Nach der atomaren Apokalypse
„Roan lauscht, wagt es nicht, sich zu rühren. Entfernt ist das düstere Krächzen der Krähen zu hören. Steif und durchgefroren überlegt er, ob er sich aufsetzen soll. Doch dann – ein Knacken! Er hält den Atem an. Wurde er entdeckt?“
Gleich zu Beginn des Romans „Die Stunde des Sehers“ von Dennis Foon bricht über Roan die schlimmste aller vorstellbaren Katastrophen herein. Sein Heimatdorf Longlight wird überfallen. Überall brutale Angreifer in Totenkopfmasken. Reiter mit Fackeln in den Händen. Sie hauen und brennen. Roan gelingt die Flucht doch Stowe wird von einem der Reiter erwischt und entführt. Als Roan ins Dorf zurück kehrt, bietet sich seinen Augen ein Anblick des Grauens. Im Feuerloch, dem geheiligten Mittelpunkt des Dorfes, „schwimmen auf dem brodelnden Wasser Knochen. Menschliche Gebeine. Hunderte tanzende Knochen, die sich übereinander schieben.“ Außer ihm scheint es keinen Überlebenden zu geben. Erschöpft kehrt er in seine ehemalige Heimstatt zurück, sinkt aufs Bett und hat eine Vision. Als er erwacht und das Haus verlassen will, rennt er in die Arme „des größten Mannes, den er je gesehen hat.“ Saint, so heißt der Riese, ist der Anführer der Bruderschaft und nimmt ihn mit.
Longlight war eine Oase des Friedens und der Kontemplation. Lesen und Schreiben war dort genauso selbstverständlich wie der Verzicht auf Fleisch oder das Töten von Tieren. Außerhalb von Longlight herrschen jedoch archaische Verhältnisse wie heute noch bei vielen Naturvölkern. Gewalt gegenüber Gruppenmitgliedern, Andersdenken und Schwächeren ist genauso normal wie das Töten von Tieren als Nahrungsmittel. Um in die Bruderschaft als vollwertiges Mitglied aufgenommen werden zu können, muss Roan einige Prüfungen bestehen, zu deren Grundvoraussetzung es gehört, im Umgang mit Waffen geschult zu sein. Zu seiner und der Überraschung der Gruppe erweist er sich als sehr geschickter Kämpfer. Da Saint anscheinend einen Narren an ihm gefressen hat, soll er weit vor der üblichen Zeit die Prüfungen ablegen. Doch eines Tages entdeckt Roan versehentlich das Geheimnis von Saint und flieht.
Mutierte Insekten und aggressive Wildtiere
Bei seiner Flucht durch die verseuchten Einöden trifft er Beule, eine Jungen, dessen Gesicht auf schreckliche Art entstellt ist. Eine mutierte Insektenart die „Mor-Ticks“ genannt wird, hat diese Wunden verursacht. Beule ist eine Mischung aus Druide und Waldläufer und kennt sich alle Tricks, um in der Wildnis zu überleben inkl. der besten Zubereitungsarten von Medizin zur Heilung und Insekten zum Verzehr.
Roan und sein Freund bestanden noch einige Abenteuer auf ihrer gemeinsamen Reise, bis Roan endlich in dem Dorf Fairview erfährt, warum sein Dorf vernichtet wurde und wo sich seine entführte Schwester aufhält. Und ihm wird offenbart, was es mit seinen seherischen Fähigkeiten auf sich hat und wozu er möglicherweise in der Welt ist.
Perfekte Symbiose von Fantasy und Science-Fiction
Dennis Foons Roman spielt in einer schön gestalteten und glaubhaften Welt voller merkwürdiger Tiere und Pflanzen. Der Autor mischt geschickt Versatzstücke aus einer technisierten Welt mit Motorrädern, Elektrizität, Sonnenkollektoren auf der einen und steinzeitlichen Stammesritualen auf der anderen Seite. Religion spielt nur eine untergeordnete Rolle und dient weniger dem Glauben als der Festigung von Machtstrukturen. Obwohl der Anfang des Romans den Verdacht aufkommen lässt, dass es im Roman „mächtig zur Sache geht“, bestätigt sich dieser Eindruck erfreulicherweise nicht. Bei den Beschreibungen der Kämpfe beschränkt sich der Autor auf die Darstellung des absolut Nötigsten und vermeidet ausufernde voyeuristisch-blutrünstige Details. Viel mehr Wert wird auf die glaubwürdige Entwicklung des Charakters Roans gelegt. Nur langsam enthüllt Dennis Foon die Hintergründe von Roans mysteriöser Fähigkeit, in Trance zu fallen und sich mit einem Berglöwen, einer Ratte und einer Ziegenfrau zu unterhalten. Extrem spannende Passagen wechseln sich ab mit Ruhepausen von den Pulsschlag des Lesers. Dabei sind auch diese Teile der Erzählung faszinierend, weil gerade hier die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Geschehnisse aufgeklärt werden, neue Freundschaften geschlossen oder alte Bekanntschaften erneuert oder vertieft werden.
Fazit: Packend erzählte Geschichte eines Jungen in einer zerstörten Welt voller bizarrer Tiere, Pflanzen und Menschen. Dabei gelingt dem Autor eine perfekte Symbiose von Fantasy- und Science-Fiction-Elementen zu einem neuen, eigenständigen und äußerst faszinierendem Universum. Der zweite Teil der Trilogie erscheint im Frühjahr 2007.