Anlässlich des siebzigsten Geburtstags der englischen "Queen of Crime" Ruth Rendell am siebzehnten Februar, beschenkt der Blanvalet Verlag ihre deutschen Fans mit einem neuen Fall von Inspektor Wexford. Das kleine Städtchen Kingsmarkham ist in heller Aufregung. Gerade als zwei halbwüchsige Mädchen verschwunden sind, wird der wegen Pädophilie verurteilte, siebzigjährige Orbe nach mehreren Jahren aus der Haft entlassen. Da liegt der Schluss für die verängstigten Eltern zum Greifen nah, dass er wieder zugeschlagen hat.
Die Presse schürt die Vorurteile und heizt die hysterische Stimmung mit ihrer einseitigen Berichterstattung an, bis es bei einer Demonstration der aufgebrachten Bürgerschaft vor dem Polizeigebäude zur Eskalation kommt und ein Polizist durch eine Benzinbombe getötet wird. Und dann fehlt die kleine Sanchia. Sie ist noch ein Säugling, und niemand kann sich ihr Verschwinden bei den gut situierten Devenishs erklären. Allerdings ist die Situation zwischen den Ehepartnern gespannt. Selbst im Hochsommer trägt Mrs. Devenish hoch geschlossene, lange Kleider. Wexford kommt ins Grübeln. Hat seine Tochter, die im Frauenhaus sehr häufig aggressive Ehemänner erlebt, mit ihrem Verdacht recht?
Es sind mehrere Kriminalfälle, die Ruth Rendell in ihren Roman eingearbeitet hat, doch geht dies voll zu Lasten des Tempos. Den ausufernden sozialen Studien Wexfords über Gewalt in der Ehe fehlt es an Spannung. Auch wenn Ruth Rendell kurz vor Schluss noch einen Überraschungs-Coup eingebaut hat, verläuft der Krimi in einer sehr voraussehbaren Bahn. Schade, Inspector Wexford war leider schon besser. --Manuela Haselberger
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Realismus im Krimi?
Ruth Rendell verrenkt sich beim Spagat
Ruth Rendells Roman «Das Verderben» hat eine erstaunliche Aktualität erhalten. In ihrem neuen Krimi um Chief Inspector Wexford, 1999 im Original erschienen, zieht Thomas Orbe, ein alter Mann, der eine Strafe wegen Kindesmissbrauchs verbüsst hat, in einen Wohnkomplex in Rendells fiktiver Kleinstadt Kingsmarkham. Die Ankunft des «Pädos» spricht sich schnell unter den Bewohnern herum. Unter Mithilfe der Medien entsteht eine Pogromstimmung, die zur Belagerung des betreffenden Hauses führt. Dass es im Sommer 2000 in England tatsächlich zu solchen mediengestützten Jagden auf Pädophile kam, zeugt vom Gespür der Autorin für die Gefühlslage in ihrem Land wie auch von ihrem realistischen Anspruch.
Triumph der Bigotten
Rendell geht es zwar nicht darum, Einblick in die Psyche eines Pädophilen zu nehmen; die Figur bleibt ein Schemen, und die Autorin lässt auch Wexford mit dem verängstigten, weinenden Alten kein Mitleid verspüren. Aber sie schürt auch nicht wie viele ihrer Thrillerkollegen das Ressentiment, hinter dem sie nicht nur die berechtigte Sorge um das Wohl der Kinder, sondern auch den Hass auf alles Abweichende ausmacht. Die vor dem Haus von Thomas Orbe versammelte Menge zählt «Pädos», «Perversos» und «Homos» zur gleichen Sippschaft. Mit lakonischen Sätzen und böser Ironie führt Rendell vor, wie ein Gerücht entsteht, wie es um sich greift, sich aufbauscht, einen Tumult hervorbringt und schliesslich in Gewalttätigkeiten mündet. Das erste Mal fliegen Steine auf das Haus von Thomas Orbe, weil die Demonstranten einige ihrer Kinder vermissen und jemand ruft: «Der Pädo hat sie bei sich da drinnen!» In Wirklichkeit hat einer der Väter sie zum Schutz vor dem Pädophilen in seinem Haus untergebracht. Während ihre aufgebrachten Eltern den Aufstand proben, verlustieren sich die Kleinen an den Pornovideos des besorgten Vaters und lassen zum Abschied seine fünfhundert zollfrei eingeschmuggelten Zigaretten mitgehen.
Wie im Polizeiroman um des realistischen Eindrucks willen üblich, beschäftigen sich Wexford und sein Team mit mehreren Aufgaben gleichzeitig, insbesondere noch mit zwei Entführungen. Im ersten Fall handelt es sich bei den Opfern um Mädchen im jugendlichen Alter, die merkwürdigerweise nach einigen Tagen wieder freigelassen werden. Die Mädchen sind ausgesprochen wortkarg, was ihre Erlebnisse während der Gefangenschaft angeht, und die Auskunft, die Wexford schliesslich unter Mühen erhält, klingt seltsam: Sie seien gezwungen worden, bei einer Frau und einem Mann die Hausarbeit zu verrichten. Was die Geschichte noch dubioser macht, ist, dass sie Wexford an den Krimiklassiker «Die verfolgte Unschuld» von Josephine Tey erinnert, den eines der Mädchen tatsächlich gelesen hat. Der andere Fall von Kidnapping betrifft ein Kleinkind aus wohlhabender Familie, das nicht nach wenigen Tagen wieder auftaucht, für das aber auch niemand eine Lösegeldforderung erhebt.
Enttäuschte Erwartungen
Rendell schreibt in der Tradition des realistischen Krimis, und der ist eine vertracktere Angelegenheit, als die Schulweisheit sich träumt. Während der realistische Roman mit beiden Beinen im gewöhnlichen Leben steht, befindet sich der Krimi zwar mit einem Bein im Alltäglichen, mit dem anderen aber im Reich des Aussergewöhnlichen oder Phantastischen. Einen guten realistischen Krimi zu schreiben, bei dem die Spannung nicht dem Anspruch der «Wahrscheinlichkeitskrämer» (Hitchcock) zum Opfer fällt, gleicht einem Spagat. Zunächst scheint es, als ob er Rendell gelänge. Beim ersten Entführungsfall fesselt zunächst das hochgradig Merkwürdige, auf den ersten Blick Unerklärliche der Geschehnisse. Doch leider löst sich nach drei Fünfteln des Romans das Rätsel in eine «traurige, lächerliche Geschichte» auf, die zum vorher hochgerüsteten Geheimnis in keinem Verhältnis steht. Beim zweiten Entführungsfall sind die Hinweise auf den wahren Hintergrund so offensichtlich und entspricht dieser so sehr unseren Klischeevorstellungen, dass beim Leser erst gar keine Spannung aufkommt und die Autorin nun ihrerseits zu einer unwahrscheinlichen Blindheit Wexfords Zuflucht nehmen muss, um das Geheimnis wenigstens der Form nach aufrechtzuerhalten. An dieses Verbrechen schliesst sich dann noch ein Mord an, der eine neue Spannungskurve initiieren soll, mit dem aber der Zusammenhalt des Romans vollends perdu geht, weil Rendell in Bezug auf das übergreifende Thema «häusliche Gewalt» ihr Pulver längst verschossen hat.
Die Auflösung hochgespannter Rätselerwartungen in «jämmerliche» Geschichten ist von der Autorin offensichtlich beabsichtigt. Auch wird die Preisgabe der Krimiästhetik gern als kritischer Umgang mit den Gattungskonventionen gefeiert. Aber warum belastet sich Rendell überhaupt mit der Krimiform? Warum gibt sie sie nicht zugunsten des realistischen Romans ganz auf? Die Antwort liegt in der Erkenntnis, dass es auch mit Rendells Realismus nicht weit her ist. In «Das Verderben» bedeutet Realismus vor allem Verarbeitung aktueller Themen. Dabei gelingen Rendell durchaus pointierte Passagen wie die Darstellung der Pädophilen-Verfolgung, diese tragen aber nicht den Roman als Ganzes. Was er weitgehend vermissen lässt, ist ein Realismus, der eine besondere, literarisch intensivierte Erfahrung vermittelt. Rendell benötigt die Krimiform, um diesen Mangel durch eine andere Art ästhetischer Faszination zu kompensieren. Da diese dann aber wieder zugunsten des Wirklichkeitsanspruchs zurechtgestutzt wird, entsteht ein Ergebnis, das gemeinhin als realistischer Krimi figuriert, aber eigentlich weder Fisch noch Fleisch ist.
Lutz Krützfeldt
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.