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Aber der Plot als solches dient in diesem Film ohnehin nur als Staffage, als lose gewebter Rahmen, der viel Platz für die Charakterentwicklung und -darstellung Gene Hackmans und John Cusacks lässt.
Die eigentliche Handlung stellt eine im amerikanischen Rechtssystem übliche Praxis an den Pranger. Der Ur-Demokratische Gedanke der Urteilsfindung durch Einbeziehung von unparteiischen Bürgern als Jury wird in der heute üblichen Rechtspraxis pervertiert. Aus den Wählerlisten des jeweiligen Gerichtsbezirkes werden durch ein mathematisches Zufallsverfahren Bürger aller Altersgruppen, sozialen Schichten etc. ausgewählt und zwar gemäß ihrem jeweiligen %-ualen Anteil an der Gesamtbevölkerung. Meist kommen hier Gruppen zwischen 100 und 200 Kandidaten zusammen. Diese Namensliste wird lange vor der eigentlichen Prozessbeginn sowohl dem Anklagevertreter als auch der Verteidigung zur Verfügung gestellt.
Niemand verliert gerne ein Spiel. Noch weniger Interesse haben in Amerika verklagte Unternehmen, einen Prozess zu verlieren in dem es in der Regel um Entschädigungssummen in Höhe von mehreren Millionen Dollar geht und die außerdem noch leicht als Präzedenzfälle herangezogen werden könnten. Es geschieht deshalb oft, dass von der einen oder anderen Seite der Prozessbeteiligten so genannte Jury-Berater engagiert werden. Deren einzige Aufgabe besteht darin, das Privatleben der auf der Liste stehenden Bürger auf dunkle Stellen zu durchleuchten. Sie schrecken auch nicht davor zurück, speziell für solche Gelegenheiten ausgebildete Mitarbeiter zu fingierten Dates oder Verkaufsgesprächen mit den potentiellen Jury-Mitgliedern zu schicken. Im Verlauf dieser Gespräche soll herausgefunden werden, welche Ansichten, Meinungen, Einstellungen etc. vertreten werden.
Auf Grund dieser Informationen werden Psychogramme erstellt, deren einziger Zweck es ist, eine Prognose darüber zu ermöglichen, wie sich das potenzielle Jury-Mitglied voraussichtlich verhalten wird. Fällt die Prognose zu Ungunsten des Kandidaten aus, wird mit allen legalen Mitteln versucht, die Berufung zum Jury-Mitglied zu verhindern.
Gene Hackman spielt den erfolgreichen, skrupellosen und eiskalten Jury-Berater Rankin Fitch. Niemand weiß, dass er überhaupt existiert. Aber er ist der Mann, der hinter den Kulissen die Drecksarbeit erledigt. Dafür steht ihm eine Armada an Mitarbeitern sowie die neuesten technischen Errungenschaften zur Verfügung - und fast unerschöpflich viel Schwarzgeld aus den Portokassen der Beklagten.
Sobald die Jury zusammen gestellt ist, beginnt der zweite Teil seiner Arbeit. Die Jury wird sowohl während der Verhandlung als auch in ihrer Freizeit genauestens überwacht. Sobald es kleinste Anzeichen dafür gibt, dass ein Jury-Mitglied nicht den prognostizierten Erwartungen entspricht, wird alles unternommen, Einfluss und Druck auszuüben. Dabei schreckt Fitch dann vor keinen Mitteln mehr zurück um seine Auftraggeber zufrieden zu stellen und den Prozessausgang in seinem Sinne zu manipulieren.
„Das Urteil" präsentiert sich vordergründig als eine spannende Mischung aus Psychothriller und Actionkino. Allerdings ist dies nur die halbe Wahrheit. Dahinter läuft ein zweiter, weit wichtigerer Handlungsstrang ab: das Aufeinanderprallen zweier moralischer Grundhaltungen. Auf der einen Seite das konservative Amerika mit seinen Werten und Einstellungen. Auf der anderen Seite das liberale Gedankengut und der unerschütterliche Glaube an Gerechtigkeit.
Regisseur Fleder scheint diesem Handlungsstrang bereits beim Casting eine große Bedeutung eingeräumt zu haben. Gene Hackman hat in seiner langen Karriere häufig in der konservativen Tradition verwurzelte Charaktere verkörpert, oft tätig in einem öffentlichen Amt oder als Polizist.
Dustin Hofman hingegen verkörperte in seinen Rollen oft den liberalen Freigeist, zuletzt in „Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich" einen Rechtsanwalt, der statt Karriere die Tätigkeit des Hausmannes wählte, um mehr Zeit mit seiner Familie verbringen zu können.
Dazwischen steht, im Vergleich zu den beiden Titanen des Kinos, der Jungstar John Cusack, der hier die beste schauspielerische Leistung seiner Karriere abliefert. Fleder gibt gerade Cusack ausreichend Platz, seinen anfangs undurchsichtigen Charakter zu entwickeln. Die Methoden, die er als Nicholas Easter anwendet, um zum Ziel zu gelangen, unterscheiden sich wenig von denen Fitchs. Auch er manipuliert die anderen Jury-Mitglieder nach Möglichkeit, um seinen Erfolg zu sichern. Sicherlich gehören die Diskussionen zwischen den Jury-Mitgliedern und Easter zu den absoluten Höhepunkten des Films. Und bis zum Ende des Films bleibt offen, wessen Partei Easter und damit die Jury ergreifen wird. Und auch die Motivation, die Easter und seine geheimnisvolle Freundin Marlee antreibt, bleibt fast bis zum Schluss im Verborgenen.
Fazit: Ein absolutes Muss für alle Fans von intelligenten Thrillern. John Cusack und Rachel Weisz als „Robin und Marianne", Dustin Hoffman als die Verkörperung des toleranten Weltbürgers mit der Hoffnung auf Gerechtigkeit und Menschlichkeit sowie Gene Hackman als Zyniker ohne Moral und Skrupel unterhalten über die gesamte Länge des Films - immerhin fast 140 Minuten.
John Cusack spielt den undurchsichtigen Geschworenen Nr. 9, Nick Easter, der einiges an Überraschungen in petto hat. Rankin Fitch (Hackman) hat nicht mit diesem unscheinbaren Computerfreak gerechnet, sonst hätte er ihn wohl nie als Geschworenen akzeptiert. Doch dieser Mann wird das größte Problem für Fitch und seine Karriere, denn der junge Mann hat noch eine große Rechnung offen mit ihm, die er clever und unnachgiebig begleicht.
Der Zuschauer merkt dann, dass Marlee seine Freundin ist, sich aber wegen Fitchs Überwachungen nicht mit ihm zusammen sehen lässt. Marlee aber treibt die Spannung auf die Spitze, als sie ein Angebot unterbreitet, an beide Seiten: Das Urteil wird einem von ihnen gehören, aber es hat seinen Preis - 10 Millionen Dollar, nicht verhandelbar.
Fitch, zuerst noch selbstsicher und gelassen, muss zusehen, wie wichtige Geschworene ausfallen und Marlee sich als mutiger erweist als er angenommen hat. Offensichtlich können Marlee und Easter die Sache wirklich in eine beliebige Richtung lenken... doch Fitch sucht verzweifelt ihren Schwachpunkt, ihr Geheimnis, das allen, auch dem Zuschauer, bis 5 Sekunden vor dem Urteil vorenthalten wird. Daher erhält sich der Spannungsbogen, clever aufgebaut und gehalten, bis ganz zum Schluss. Selbst da hat der Film noch eine glänzende Überraschung parat.
Ein gelungener Thriller von höchstem Niveau mit Weltklasse-Schauspielern und einem Charme, der unvergleichlich ist. Den muss man mindestens einmal gesehen haben!
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