Aus der Amazon.de-Redaktion
Dicht, immer die Zügel in der Hand und faszinierend konsequent, wird die Geschichte der Begegnung von Eszter und Lajos erzählt, der nach 20 Jahren zurückkehrt. Lajos, die alles bestimmende Liebe in Eszters Leben, Lajos, der aber nicht sie, sondern letztlich ihre Schwester Vilma heiratete, Lajos, der sie mit Verführung, Geschick und subtilstem Betrug um alles in ihrem Leben brachte. Und doch: auch in der Stunde der Abrechnung, allen guten Vorsätzen zum Trotz, ist er für Eszter "der einzige Mensch..., den ich geliebt habe".
Ausgebeutet, betrogen, um Hab und Gut gebracht und doch voller Zuneigung für einen Mann, der ein "Charakterlump" und "Schaumschläger" ist, mit einem "unkontrollierten Zwang zum Schwindeln" und ein "Genie der Lüge", durchschaut ihn Eszter "vom ersten Augenblick an".
Der Roman umfasst die wenigen Stunden ihrer Begegnung, zeichnet die Gefühlswelten beider Hauptfiguren derart eindringlich und Verständnis erweckend, dass es schwer fällt, ja, fast unmöglich ist, Partei zu ergreifen. Vielmehr ist man gefangen in einem feinen Gespinst aus Hoffnungen, Erwartungen, aus Lügen und Betrügereien, da wird niemand verurteilt, niemand verteufelt und es bleibt nur die Frage, was Liebe alles erduldet, was Liebe verschmerzt und entschuldigt. Und diese Frage hallt lange nach.
Sandor Marai wurde in Deutschland mit seinem Roman Die Glut, der in ganz ähnlicher Dichte geschrieben ist, berühmt und erfolgreich. Das Vermächtnis der Eszter wird diesen Erfolg sicherlich untermauern. --Barbara Wegmann -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Amazon.de-Hörbuchrezension
Sehr markant ist sie nicht, die Stimme von Donata Höffer. Angenehm, aber eher unscheinbar, so der erste Eindruck. Aber ebenso, wie Márais dichte Erzählung erst nach einer gewissen Zeit einen starken Sog entwickelt, nimmt auch der Reiz der eindringlichen, aber auf jegliche Effekthascherei oder starke Betonung verzichtenden Vortragsweise immer mehr zu. Nach und nach erfährt man vieles über diese verworrene Liebesgeschichte, und warum Lajos damals Eszters Schwester heiratete. Donata Höffer bringt uns die vielschichtige Frauenfigur so nahe, dass man am Ende sogar Eszters widersprüchliches Fazit begreift: "Das Leben hat mich auf so wunderbare Art beschenkt und mich so vollkommen ausgeraubt." Spieldauer: 205 Minuten, ungekürzte Lesung, 2 MCs. --Christian Stahl -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Das Vermächtnis der Eszter von Sandor Marai, Christina Viragh, Ernö Zeltner. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ich bin nicht mehr jung, gesund auch nicht, und ich werde bald sterben. Habe ich noch Angst vor dem Tod? ... Der Sonntag, an dem Lajos zum letzten Mal hier bei uns war, hat mich auch von dieser Angst geheilt. Vielleicht liegt es an der vergangenen und nicht sehr gnädigen Zeit, vielleicht an der Erinnerung, die genauso ungnädig ist, vielleicht aber an einer besonderen Gnade, die, so lehrt es meine Religion, manchmal auch den Unwürdigen und Verstockten zuteil wird, oder vielleicht einfach an der Erfahrung und am Alter, daß ich dem Tod ruhig entgegenblicke. Das Leben hat mich auf so wunderbare Art beschenkt und mich so vollkommen ausgeraubt ... Was kann ich noch erwarten? Ich muß sterben, weil das die Ordnung der Dinge ist und weil ich meine Pflicht getan habe.
Ein großes Wort, ich weiß, und jetzt, da ich es geschrieben sehe, erschreckt es mich ein wenig. Ein hochmütiges Wort, für das man dereinst vor jemandem einstehen muß. Wie lange hat es gedauert, bis ich meine Pflicht erkannt habe, und wie widerstrebend, ja, schreiend und verzweifelt zappelnd, habe ich endlich gehorcht. Zum ersten Mal habe ich da gespürt, daß der Tod Erlösung bedeuten kann, zum ersten Mal wurde mir bewußt, daß der Tod Auflösung und Frieden ist. Nur das Leben ist Kampf und Schmach. Wie seltsam war doch dieser Kampf! Wer hatte ihn angeordnet, warum war er unvermeidlich? Hatte ich nicht alles getan, um ihm zu entgehen? Doch der Feind hat mich aufgespürt. Heute weiß ich, daß es nicht anders sein konnte; wir sind an unsere Feinde gefesselt, und auch sie entkommen uns nicht.
Wenn ich ehrlich sein will - und welchen Sinn hätte sonst diese Niederschrift? -, muß ich bekennen, daß ich in meinem Leben und in meinen Handlungen keine Spur jenes biblischen Zorns, jener Erregung, ja, nicht einmal der Bestimmtheit und Härte zu entdecken vermag, wie sie mitklangen, wenn ich vor Fremden meine Ansichten über Lajos und mein Schicksal laut werden ließ. "Meine Pflicht erfüllen" - was für ein hartes, theatralisches Wort! Man lebt ... und merkt eines Tages, daß man seine Pflicht "erfüllt" oder "nicht erfüllt" hat. Allmählich glaube ich, daß die großen, endgültigen Entscheidungen, die unserem Schicksal seinen besonderen Umriß geben, viel weniger bewußt sind, als wir das später in den Stunden der Rückschau, der Erinnerung meinen. Ich hatte Lajos damals schon zwanzig Jahre nicht mehr gesehen und glaubte, gegen die Erinnerung gefeit zu sein. Dann kam eines Tages ein Telegramm, das eher einem Operntext glich, genauso theatralisch und gefährlich kindisch und verlogen wie alles, was Lajos zwanzig und noch mehr Jahre zuvor mir und anderen geschrieben und gesagt hatte ... So großspurig, so vielversprechend, so geheimnisvoll und auf durchsichtige Art verlogen, verlogen!
Ich ging zu Nunu in den Garten, mit dem Telegramm in der Hand, blieb auf der Veranda stehen und sagte laut: "Lajos kommt zurück!"
Ich weiß nicht, wie meine Stimme in dem Augenblick klang. Wahrscheinlich hat sie sich nicht gerade vor Freude überschlagen. Ich muß geredet haben wie eine Schlafwandlerin, die eben geweckt worden ist. Zwanzig Jahre hatte dieses mondsüchtige Schlafwandeln gedauert. Zwanzig Jahre lang war ich am Rand eines Abgrunds entlangspaziert, Schritt für Schritt, ruhig, lächelnd. Jetzt war ich aufgewacht und hatte die Wirklichkeit gesehen. Aber es schwindelte mir nicht mehr. In der Realität, sei es die des Lebens oder die des Todes, ist etwas Beruhigendes.
Nunu war dabei, die Rosen hochzubinden. Und blickte mich so zwischen den Rosen von unten her an, blinzelte sie in die Sonne, und alt und ruhig sagte sie: "Ja, natürlich."
Sie arbeitete weiter. Und fragte noch: "Wann kommt er?"
"Morgen", sagte ich.
"Gut", sagte sie. "Dann will ich das Silber wegschließen."
Ich mußte lachen. Aber Nunu blieb ernst. Später setzte sie sich zu mir auf die Steinbank und las das Telegramm. "Wir kommen mit dem Automobil", schrieb Lajos. Aus dieser Mehrzahl durften wir schließen, daß er die Kinder mitbrachte. "Wir sind zu fünft", hieß es weiter. Nunu dachte an die Hähnchen, an die Milch, an die Schlagsahne. Wer mochten die beiden anderen sein, fragten wir uns. "Wir bleiben bis zum Abend", meldete das Telegramm noch, und dann folgte eine aufgeblasene Wortklauberei, denn Lajos vermochte mit Wörtern nie sparsam umzugehen, nicht einmal in einem Telegramm.
"Fünf Personen", sagte Nunu, "sie kommen am Vormittag und bleiben bis zum Abend." Ihre alten, blutleeren Lippen bewegten sich lautlos, sie rechnete, zählte zusammen. Die Kosten für das Mittag- und das Abendessen. Dann sagte sie: "Ich habe gewußt, daß er noch einmal zurückkommt. Er wagt es nicht mehr, allein zu kommen! Er bringt Unterstützung mit, die Kinder und fremde Leute. Aber hier gibt es nichts mehr zu holen." -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.