Ein anderer Rezensent schreibt: "Eszter, eine pragmatische und lebenstüchtige Frau, die ihre Umwelt gründlich durchschaut, trifft eine Entscheidung, die ein solcher Charakter niemals treffen würde. Dadurch ist die Figur unstimmig, die ganze Geschichte wirkt damit konstruiert und unglaubwürdig. Warum Laszlo so faszinierend auf seine Umwelt wirkt, selbst auf diejenigen, die ihn ausreichend kennen, ist auch nicht nachvollziehbar. In den wenigen Dialogen, in dem man ihn erlebt, entfaltet er keinen Zauber." Und beurteilt das Buch sehr negativ. Meiner Ansicht nach ist Marai jedoch das Gegenteil vortrefflich gelungen: Eine sklavische Abhängigkeit zu beschreiben, ohne sie pseudo-psychologisch zu erklären. Das Geniale an dem Buch: Marai hat bewußt ein völlig irrationales Verhalten von Eszter beschrieben. Dies ist in Liebesdingen nicht gerade selten, der eine oder andere mag (abgeschwächt) ähnliche Geschichten aus dem Bekanntenkreis kennen oder sie selbst erfahren haben. Ich möchte daran erinnern, wie viele stark wirkende Frauen devot über Jahrzehnte bei ihren lieblosen, prügelnden Ehemännern ausharren. Entscheidungen, die ein Bekannter aufgrund des "starken" Charakters dieser Frauen nicht nachvollziehen kann. Menschen treffen viele Entscheidungen, die "ihrem Charakter nicht entsprechen", weil der Charakter meist mehrdimensional ist. Außerdem verhalten wir uns alle irrational. Genau das ist das faszinierende an Marais Roman: Die Irrationalität und Vielschichtigkeit von Verhalten zu schildern, ohne dies pseudo-psychologisch erklären zu wollen. Dass Lazlo ein Betrüger ist weiß jeder, der ihm (in dem Buch) begegnet. Trotzdem wickelt er die Menschen ein, sie agieren für ihn. (Eine Fähigkeit, die in Ansätzen jeder Gebrauchtwagenhändler besitzt. Man denke auch an die windigen Anlagebetrüger, auf die hochintelligente Menschen hineinfallen)
Marcel Proust hat in "Eine Liebe von Swan" eine ebenfalls verzehrend-selbstzerstörerische Liebe zwischen Mann und Frau beschrieben - auch hier weiß der Leser (und im Gegensatz zu Eszter am Schluß auch der Protagonist), das das Liebesobjekt die Aufopferung nicht wert ist.
Kritik an Marais "Vermächtnis...": Die gebundene Ausgabe ist - wie fast alle gebundenen heututage qualitativ schlecht verarbeitet.