Zunächst ist es sehr begrüßenswert, wenn darauf hingewiesen wird, dass die "heilige" Schrift nicht nur seine postitiven, sondern auch seine unheilvollen Seiten hat. Erfreulich ist es auch, dass diese Erkenntnis von jemandem vermittelt wird, dessen berufliche Laufbahn in der evangelischen Theologie lag. Leider verwendet der Autor ungefähr ein Viertel des Buches darauf, über den Gebrauch der Bibel in der EKD zu schreiben. Dies mag für Mitglieder einer der evangelischen Kirchen in Deutschland von Bedeutung sein, aber die machen nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung dieses Landes aus. Wäre es so aufwendig gewesen, auch etwas über die Situation in der katholischen Kirche zu schreiben?
Was dann über die "dunkle Seite" der Bibel kommt, ist leider auch enttäuschend. Im zweiten Kapitel werden der heilige Krieg und die historischen Konsequenzen des israelitischen Erwählungsglaubens behandelt. Das dritte Kapitel erörtert den Antijudaismus im Neuen Testament. Leider werden aber andere problematische Stellen der Bibel, die nach wie vor ihren negativen Einfluss auf die Gesellschaft ausüben, überhaupt nicht erwähnt. Dazu gehören das patriarchalische Weltbild der Bibel und die dem Christentum inhärente Misogynie, die ihren Ursprung in den Paulusbriefen hat, die neutestamentliche Intoleranz, die zu zahllosen Verfolgungen sogenannter "Ketzer" und Ungläubiger führte und noch heute die Einstellung der Kirchen zu den vermeintlichen Konkurrenten, den "Sekten", prägt, sowie nicht zuletzt die Homophobie, die ebenfalls unsagbares Leid verursacht hat. Es ließen sich noch andere Ungerechtigkeiten aufführen, die hier den Rahmen sprengen würden, aber die in dem schmalen Buch üder "das Unheilige in der Heiligen Schrift" Platz finden hätten können.
Versteht man die Bibel als Literatur aus vergangenen Epochen, kann sie wirklich erhebend sein. Vor allem einzelne Teile des Alten Testaments gehören zu den Glanzstücken des menschlichen literarischen Schaffens. Versteht man sie aber als Wort Gottes, kann sie die dunkelste Seite des Menschen wecken, wie die vergangenen zweitausend Jahre christlicher Geschichte zeigen. Zumindest ist es dem Buch ansatzweise gelungen, dieses Thema anzusprechen.