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Schon in den körperdampfenden Fabelwelten des Butt hatten sich die beiden berühmten Barockdichter Andreas Gryphius und Martin Opitz 1636 zum gelehrten Disput getroffen. Grass nimmt diese Episode in seiner Erzählung noch einmal auf, verlegt sie aber ins Jahr 1647, zu verlockend erschien die historische Parallelität. Nicht erst 1947, sondern schon 1647, inmitten von Kriegszerstörung, Kulturverlust und Moralverfall, hätten sich doch die deutschen Schriftsteller zu einem Aufbruch in eine bessere Ära der Erziehung des Menschengeschlechts versammeln können! Es geht um zwei geschichtliche Zeitbrüche in Deutschland, um zwei Versuche von Künstlern und Intellektuellen, ihrer gesellschaftlichen Zerstreuung und geistigen Machtlosigkeit zu entkommen.
Im Treffen in Telgte erstaunt Grass Fähigkeit, sein Bekenntnis zur deutschen Kulturnation, wider die aktuelle Ost-West-Spaltung und den Kalten Krieg, in historisch so detailgenaue wie anspielungsreiche Erzählbilder zu fassen. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben, schreibt der Dichter, der bald den Begriff der Vergegenkunft kreieren wird, um sein Aufhebungsspiel mit den Zeitstrukturen seiner Erzählräume zu begründen. Was 1647 sich ereignete, ist genauso sehr im Historischen wie im Fiktionalen aufgehoben wie das, was 1947 in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit geschah. Es sind für Grass die alten Probleme der deutschen Mesalliance zwischen Politik und Nationalkultur, die sich hier ineinander spiegeln. Wie eh und je kommen die Gelehrten nur schwer aus der Isolation heraus, um zueinander zu finden, wie gewohnt schwelgen sie in hohen Tönen von deutschem Geist und deutscher Poesie, unverdrossen streiten sie sich mit sprachlüsternem Blendwerk, und endlich wie zu erwarten bleiben sie hinter ihrem viel berufenen Patriotismus rettungslos zurück. Gewiss, sie wollen politisch wirken, jene wortmächtigen Verseschmiede namens Simon Dach und Andreas Gryphius, Autoren wie Rist, Zesen, Logau, Harsdörffer, Hoffmannswaldau und Moscherosch, aber außer einem vagen Manifest, das am Ende mitsamt ihrer Herberge auch noch verbrennt, bringen sie nichts zu Wege gegen den fürstlichen Friedensschacher in Osnabrück und Münster. So blieb ungesagt, was doch nicht gehört worden wäre, heißt es im Text. Was bleibt, stiftet die Sprache allein, in ihr ist, was deutsch zu nennen sich lohne, ewiglich aufgehoben.
Und dennoch, all jene, die mit dem Hinterstübchen der Weltgeschichte vorlieb nehmen müssen, können sich kraft ihres Sprach-Geistes in politicis sehr wohl vernehmlich machen wenn auch nur vom Rande her. Der Wörter Vermögen ist es, das ihnen Weite und Glanz verspricht. Zwar beherbergt die deutsche Sprache auch allen Provinzjammer der Gelehrten, aber zugleich ersetzt sie ihnen auch das Vaterland. Und darin, so doziert am Ende der Erzählung der greise Simon Dach, erscheine der humanitäre Auftrag der Intellektuellen in der Geschichte: Kein Fürst könne ihnen gleich. Ihr Vermögen sei nicht zu erkaufen. Und wenn man sie steinigen, mit Hass verschütten wollte, würde noch aus dem Geröll die Hand mit der Feder ragen.
Grass hat das Cover der Erstausgabe (1979) seines Büchleins mit diesem berühmt gewordenen Emblem verziert. Das Treffen in Telgte, diese kunstvoll beredte Nachdichtung des barocken Gelehrten- und Poesiestreits, die zugleich ein Reflexionsbild des aufgeklärten Politpragmatikers Grass ausfabelt, steht in der deutschen Nachkriegsliteratur recht einzigartig da. Kein schöngeschriebener Humor, keine bloße Kalligraphie, wie einige wenige Kritiker damals unkten, auch keine Mystifizierung der Historie und kein Abschied von der einst gehegten Vorstellung, die Dichter könnten aktiv in die Politik eingreifen, prägen diese Erzählung, sondern eine poe¬tische Meisterschaft, die den (kultur-)politischen Impetus ihres Verfassers in schönster deutscher Sprachgestalt aufhebt. Vielleicht hält sich darin tatsächlich ein Märchen von den versäumten Möglichkeiten der Deutschen verborgen. In jedem Fall wäre es auf Zukunft gestimmt, denn gestern wird sein, was morgen gewesen ist.
Nachwort von Harro Zimmermann zu Das Treffen in Telgte. SPIEGEL-Edition Band 2
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