinen Vater rächen und Susan dafür büßen lassen. Und Susans Vater, der Multimillionär William Stanhope versucht alles, die erneute Zweisamkeit seiner Tochter mit John Sutter zu hintertreiben und droht mit Enterbung Susans und sogar der beiden erwachsenen Enkelkinder. Beide Probleme eskalieren am Vatertag und während der Totenwache von Ethel, wobei ein Brief, den John Sutter nach ihrem Tod von ihr ausgehändigt bekommt (daher wohl der deutsche Buchtitel), eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt.
Im Gegensatz zu seinen meisten vorherigen Romanen hat Nelson DeMille keinen klassischen Thriller geschrieben und auch die Action hält sich hier bis zum spannenden Finale fast vollkommen zurück. Vielmehr handelt es sich um ein klassisches Familiendrama, in das die Mafiageschichte durch die Affäre Susans vor 10 Jahren hineingewebt ist. Doch auch auf diesem Parkett weiß sich DeMille absolut sicher zu bewegen, zumal ja seine Hauptstärke und sein Markenzeichen, den Protagonisten in der Ich-Form sehr ironisch bis sarkastisch und damit für den Leser überaus unterhaltsam bis lustig das Geschehen erleben und kommentieren zu lassen, überaus treffsicher eingesetzt ist. Während z.B. bei Operation Wildfire diese ironischen Kommentare und Zitate über die Schmerzgrenze hinaus platziert wurden, findet DeMille hier ein angenehmes Maß. Und genau das lässt für mich den Roman über den Durchschnitt rutschen.
Doch auch der grundsätzliche Plot ist ausgesprochen gut gelungen und für die handelnden Personen (bis in die Nebenfiguren) sehr viel Zeit und damit auch viel Tiefgang investiert. DeMille baut von Anfang an eine gewisse Grundspannung auf, die er bis zum durchaus klassischen furiosen Finale aufrecht hält bzw. am Ende stetig steigert. Dass John Sutter dabei auch noch überaus sympatisch rüberkommt, seine wieder entflammte Liebe mit Susan durchaus frivole Aspekte bekommt, DeMille eine klare, einfache und direkte Sprache pflegt... all das lässt das Buch am Leser nur so "vorbeifliegen" und garantiert beste Unterhaltung.
Ich habe mich jedenfalls extrem gut amüsiert und habe ein Buch aus der Hand gelegt, das ich sicher wieder lesen werde... es aber auf jeden Fall weiterempfehle und dementsprechend auch mit 5 Sternen versehe.