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Das Umstellformat: Erzählung
 
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Das Umstellformat: Erzählung [Gebundene Ausgabe]

Melitta Breznik
4.2 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (4 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.at-Redaktion

So durchgearbeitet, so dicht und auf das Wesentliche beschränkt", urteilte die FAZ 1995 bereits über ihr Erstlingswerk Nachtdienst. In gewohnter Qualität setzt die Österreicherin Melitta Breznik ihr literarisches Schaffen fort. Sie schildert in ihrer jüngsten Prosa die Geschichte einer Ärztin, die sich gemeinsam mit ihrer Mutter auf eine Reise in vergangene Tage begibt. Ihr Ziel: den verwischten Spuren von B.S. nachzugehen, der Großmutter und Mutter der beiden Frauen. B.S. wurde während des Dritten Reiches in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen, deren Welt sie nie mehr verlassen sollte. Starb sie eines natürlichen Todes, wie offiziell verkündet oder war sie eines der vielen Euthanasie-Opfer des Nazi Regimes?

"Ich möchte herausfinden, was die Menschen damals beschäftigt hat, möchte Eindrücke sammeln, die mich diesen Jahren näher bringen, mehr nicht", versucht die Erzählerin ihrer Mutter eingangs das Vorhaben schmackhaft zu machen. Diese wehrt sich, will mit der Vergangenheit nichts mehr zu tun haben. Ihr anfänglicher Widerwille wandelt sich jedoch bald in reges Interesse an dem Leben ihrer Mutter.

Die Erzählerin beleuchtet die außergewöhnliche Geschichte ihrer ganz normalen Familie von mehreren Seiten: Am Anfang stehen die Vor-Ort-Recherchen in der Jetztzeit, um mitmilfe von Dokumentationen und Besuchen der Kliniken das Leben von B.S. nachzeichnen zu können. Bald kommt es zu einem ersten Zeitsprung: der Briefwechsel zwischen ihrem verzweifelten Großvater P.S. und den unberührten Direktoren jener Landesheilanstalten, in die seine Frau wieder einmal verlegt wurde. Tonbandskripte runden die Reise in die Nazi-Zeit ab. Hier schildert die mittlerweile über 80-jährige Mutter ihre Kindheit, hält fest, woran sie sich noch erinnern kann.

Parallel dazu eröffnet Breznik eine nicht unwichtige Nebenhandlung: Seit ihrer Schulzeit ist die Icherzählerin mit ihren norwegischen Gasteltern Far und Mor befreundet. Bei ihrem letzten Besuch erwachte in ihr das Interesse an der Rolle der beiden im Krieg -- letztendlich erfährt sie darüber mehr, als ihr vielleicht lieb ist.

Neben ihrer Familie schreibt die Icherzählerin den beiden Norwegern Far und Mor eine wichtige Rolle in ihrem Leben zu. Die skandinavischen Freunde hatten sie schon in der Schulzeit als Gasteltern herzlich aufgenommen. Im Laufe der Jahre reduzierte sich der Kontakt auf ein paar wenige, aber intensive Besuche. So wechselt die Erzählerin zwischen den Schilderungen ihrer Reise auf den Spuren der Großmutter und den Erinnerungen aus Norwegen. Auf ihrem letzten Besuch dominierte bereits das Interesse am Dritten Reich und der Rolle ihrer Freunde in dieser Zeit. Dabei wirbelte sie letztendlich mehr Staub auf, als ihr vielleicht lieb ist.

Melitta Breznik ist eine gute Beobachterin mit einer großen Liebe zum Detail. Die Szenen sind eindringlich, die Schilderungen eindrucksvoll. "So wie sie beginnen, so enden die Geschichten Melitta Brezniks. Unspektakulär, ohne Schlußakkord, sondern eher mit dem, was man in der Musik als "fade out" bezeichnet", heißt es in einer Kritik treffend. Fest steht, dass die in Zürich lebende Österreicherin mit Das Umstellformat ihrem Namen einmal mehr alle Ehre macht. --Ute Langthaler-Nusser

Pressestimmen

In dieser Gruppierung problematischer Naturen, der Kombination verschiedener Sprachformen und dem persönlichen Umgang mit der Zeitfolge bewegt sich Melitta Breznik allerdings weit über die erprobten Sicherheiten ihrer früheren Arbeiten hinaus. Wohin? In einen vielstimmigen Roman, den sie womöglich wider Willen geschrieben hat. Sie nennt ihn immer noch eine Erzählung, aber er wiegt, schmal ist nicht dünn, Hunderte von Seiten anderer mühelos auf. (Frankfurter Allgemeine Zeitung )

Man ist kein besserer Mensch, wenn man Melitta Breznik gelesen hat, doch fühlt man tiefer, sieht man klarer, denkt man schärfer. Was will man mehr von Literatur? ... (Neue Zürcher Zeitun )

Das klingt nach einer sentimental journey, nach einer moralischen Reise in die Vergangenheit, nach Schmerz, Schrecken, Selbsterfahrung. Doch solche Kategorien scheinen Melitta Breznik gänzlich fremd. Zurückhaltung trifft den Ton des Buches wohl am besten. Hier wird nicht aufgebauscht, angeprangert oder erklärt. Statt dessen zeigt sich, wie wenig es braucht für gute Literatur: eine klare, unprätentiöse Sprache, Leerstellen, die weite Räume aufmachen. (DIE PRESSE )

Kurzbeschreibung

Eine außergewöhnliche Familiengeschichte, eine Reise zurück in die Nazi-Zeit: Die

Erzählerin sucht nach den Spuren ihrer an Schizophrenie erkrankten Großmutter, die während des Krieges in einer psychiatrischen Anstalt verschwand und aus dem Familiengedächtnis gelöscht wurde. Und dabei stößt sie in den Akten auf eine Frau, die ihr auf alarmierende Weise ähnlich ist. »Eine glasklare Erzählerin.« Süddeutsche Zeitung



Klappentext

In dieser Gruppierung problematischer Naturen, der Kombination verschiedener Sprachformen und dem persönlichen Umgang mit der Zeitfolge bewegt sich Melitta Breznik allerdings weit über die erprobten Sicherheiten ihrer früheren Arbeiten hinaus. Wohin? In einen vielstimmigen Roman, den sie womöglich wider Willen geschrieben hat. Sie nennt ihn immer noch eine Erzählung, aber er wiegt, schmal ist nicht dünn, Hunderte von Seiten anderer mühelos auf.
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Man ist kein besserer Mensch, wenn man Melitta Breznik gelesen hat, doch fühlt man tiefer, sieht man klarer, denkt man schärfer. Was will man mehr von Literatur? ...
Neue Zürcher Zeitun

Das klingt nach einer sentimental journey, nach einer moralischen Reise in die Vergangenheit, nach Schmerz, Schrecken, Selbsterfahrung. Doch solche Kategorien scheinen Melitta Breznik gänzlich fremd. Zurückhaltung trifft den Ton des Buches wohl am besten. Hier wird nicht aufgebauscht, angeprangert oder erklärt. Statt dessen zeigt sich, wie wenig es braucht für gute Literatur: eine klare, unprätentiöse Sprache, Leerstellen, die weite Räume aufmachen.
DIE PRESSE

Über den Autor

Melitta Breznik wurde 1961 in Kapfenberg, Steiermark, geboren. Sie lebt in Graubünden und Zürich. Bisher sind von ihr bei Luchterhand erschienen: »Nachtdienst« (Erzählung 1995), »Figuren« (Erzählungen 1999) und »Das Umstellformat« (Erzählung 2002).

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Lange hat es gedauert, bis ich angefangen habe, die Geschichte meiner Großmutter aufzuschreiben, von dem Zeitpunkt an gerechnet, als ich die Porträtaufnahme von ihr das erste Mal in Händen hielt. Es war im März 1998, ich stand in einem kleinen Raum des Dokumentationszentrums für Euthanasie im Dritten Reich, in Hadamar.
Soweit ich mich zurückerinnern kann, existierte lediglich ein Photo, auf dem sie schemenhaft abgebildet war. Es zeigt einen zweistöckigen Ziegelbau, aus dessen Fenster im oberen Stockwerk zwei Gestalten lehnen. Undeutlich erkennt man die Figur einer Frau und die eines Kindes, ihre Gesichtszüge verschwimmen. Von Großmutter ist aus dieser Zeit kein weiteres Photo erhalten geblieben, in den Familienalben fanden sich Aufnahmen von Urgroßmutter mit den Enkeln, von Großvater auf einer Bank sitzend, mit einem Kaninchen auf dem Arm, oder vom ersten Schultag der Mutter 1927, auf dem das in ein weißes Kleid gesteckte Mädchen mit Schmollmund und klaren Augen im Hinterhof des Wohnhauses neben einem mit besticktem Tuch gedeckten Tisch steht und in die Kamera blickt. Es ist der Hof, in dem sie mit ihrer Mutter und den anderen Frauen des Hauses gemeinsam die häufig im Überfluß vorhandenen Pflaumen zu Latwerge verkocht oder die Laken mit einem großen Holzlöffel im Bottich gerührt hatte. Im Hintergrund sieht man einen Garten, getrennt durch einen Holzzaun, die Obstbäume tragen noch Blätter, es ist Herbstbeginn, eine Tafel, die auf dem Tischchen an eine Vase gelehnt worden ist, verrät in einer Aufschrift das Jahr, mein erster Schultag.
Das Porträtphoto von Großmutter war bei Eintritt in die Landesheilanstalt Hadamar gemacht worden, ich besitze es erst seit der Reise mit Mutter nach Deutschland, als wir gemeinsam, auf den Spuren der verlorenen Geschichte von Großmutter, vier psychiatrische Kliniken in Hessen besuchten. Am unteren Rand des Bildes steht in geschwungenen handgeschriebenen Lettern der Name, eine Zeile tiefer, rechts die Nummer 5678, in der linken Ecke das Datum, August 35, Großmutter war zu dieser Zeit neununddreißig Jahre alt. Die ungeordneten glatten Haare sind aus der Stirn gestrichen, sie sehen fettig aus, das Gesicht ist aufgedunsen, der Blick ist in einer vordergründig freundlichen Art auf den Betrachter gerichtet, Spott und ein naiver Hochmut liegen darin, so als ob sie die Situation nicht recht begreifen würde, oder doch, und sie hätte das Unausweichliche bereits erkannt, sich dem ergeben. Sobald sie den leicht in den Nacken gelegten Kopf nach vorne neigt, wenn sie vom Sessel aufsteht, auf dem sie nach Anweisungen des Photographen Platz genommen hat, werden ihr die Haare ins Gesicht fallen. Sie wird die Strähnen mit der linken Hand hinter das Ohr streichen, während die Schwester ihren Arm nimmt und sie wieder zurück in den überfüllten Krankensaal führt, wo ihr Bett neben dem Fenster steht, auf dessen brauner Wollüberdecke sie das Strickzeug liegengelassen hat, als man sie mitkommen hieß. Der Nackenansatz ist wulstig, ihre Kinnpartie wird am Hals von einer weichen Falte gedoppelt, das Hemd, das sie trägt, ist vermutlich weiß, es wirft an den Schultern Wellen, die Knöpfe am geöffneten Revers sind nicht zu erkennen, lediglich ein in Kreuzstichen eingesticktes K fällt über der rechten Brust auf, der Buchstabe davor hat sich im Schatten des Stoffes verkrochen. Krankenhaus, Klinik, Abteilung K, ein Anstaltshemd, es ist ungebügelt, vielleicht trägt sie es schon seit Tagen am Leib, der Kragen hat sich eingerollt, liegt locker am überbelichteten Teil der dem Betrachter zugewandten Schulter. Ich sitze an meinem Schreibtisch über die alten Aufnahmen gebeugt, daneben einige Bilder von den Kliniken und Anstalten, die ich während der Reise gemacht habe, blättere in der Kopie der Krankengeschichte und lese Seite um Seite Einträge über eine Frau, die ich nicht kenne, von der meine Mutter immer behauptet hat, daß ich ihr sehr ähnlich sei. Ich habe die Bilder rahmen lassen, die Porträtaufnahme der Frau im Anstaltshemd, das Photo von Mutter am ersten Schultag, und vom Haus mit dem geöffneten Fenster im zweiten Stock. Sie hängen sonst über meinem Schreibtisch und werden dort bleiben, bis ich diesen Bericht beendet habe, anschließend werde ich sie abnehmen und in das Familienalbum einordnen. Sie sind in meinem Kopf, mit allen Details, jedem kleinen Schatten, jeder angedeuteten Bewegung.

Wir waren am Morgen von Innsbruck aufgebrochen, an einem naßkalten Märztag 1998, Mutter und Tochter, seit vielen Jahren wieder auf einer gemeinsamen Fahrt unterwegs. Der Schnee am Rand der Straße war von Schotter geschwärzt, Nebelschwaden stiegen aus den nassen Äckern, an deren flachen Krumen da und dort noch ein weißer Fleck an den gefrorenen Krusten festhielt, die Erde dampfte, ein kühler Windhauch wehte durch den Spalt des Autofensters, das ich geöffnet hatte, um den Rauch der Zigarette abziehen zu lassen. Aus dem kaputten Lautsprecher an der Fahrerseite dröhnte heiser ein alter Schlager, »Veronika, der Lenz ist da …«, ich hatte vor Beginn der Reise, mit deren Vorbereitung ich in den letzten Wochen beschäftigt gewesen war, genügend Musikkassetten für das Autoradio überspielt, weil ich wußte, daß ich auf den langen Fahrten manchmal in eine nicht zu durchbrechende Sprachlosigkeit verfallen würde, die für Beifahrer, ohne daß ich es wollte, beängstigend wirken konnte. Ich verkroch mich in die Monotonie der Straße, der Landschaft, des Regens, der Motorgeräusche, und das Reden, die Unterhaltung wurde zur Anstrengung. Es gab keinen Grund nach Themen zu suchen, es genügte das Zufahren auf einen imaginären Punkt am Horizont und das Kreisen meiner Gedanken, die sich wechselweise verlangsamten oder beschleunigten und schließlich ständig wiederholten.
Diese Reise hatte immer konkretere Formen angenommen, nachdem ich mich im Dokumentationszentrum Hadamar erkundigt hatte, ob es möglich sei, noch irgendwelche Hinweise auf ehemalige Anstaltsinsassen zu finden. Mutter wollte zunächst nichts davon wissen, war unentschlossen, als ich ihr unterbreitete, daß ich im Sinn hatte, verschiedene Kliniken in Deutschland zu besuchen, in denen Großmutter untergebracht gewesen war, aber auch eine Reihe anderer Orte, die ich in meinem Kopf mit Mutters Jugend und mit ihrer Herkunft, aber auch mit der Zeit des Nationalsozialismus verband. Nachdem ich schließlich geplant hatte, mich allein auf den Weg zu machen, kam Mutters Zusage, sie war inzwischen fast achtzig und hatte seit fünfzig Jahren nicht mehr an der Vergangenheit gerührt, bis ich eines Tages herausfinden wollte, wie Großmutter verschwunden war und warum man in der Familie nichts mehr darüber wußte. Ich ließ Mutter, die neben mir im Auto saß, erzählen, von den Nachbarn, von den Ausflügen, die sie regelmäßig an den Wochenenden mit den Mitgliedern einer Wandergesellschaft für Senioren unternahm, an einen Ort mit einem malerischen See, zu einer mittelalterlichen Burg, man trieb sich auf flachen Spazierwegen herum, um anschließend eine Weile im Wirtshaus zu sitzen. Ich kannte die Gruppenphotos, die sie mir gezeigt hatte, ich kannte die Gesichter und Namen der Teilnehmer, obwohl ich nur zweien oder dreien von ihnen persönlich begegnet war, und ich fragte mich jedesmal, was ich mit achtzig noch unternehmen würde. Seit es Vater nicht mehr gab, war Mutter oft auf Reisen, sie hatte jetzt Zeit, etwas von der Welt zu sehen, wie sie sagte, und es schien ihr gutzutun. Sie erzählte, daß alle paar Monate einer der Sitznachbarn im Bus nicht mehr mitfahren würde, und ich stellte mir vor, wie die anderen ihren Kindern oder Freunden erzählen würden, daß Mutter irgendwann einmal nicht mehr dabeisein würde. Ich wußte, daß ich mich an den Gedanken gewöhnen mußte, daß diese Frau, die jetzt neben mir saß und mit der ich die Spuren ihrer eigenen Mutter verfolgen wollte, eines Tages nicht mehr anrufen, keine Rindsrouladen auf den Tisch stellen würde, wenn ich zu Besuch kam, und auch nicht an meiner Wäsche herumflicken, wenn sie...
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