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"Nach langem Zögern und Schwanken haben wir uns entschlossen, nur zwei Grundtriebe anzunehmen, den Eros und den Destruktionstrieb. [...] Das Ziel des ersten ist, immer größere Einheiten herzustellen und so zu erhalten, also Bindung, das Ziel des anderen im Gegenteil, Zusammenhänge aufzulösen und so die Dinge zu zerstören. [...] Wir heißen ihn darum auch Todestrieb." (Abriss der Psychoanalyse, Zweites Kap. Trieblehre) Auf ihnen beruht unsere Kultur. Und im vorliegenden Buch heißt es weiter: "Eros und Ananke sind auch die Eltern der menschlichen Kultur geworden."
Die Psychoanalyse Freuds ist im Allgemeinen und in erster Linie als therapeutische Veränderungsform bekannt und teilweise geachtet. Freud jedoch ging es hauptsächlich um die Wahrheiten, die er mit der Psychoanalyse über das Wesen der Menschen und ihre konfliktreiche Verflechtung mit der sie umgebenden Kultur ausfindig machen wollte. Auf dieser Suche stieß Freud auf sehr unangenehme Wahrheiten über unsere Kultur. Er hält unserer Kultur den Spiegel vor, und es geht einer kritischen psychoanalytischen Forschung und Tradierung von Freuds Werk darum, das Unbehagen in der Kultur auf seine Relevanz für heutige Verhältnisse hin zu befragen.
Aus der Welt, wie sie ist, können wir nicht fallen. Wir sind darin und müssen uns ihr stellen. Das heißt, dass das subjektive Ich sich nach Außen zu richten hat, Ich-Grenzen, auch in ihrer Unbeständigkeit sind aufzulösen, die Lust hat sich dem drohenden Draußen zu stellen. Die einmal gemeinte Vollkommenheit des Ichs wird aufgelöst, weil quasi die Außenwelt abgeschieden wird. Kann also das Ursprüngliche neben dem daraus entstandenen Späteren bestehen?
Von hieraus entwickelt Freud seine Ideen der Subjekt (Individuum)-Kultur Beziehung. In insgesamt acht Abschnitten unterteilt, geht er der Frage nach dem Verhältnis und Umgang des Menschen zu der ihn umgebenden Kultur nach. Überlegungen zur Rolle und Bedeutung von Glück, Unglück und dem Gefühl der Aggression in unserer Kultur (vgl. Sloterdijk 2006, Zorn und Zeit), die eine Kultur der Vermeidung von Leiden und der Todesverdrängung ist; in der das Ende des Alterns proklamiert werde, in der das Fehlen von Trauerritualen Symptom einer Unfähigkeit zu trauern und Ursache eines chronischen Leidens sei.
Leiden wird aus drei Quellen geboren: 1. Übermacht der Natur, 2. Hinfälligkeit des Körpers, 3. Unzulänglichkeiten im menschlichen Beziehungsgeflecht. Nun, da 1. und 2. nicht beeinflussbar sind, bleibt Aktivität für die Beziehung. Nimmt man an, dass Glück in primitiven Verhältnissen am größten war, trägt die Kultur Schuld an unserem Elend. Damit und in Folge ist Kulturfeindlichkeit genährt vom Boden einer langen Unzufriedenheit. Die Kultur versagt dem Menschen subjektive Befriedigung durch auferlegte Ideale, die in einer ins Primitive zurückgeführten Welt keine Gültigkeit haben. Voltaires Candide beschreibt das reiche Volk als eines, das den menschlichen Grundzügen des Zusammenseins nicht entgegen wirkt durch die Untugenden, die durch Reichtum entstehen. (siehe Voltaire 1759, Candide). [Die Frage, ob die Philosophischen Bissen von Kierkegaard nicht Freuds Denken beeinflusst haben, ist wohl offen.]
"Kultur wird als die ganze Summe der Leistungen und Einrichtungen bezeichnet, in denen sich unser Leben von dem unserer tierischen Ahnen entfernt und zwei Zwecken dienen: dem Schutz des Menschen gegen die Natur [1. und 2. werden eliminiert] und der Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander." Die entscheidende Kulturleistung, der Triebverzicht, das Akzeptieren der Einschränkung der eigenen persönlichen Freiheit, ist, um es mit Freud zu sagen, in unserer Welt der Fehlverteilung von Wohlstand, in der Überproduktion neben Hungerkatastrophen steht, ungerecht verteilt. Freud schreibt dazu: "Es ist nicht so leicht zu verstehen, wie man es möglich macht, einem Trieb die Befriedigung zu entziehen."
"Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Menschen gemeinhin mit falschen Maßstäben messen, Macht, Erfolg und Reichtum für sich anstreben und bei anderen bewundern, die wahren Werte des Lebens aber unterschätzen." Dieser Satz ist der Anfang Freuds Überlegungen und macht hier schon deutlich, dass sein Unbehagen in der Kultur geprägt ist vom Fehlen menschlicher Beziehungs- und Wertvorstellungen. Damit ist es für das 21. Jahrhundert höchst aktuell. Aber durch die Erhöhung subjektiver Befindlichkeiten in dieser globalen Welt, ist mit der conclusio Freuds nicht zu spaßen.
Sein Essay dient der Diagnose und sein Endergebnis ernüchtert, wenn er sagt: "dass der Preis für den Kulturfortschritt in der Glückseinbuße durch die Erhöhung des Schuldgefühls bezahlt wird."
Schuldgefühl ist eine Triebfeder der Aggression. Es ist subjektiv auf Personen wie auf Nationen bezogen und beeinträchtigt das zufriedene, friedliche Glücksmoment. "Wer mit sich unzufrieden ist, ist fortwährend bereit, sich dafür zu rächen", schrieb der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche