Josef Haslingers Roman ist ein Paradebeispiel für die Montagetechnik. Es gibt hier zunächst eine Rahmenhandlung und zwei Binnenerzählungen. Die Rahmenhandlung ist die Autofahrt von Rupert im dichten Schneefall. Sie wird immer am Anfang der vier Teile erzählt. Sie ist die eigentliche Handlung, läuft streng chronologisch ab und ist zeitdeckend erzählt. Dazwischen eingeschoben machen die Binnenhandlungen den Hauptteil, den wichtigen Teil der Geschichte aus. Die erste Binnenhandlung, die Geschichte von Ruperts Familie, ist die Erklärung für den zunächst direkten Einstieg, der sich am Anfang sehr schwer liest, da man sich kaum auskennt. Die Familiengeschichte ist chronologisch, wirkt wie eine Lebensgeschichte von A bis Z. Sie ist zwar zeitraffend, erzählt jedoch jedes noch so kleine Detail an der Familienhistorie und macht so ungefähr der Buchseiten aus. Sie wird dreimal unterbrochen durch die zweite Binnenhandlung, dem Protokoll der Zeugenaussage von Jonas Shtrom. Diese wirkt noch chronologischer und wirkt wie wochenlang vorbereitet. Jedes Mal gibt es einen großen Knick in der Geschichte, da meist am Höhepunkt von Ruperts Familiengeschichte das Protokoll eingeschoben wird. Aber kaum hat man zwei Seiten gelesen, wird alles noch spannender als zuvor. Man bekommt hier einen schockierend detaillierten Einblick in das Kaunauer Ghetto und dem Holocaust als Ganzes. Es dauert allerdings bis Seite 450 von 573, dass man kapiert, warum hier immer wieder das Protokoll eingeschoben wird. Man erfährt, dass Lucas Munkaitis tatsächlich Kriegsverbrecher ist und zu allem Überdruss noch Mimis Großonkel ist und sich in New York versteckt. Haslinger behandelt in diesem politischen Thriller zweierlei Themen: die österreichische Vetternwirtschaft und Nazi-Gräueltaten bzw. den Umgang mit diesen. Zum Teil satirisch wird die (traditionelle) österreichische Vetternwirtschaft beleuchtet, die einen Mann wie Jörg Haider groß gemacht hat. Haslinger übt hier sicherlich deutlich Kritik an diesem verkrusteten Nachkriegs?Proporz?System, indem er Ruperts Vater, einem Nutznießer, als korrupt und anti-familiär darstellt und ihn vom ultralinken Jungsozialisten zum arrivierten Politiker, der in zahlreichen Aufsichtsräten sitzt, wandern lässt. Das zweite Thema wird wahrscheinlich leichtes Übergewicht für Haslinger gehabt haben. Es geht hier primär nicht um die Verbrechen während des nationalsozialistischen Regimes an sich, sondern um deren Nachwirkung, die bis in die Jetzt-Zeit zu spüren sind. Beide, Opfer und Täter, flüchten nach Amerika. Die beiden ehemaligen Schulfreunde kommen (indirekt) das erste Mal im Kaunauer Ghetto in Kontakt und das zweite Mal (indirekt) wieder, jedoch ganz wo anders, nämlich in New York. Der Täter muss sich nach 32 Jahren des Versteckens in einem Keller noch immer vor seiner Entdeckung fürchten, das Opfer gibt auch nach 32 Jahren nicht auf, ihn zu finden. Und Rupert gerät völlig schuldlos mitten hinein. Auch ihn holt die Vergangenheit ein, sein Großvater war im KZ und er lässt sich überreden, einem derartigen Mensch zu helfen. Darin ergibt sich meiner Meinung nach die gewisse Spannung des Buches. Wörtlich aus dem Buchvorspann: „Bestechend genau beleuchtet Haslinger die Verwerfungen des vergangenen Jahrhunderts und macht eindringlich spürbar, dass man der Geschichte nicht entkommen kann.“
Als ich mir dieses Buch ausgeliehen habe, glaubte ich, ein Buch über irgendwelche „Nazigeschichten“ lesen zu werden, weil dies im Klappentext so angedeutet wird. Ohne Vorkenntnis stürzte ich mich ins Geschehen. Nach und nach wurde es mir klar, dass der Klappentext nicht den Inhalt des Romans widerspiegelt. Kurz war ich enttäuscht, las aber dennoch weiter und im Nachhinein betrachtet war es kein Fehler. Es ist zuallererst Haslingers gestochen scharfer, eigenartig lässiger, Stil, der mich fasziniert. Diese Lässigkeit, mit der Rupert Kramer das Leben meistert, und sein Leben selbst halten mich bis heute in Atem. Obwohl es hier teilweise provinziell wird, ist es doch ein Roman von der großen weiten Welt. Vielleicht kommt hier keine eindeutige Interpretation zustande, da Haslinger nicht nur die Vetternwirtschaft oder nicht nur den Nationalsozialismus kritisiert, trotzdem regt dieser Roman sehr zum Denken an. „Das Vaterspiel“ von Josef Haslinger kann ich nur sehr, sehr empfehlen.