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Das Unbehagen in der Kultur: Und andere kulturtheoretische Schriften (Fischer Klassik) [Taschenbuch]

Sigmund Freud
4.9 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (8 Kundenrezensionen)
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Kurzbeschreibung

7. Juli 2009 Fischer Klassik (Buch 90207)
Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden. In diesem Bezug verdient vielleicht gerade die gegenwärtige Zeit ein besonderes Interesse. Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, daß sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks, ihrer Angststimmung.
Siegmund Freud

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Das Unbehagen in der Kultur: Und andere kulturtheoretische Schriften (Fischer Klassik) + Das Ich und das Es: Metapsychologische Schriften (Fischer Klassik) + Zur Psychopathologie des Alltagslebens: Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum (Fischer Klassik)
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Über den Autor

Sigmund Freud, 1856 in Freiberg (Mähren) geboren, wandte sich nach dem Medizinstudium während eines Studienaufenthalts in Paris der Psychopathologie zu. Anschließend beschäftigte er sich in der Privatpraxis mit Hysterie und anderen Neurosenformen. Er begründete die Psychoanalyse und entwickelte sie fort als eigene Behandlungs- und Forschungsmethode sowie als allgemeine, auch die Phänomene des normalen Seelenlebens umfassende Psychologie. 1938 emigrierte Freud nach London, wo er 1939 starb.

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5.0 von 5 Sternen Über Kulturentwicklung... 5. Februar 2007
Von Shaun TOP 500 REZENSENT
Format:Taschenbuch
Im wichtigsten Text dieses Bandes "Das Unbehagen in der Kultur" kommt Freud auf die in "Die Zukunft einer Illusion" drei Jahre zuvor gemachten Äußerungen zur Kulturentwicklung dadurch zurück, dass er Romain Rollands Kritik an dieser ersten Schrift zum Ausgangspunkt einer erweiterten Theorie macht (Freud hatte darin Religion als Illusion, also Wunschvorstellung bezeichnet, Rolland jedoch verwahrte sich als religiöser Mensch dagegen und nannte sein "ozeanisches" Gefühl einer Verbundenheit mit dem "Ewigen", "Unbegrenzten" eine primäre Quelle religiöser Energie, die er einfach habe, fertig aus).

Der Ausgangspunkt hin zur kulturellen Entwicklung beginnt für Freud zunächst mit dem Streben des Menschen nach Glück als entweder (negativ gewendet) Meiden von Schmerz und Unlust oder (positiv ausgedrückt) Erleben starker Lustgefühle. Aber dieses Lustprinzip wird von drei Seiten mit Leid bedroht: vom eigenen Körper, von der Außenwelt und von anderen Menschen, in der Leidvermeidung entwickelt es sich notgedrungen weiter zum Realitätsprinzip. Zu den verschiedenen Möglichkeiten der Leidabwehr kann neben Intoxikation und Triebabtötung durch z.B. Yoga aber auch die sogenannte Libidoverschiebung zählen, also die innerpsychische Sublimierung der Triebe hin zu beispielsweise Kunst und Wissensdrang, so dass einem die Nichterfüllung der primären Wünsche nichts anhaben kann. Für manche Menschen bleibt allerdings nur der krankhafte Weg der Flucht in die Neurose. Für die Kulturentwicklung sind Triebverzicht und Triebsublimierung ganz wichtige Prozesse.

Kultur dient nach Freud a) dem Schutz des Menschen gegen die Natur und b) der Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander. Letztlich wird die Macht des Einzelnen durch die der Gemeinschaft ersetzt, damit entstehen Recht und Gerechtigkeit, um den Einzelnen um der Anderen willen einschränken zu können.

Neben den libidinösen Triebregungen (Eros als verbindende Kraft) erkennt Freud jedoch auch nicht minder mächtig einen Aggressions- bzw. Destruktions-/Selbstvernichtungstrieb ("Homo homini lupus" - "Der Mensch ist des Menschen Wolf", nach Plautus), der ihm das Bibelwort "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" als Überforderung erscheinen lässt, die selbst sogar gerade in Hinblick auf ihre Unerreichbarkeit aggressive Tendenzen auslösen kann. Die Aggressionsneigung bedroht den Einzelnen wie auch die Kulturentwicklung. Das Ausleben von Aggression nach außerhalb wiederum ermöglicht Libidobestrebungen innerhalb der Gemeinschaft, auf diese Weise erklärt sich nach Freud gerade der Hass benachbarter Gemeinschaften wie etwa Spanier und Portugiesen, Nord- und Süddeutsche, Engländer und Schotten. Der Kampf beider Triebe (also des aufbauenden und des zerstörenden) um die Vorherrschaft finde sowohl innerhalb des Menschen, wie auch in der Kulturentwicklung statt.

Im Menschen, der sich die Aggression nicht auszuführen gestattet, kommt es dann zur Verschiebung, zur Introjektion der Aggressionslust in das Über-Ich, daraus entsteht das Gewissen und das Schuldbewusstsein als Spannung zwischen dem strengen Über-Ich und dem unterworfenen Ich (Angst des Kindes erst vor der Autorität, später als Erwachsener vor dem Über-Ich). -

Der lesenswerte Band enthält noch folgende Schriften Freuds: "Das Unbehagen in der Kultur" (1930), "Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität" (1908), "Zeitgemäßes über Krieg und Tod" (1915), "Warum Krieg?" (1933) und "Massenpsychologie und Ich-Analyse" (1921).

Wer "Die Zukunft einer Illusion" (1927), "Totem und Tabu" (1913), "Zur Gewinnung des Feuers" (1932) und "Der Mann Moses und die monotheistische Religion" (1939) ebenfalls lesen mag, der greife allerdings gleich zum 9. Band der wunderbar aufbereiteten Freud-Studienausgabe im S. Fischer-Verlag. (4.02.07)
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15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einer der interessantesten Texte von Freud 1. Januar 2005
Format:Taschenbuch
Zentrales Thema dieser Schrift von Freud ist das Verhältnis von Individuum und Kultur, die unvereinbar seien und als Folge zum Unbehagen beim Individuum führen.

Der Mensch hat - ständig nach Triebbefriedigung strebend - keine Chance, glücklich zu werden in einer Kultur, die maßgeblich auf Triebverzicht aufgebaut ist.

Die Unmöglichkeit des Auslebens der eigenen Triebe, die kulturell nicht akzeptiert seien, führe dazu, dass die Menschen sich auf "Methoden des Lustgewinns und der Unlustvermeidung" einlassen. Freud nennt hier u.a. die Verwendung von Rauschmitteln, Libidoverschiebung bzw. Sublimierung, die "Flucht" ins Irreale, den wahnhaften Versuch, die Realität zu verändern, die Flucht ins Neurotische, sowie "eine auf dem Glückswert der Liebe gegründete Lebenstechnik".

Von Interesse ist außerdem das von Freud (nicht nur) in diesem Werk gezeichnete Menschenbild. Der Mensch wird in seinen Beziehungen dargestellt als seinen Trieben unterliegender "reißender Wolf" (homo homini lupus), was dieses Werk vor allem sozialpsychologisch interessant macht. Ein zu dieser Auffassung kontrastives Bild zeichnet das Spätwerk Alfred Adlers (Der Sinn des Lebens), bei dem sich der Mensch als ein von Gemeinschaftsgefühl geleitetes Wesen wiederfindet.

Herbert Marcuse hat den Freud'schen Antagonismus zwischen Kultur und Individuum aufgegriffen und reformuliert (Der eindimensionale Mensch). Der Antagonismus löse sich in einer Eindimensionalität zunehmend auf, die tanszendentale kulturelle Qualität löse sich dadurch auf, dass der Mensch sich insbesondere durch repressive Entsublimierung bei gleichzeitig glücklichem Bewusstsein (bzw. "happy consciousness") die Kultur mehr und mehr den eigenen Triebregungen angleiche.

Insgesamt also ein absolut lesenswertes Buch, das eine Menge Denkanregungen mitbringt und zu kontroverser Diskussion anregt.

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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eros und Ananke 28. Januar 2007
Von kpoac TOP 500 REZENSENT
Format:Taschenbuch
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"Nach langem Zögern und Schwanken haben wir uns entschlossen, nur zwei Grundtriebe anzunehmen, den Eros und den Destruktionstrieb. [...] Das Ziel des ersten ist, immer größere Einheiten herzustellen und so zu erhalten, also Bindung, das Ziel des anderen im Gegenteil, Zusammenhänge aufzulösen und so die Dinge zu zerstören. [...] Wir heißen ihn darum auch Todestrieb." (Abriss der Psychoanalyse, Zweites Kap. Trieblehre) Auf ihnen beruht unsere Kultur. Und im vorliegenden Buch heißt es weiter: "Eros und Ananke sind auch die Eltern der menschlichen Kultur geworden."

Die Psychoanalyse Freuds ist im Allgemeinen und in erster Linie als therapeutische Veränderungsform bekannt und teilweise geachtet. Freud jedoch ging es hauptsächlich um die Wahrheiten, die er mit der Psychoanalyse über das Wesen der Menschen und ihre konfliktreiche Verflechtung mit der sie umgebenden Kultur ausfindig machen wollte. Auf dieser Suche stieß Freud auf sehr unangenehme Wahrheiten über unsere Kultur. Er hält unserer Kultur den Spiegel vor, und es geht einer kritischen psychoanalytischen Forschung und Tradierung von Freuds Werk darum, das Unbehagen in der Kultur auf seine Relevanz für heutige Verhältnisse hin zu befragen.

Aus der Welt, wie sie ist, können wir nicht fallen. Wir sind darin und müssen uns ihr stellen. Das heißt, dass das subjektive Ich sich nach Außen zu richten hat, Ich-Grenzen, auch in ihrer Unbeständigkeit sind aufzulösen, die Lust hat sich dem drohenden Draußen zu stellen. Die einmal gemeinte Vollkommenheit des Ichs wird aufgelöst, weil quasi die Außenwelt abgeschieden wird. Kann also das Ursprüngliche neben dem daraus entstandenen Späteren bestehen?

Von hieraus entwickelt Freud seine Ideen der Subjekt (Individuum)-Kultur Beziehung. In insgesamt acht Abschnitten unterteilt, geht er der Frage nach dem Verhältnis und Umgang des Menschen zu der ihn umgebenden Kultur nach. Überlegungen zur Rolle und Bedeutung von Glück, Unglück und dem Gefühl der Aggression in unserer Kultur (vgl. Sloterdijk 2006, Zorn und Zeit), die eine Kultur der Vermeidung von Leiden und der Todesverdrängung ist; in der das Ende des Alterns proklamiert werde, in der das Fehlen von Trauerritualen Symptom einer Unfähigkeit zu trauern und Ursache eines chronischen Leidens sei.
Leiden wird aus drei Quellen geboren: 1. Übermacht der Natur, 2. Hinfälligkeit des Körpers, 3. Unzulänglichkeiten im menschlichen Beziehungsgeflecht. Nun, da 1. und 2. nicht beeinflussbar sind, bleibt Aktivität für die Beziehung. Nimmt man an, dass Glück in primitiven Verhältnissen am größten war, trägt die Kultur Schuld an unserem Elend. Damit und in Folge ist Kulturfeindlichkeit genährt vom Boden einer langen Unzufriedenheit. Die Kultur versagt dem Menschen subjektive Befriedigung durch auferlegte Ideale, die in einer ins Primitive zurückgeführten Welt keine Gültigkeit haben. Voltaires Candide beschreibt das reiche Volk als eines, das den menschlichen Grundzügen des Zusammenseins nicht entgegen wirkt durch die Untugenden, die durch Reichtum entstehen. (siehe Voltaire 1759, Candide). [Die Frage, ob die Philosophischen Bissen von Kierkegaard nicht Freuds Denken beeinflusst haben, ist wohl offen.]

"Kultur wird als die ganze Summe der Leistungen und Einrichtungen bezeichnet, in denen sich unser Leben von dem unserer tierischen Ahnen entfernt und zwei Zwecken dienen: dem Schutz des Menschen gegen die Natur [1. und 2. werden eliminiert] und der Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander." Die entscheidende Kulturleistung, der Triebverzicht, das Akzeptieren der Einschränkung der eigenen persönlichen Freiheit, ist, um es mit Freud zu sagen, in unserer Welt der Fehlverteilung von Wohlstand, in der Überproduktion neben Hungerkatastrophen steht, ungerecht verteilt. Freud schreibt dazu: "Es ist nicht so leicht zu verstehen, wie man es möglich macht, einem Trieb die Befriedigung zu entziehen."
"Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Menschen gemeinhin mit falschen Maßstäben messen, Macht, Erfolg und Reichtum für sich anstreben und bei anderen bewundern, die wahren Werte des Lebens aber unterschätzen." Dieser Satz ist der Anfang Freuds Überlegungen und macht hier schon deutlich, dass sein Unbehagen in der Kultur geprägt ist vom Fehlen menschlicher Beziehungs- und Wertvorstellungen. Damit ist es für das 21. Jahrhundert höchst aktuell. Aber durch die Erhöhung subjektiver Befindlichkeiten in dieser globalen Welt, ist mit der conclusio Freuds nicht zu spaßen.

Sein Essay dient der Diagnose und sein Endergebnis ernüchtert, wenn er sagt: "dass der Preis für den Kulturfortschritt in der Glückseinbuße durch die Erhöhung des Schuldgefühls bezahlt wird."
Schuldgefühl ist eine Triebfeder der Aggression. Es ist subjektiv auf Personen wie auf Nationen bezogen und beeinträchtigt das zufriedene, friedliche Glücksmoment. "Wer mit sich unzufrieden ist, ist fortwährend bereit, sich dafür zu rächen", schrieb der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche
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