Die essentialistische Ausrichtung der frühen Frauenforschung, die über die Konstruktion einer vermeintlich allen Frauen gemeinsamen Opfererfahrung eine die Individuen übergreifende Geschlechtsidentität postulierte, verlor in jenem Moment ihre Überzeugungskraft, als von schwarzen Frauen auf die unterschiedlichen Lebenserfahrung bezüglich der Kategorie "Race" aufmerksam gemacht wurde. Im Laufe der Zeit traten auch andere Aspekte der Unterscheidung in den Fokus wissenschaftlicher Aufmerksamkeit. Gleichzeitig wurde der essentialistische "Frauencharakter" zugunsten eines Modells, das zwischen biologisch determiniertem ("sex") und sozial konstruiertem ("gender") Geschlecht unterschied, fallen gelassen. Mit dem hier vorliegenden Werk wurde schließlich ein radikalkonstruktivistischer Standpunkt in die Debatte eingebracht, an dem sich seither zahlreiche Diskussionen entzündeten. Butlers Ansatz hat - neben den unleugbaren Schwächen - auch Stärken, die eine Auseinandersetzung mit ihrer These lohnenswert machen.
<br />Michel Foucault hatte gezeigt, dass die Veränderungen in Philosophie und Wissenschaft, die mit dem Ende des 18. Jh. im Westen einsetzen, zu einem Rückgang religiöser Inhalte und einer als absolut verstandenen Wahrheit führten, während auf der Suche nach einer Bewältigungsmöglichkeit der Kontingenz menschlicher Existenz schließlich der Sex die Stelle Gottes einnahm. In seiner berühmten, unvollendet gebliebenen Studie zeigte der Philosoph jedoch, dass auch der Sex keineswegs eine historische Konstante bildete, sondern Veränderungen unterworfen ist. Während Foucault noch von einem neutralen, aber prädiskursiv existenten Körper ausgeht, auf dem die Einschreibungen der Kultur vorgenommen werden, geht Butler einen Schritt darüber hinaus und bezeichnet auch das biologische Geschlecht als konstruiert. Die oft gehörte Behauptung, Butler leugne das biologische Geschlecht, gibt ihre Gedanken jedoch verkürzend und nur etwas entstellt wieder. (Einer Missinterpretation ihres Ansatzes leistet Butler allerdings mit einem Stil Vorschub, dessen dringlichste Absicht es zu sein scheint, sich einem Zugang über den allgemeinen Sprachgebrauch zu verschließen.)
<br />Ausgangspunkt ihrer Vorstellung von Geschlecht ist der Begriff der politischen Repräsentation: Um von der Politik überhaupt in angemessener Weise repräsentiert werden zu können, muss durch diese zuerst eine Definition von Geschlecht vorgenommen werden, die jedoch notwendigerweise eine Konstruktion darstellt. Die solcherart Definierten sind daher gezwungen, sich die Ausschlusskriterien zu eigen machen müssen, um Repräsentanz zu erlangen. Nicht in das Raster der Repräsentierbarkeit zu passen bedeutet, aus der Ordnung der Dinge zu fallen. Das geschlechtliche Individuum ist aus diesem Grund gefangen in einer ambivalenten Situation, in der es sich einerseits als einzigartige Persönlichkeit begreift und begreifen muss, andererseits gezwungen ist, eine ihm aus Praktikabilitätsgründen aufgestülpte Ordnung anzuerkennen, die es tatsächlich nicht selbst, sondern nur in schematischer Weise repräsentiert. Zwar ist die Vorstellung des politisch Repräsentierten historisch wandelbar. Der Prozess der Vertretung selbst setzt jedoch immer schon ein Geschlecht voraus, das es zu repräsentieren gälte. Solch ein "Geschlecht", das immer über exklusivistische, bestimmte Aspekte ausschließende Kriterien konstruiert wird, kann niemals all jene adäquat - und vor allem: vollständig - repräsentieren, die zu vertreten es vorgibt. In diesem Zusammenhang ist Butlers These, auch das vermeintlich natürliche Geschlecht sei eine Konstruktion, zu sehen.
<br />Mit ihrem Ansatz spaltete Butler die bis dahin noch mehr oder weniger geeinte Frauenforschung, die sich nun vielmehr um ihr ureigenes Objekt gebracht sah. Gerade diese Auflösung des Geschlechtssubjekts ist jedoch Butlers Anliegen: Jegliche, einen überindividuellen Anspruch erhebende Repräsentation muss zwingend das tatsächliche Individuum in seinen Aspekten "beschneiden". Butlers Gedanke ist in dieser Hinsicht das beste Argument gegen Maßnahmen wie das sogenannte, besonders bei Politikern heute äußerst beliebte "Gender Mainstreaming" - geschlechtsspezifische Vorgaben, deren Durchführung mit politischen Mitteln überwacht und juristisch und ökonomisch erzwungen werden sollen, was die Bedingung für eben jenes "Unbehagen der Geschlechter" ist. Im Lichte der Butlerschen Analyse wird GM schnell als das deutlich, was abzuschaffen es vorgeblich im Programm hat: Die Konstruktion und politische Verfestigung von Geschlechterklischees. Diesen Mechanismus in seiner Funktionsweise sichtbar zu machen ist zweifelsohne Butlers stärkster Verdienst! - Es wäre nur wünschenswert, sie hätte sich einer allgemeinverständlicheren Sprache bedient.
<br />Butler scheint - wie viele andere Philosophenkollegen - die insgeheime Befürchtung zu hegen, auch von Nichtfachleuten verstanden zu werden sei Zeichen eines Makels. Sind ihre eigentlichen Gedanken nicht so schwer zu verstehen, so gibt sie sich alle Mühe, durch exzessiven Fremdwortgebrauch, umständliche Satzkonstruktion und bisweilen nebulöse Andeutungen sich einer klaren Aussage zu entziehen. Kostprobe? "Dem Maßstab der Ontologie der Substanz entsprechend haben Frauen kein `Sein', weil sie die Relation der Differenz, das Ausgeschlossene, sind, durch das dieses Gebiet seine eigenen Grenzen markiert. Überdies stellen Frauen eine `Differenz' dar, die nicht einfach als Negation oder `Anderes' des immer-schon-maskulinen Subjekts begriffen werden kann. Denn wie oben erläutert, sind Frauen weder das Subjekt noch dessen Anderes, sondern eine Differenz von der Ökonomie des binären Gegensatzes, die ihrerseits die monologische Ausarbeitung des Männlichen verschleiert"(zu Luce Irigaray, S. 40). Zum einen mag dies zwar ihrer Vorstellung eines "philosophischen Stils" entspringen, zum anderen liegt bisweilen der Verdacht nahe, mit diesem Mittel den Umstand, bestimmte Sachverhalte nicht zu Ende gedacht zu haben, verschleiern zu wollen.
<br />Tatsächlich widmet Butler verschiedenen historischen und gesellschaftlichen Aspekten in nur sehr geringem Maße Aufmerksamkeit, während die sprachphilosophischen Implikationen in extremo diskutiert werden. Die Frage, ob sich eine Gesellschaftsanalyse überhaupt allein in linguistischen Kategorien erschöpfen kann, scheint für die postmoderne Philosophie irrelevant geworden zu sein. Butlers Bemerkungen zu gesellschaftlichen Verhältnissen klingen vom Standpunkt ihrer Analyse aus schlüssig und logisch; die Geschichts- und Kulturwissenschaften hätten dazu jedoch sicher noch einiges Relativierendes beizutragen. Dies wird besonders störend deutlich, wenn Butler über Geschlechterhierarchien spricht: Auf der einen Seite ist es ihr ureigenes Anliegen, gegen jeglichen Universalismus in der Konstruktion von Geschlechtsidentitäten aufzutreten und als Konstruktion zu entlarven. Auf der anderen Seite tut sie genau eben dies, wenn sie Männer zwar nicht anhand ihrer "Geschlechtseigenschaften", doch aber an ihrer Machtposition erkennbar wissen will. Die Binarität, die sie bei den Eigenschaften der Geschlechter als Illusion entlarvt, vertritt sie im Punkte der Hierarchien wieder vehement. Aus diesem Grund folgt Definition für sie hier immer "phallogozentrischen" Interessen. Rechenschaft für diese Bahuptung legt sie sich jedoch nicht ab. Ein komplexeres Machtgefüge, das über den Mechanismus von Definition und Befolgung dieser hinausreicht, scheint für sie nicht vorstellbar zu sein. An diesem Punkt wird ihre Arbeit banal und klischeehaft, auch wenn sie sich alle Mühe gibt, dies mit Fachtermini zu verschleiern. Hätte sie sich zudem vorurteilsfrei mit den tatsächlichen historischen Verhältnissen auseinander gesetzt, würde sie bemerkt haben, dass Macht und Privilegien die Geschlechtergrenze durchaus transzendieren, das die tatsächliche Macht der Diskurse zwar vorhanden, aber in ihrer Reichweite limitiert ist. Hier demonstriert sich m.E., dass eine Analyse alleine in linguistischer und sprachphilosophischer Beschreibung nicht ausreichend ist. Butlers Weltmodell ist in seiner Undifferenziertheit jedenfalls eine herbe Enttäuschung.