Möchten Sie verkaufen? Hier verkaufen
oder
gegen einen Amazon.de Gutschein über EUR 0,25 eintauschen?
Das Traumbeben. Die Gezeitenwelt 5
 
 
Den Verlag informieren!
Ich möchte dieses Buch auf dem Kindle lesen.

Sie haben keinen Kindle? Hier kaufen oder eine gratis Kindle Lese-App herunterladen.

Das Traumbeben. Die Gezeitenwelt 5 [Gebundene Ausgabe]

Magus. Magellan
4.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)

Erhältlich bei diesen Anbietern.


‹  Zurück zur Artikelübersicht

Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Nach dem jüngsten Triumph für ihren Gezeitenwelt-Zyklus beschlossen die vier Gewinner des »Deutschen Rollenspiele Preises 2003« – Bernhard Hennen, Hadmar von Wieser, Thomas Finn und Karl-Heinz Witzko –, ihr preisgekröntes Epos unter dem gemeinsamen Namen Magus Magellan weiterzuführen. Sie belegten bei diesem wichtigsten Fantasy-Wettbewerb nicht nur den ersten Platz in der Kategorie »beliebtester Roman«, sondern heimsten auch die Preise für die beliebteste Zeichnerin (Illustratorin Caryad) und den beliebtesten Autor (Hadmar von Wieser) ein. Nach den ersten vier Romanen schlüpft nun Karl-Heinz Witzko in das Gewand Magus Magellans und erzählt mit rabenschwarzem Humor die Geschichte der Tagelöhnerin Keloe, die Zeugin des Weltuntergangs wird.

Über den Autor

Magus Magallan ist ein Pseudonym für die vier preisgekrönten deutschsprachigen Fantasy-Autoren Bernhard Hennen, Hadmar von Wieser, Thomas Finn und Karl-Heinz Witzko. In ihrem Epos über die Gezeitenwelt erzählen sie von der Wiedergeburt der Magie und fordern ihre Leser auf, ihnen in eine Welt zu folgen, wo Träume sich erfüllen und Märchen Wahrheit werden.

Auszug aus Das Traumbeben von Karl-Heinz Witzko. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Der Heilige und die letzten Tage von Pinapataui

Schloß Pinapataui, am 16. Tag des Hitzemondes,

im 458. Jahr der Abwesenheit Gottes

Der Ritter winkte die Pagin zu sich und reichte ihr seine leere Trinkschale aus dünnem Silber, die in ihrer Form einer halbierten Kokosnuß glich. Die junge Frau nahm das Gefäß entgegen und füllte es mit drei Teilen Wein und einem Teil Kokosmilch auf. Als sie dem Ritter anbot, Kokosnußraspel auf das Getränk zu streuen, lehnte er freundlich ab: »Danke, Telila.«

»Tusila, Herr. Mein Name ist...«, antwortete die Pagin ohne nachzudenken und verstummte erschrocken.

»Aber natürlich, Tusila...«, räumte der Ritter wohlwollend ein. »So war dein Name: Tusila. Sei bedankt.« Er nahm die Trinkschale entgegen, trat zum Fenster, setzte sich auf den Sims und schaute angestrengt nach draußen. Außerhalb seines Blickfeldes hörte er die Pagin mit ihrem Tablett klappern und sich schließlich mit leichtem Schritt entfernen. Vermutlich war sie ganz rot im Gesicht. Gewiß würde sie sich bei der ersten Gelegenheit einer anderen Pagin anvertrauen: »Einer der Gäste unseres Herrn sprach mich an. Er kannte sogar meinen Namen!« Womöglich machte sie sich vorher sogar über ihn kundig. In dem Fall könnte sie bedeutungsschwer berichten: »Ajam Seffenaiu sprach mit mir!«

So viel Aufregung um nichts! Aber vielleicht war es auch verständlich. Die Bediensteten der Königsburg Pinapataui – der Unbezwingbaren – waren es nicht gewohnt, namentlich angesprochen oder über das unbedingt Nötige hinaus wahrgenommen zu werden. Sie hatten stumm und unsichtbar zu sein, und entsprechend wurden sie auch behandelt. Dienstbare Geister im Wortsinn... Man beanspruchte ihre Dienste und behandelte sie wie Luft.

Die Kleine käme niemals auf den Gedanken, der Gast des Königs könne sie in einer freundlichen Anwandlung mit dem erstbesten Namen bedacht haben, der ihm in den Sinn gekommen war. Für sie mußte diese Täuschung der Beweis sein, daß unter den zahlreichen mehr oder weniger bedeutenden Gästen des Königs zumindest einer weilte, der von ihr wußte und ihr damit eine gewisse Wichtigkeit einräumte. Zweifellos würde sich die Pagin bis an ihr Lebensende an diese Aufmerksamkeit erinnern.

Leicht gesagt, dachte Seffenaiu. Denn so lange würde das nicht mehr dauern. Einige Tage vielleicht.

Er nahm einen großen Schluck Wein. Zum ersten Mal seit etwa einer Woche spürte er keine drückende Last, sondern fühlte sich ruhig und zufrieden. Er schrieb die Empfindung der Freundlichkeit zu, mit der er die Pagin bedacht hatte.

»Ich bin ein guter Mensch«, murmelte er. »Ein Heiliger womöglich. Der Schutzpatron des übersehenen Gesindes.«

Er schmunzelte. Wenn man bedachte, wie viele Heilige das Volk mit oder ohne Duldung der Kirche verehrte, so bestand durchaus die Möglichkeit, daß es unter ihnen etliche gab, die auch nicht mehr getan hatten als er. Das war eine ganz einfache Frage des gesunden Menschenverstands: Unter vier Heiligen konnte einer ein überragender Lehrer sein, ein zweiter ein großer Wohltäter, ein dritter ein standhafter Märtyrer und ein vierter vielleicht ein schwach gewordener Zweifler oder Verräter. Auch bei acht machte es keine Schwierigkeit, denn zwei Wohltäter auf einmal hatte die Welt bisher immer verkraften können. Nicht mehr so leicht hatten es achthundert oder gar achttausend Heilige. Selbst die finstersten Glaubensfeinde konnten nicht über solch bösartigen Erfindungsreichtum verfügen, um sich für zweitausend Heilige höchst einfallsreiche, völlig unterschiedliche und gänzlich unvergleichliche Märtyrertode auszudenken. Schon sehr bald gliche ein Märtyrer dem anderen. Und wie ein Volk den Tag überleben sollte, an dem zweitausend überragende Lehrer über es hereinbrächen, um es unerbittlich in allem nur Erdenklichen zu unterweisen, blieb eine offene Frage. Dennoch war es dem Volk Ikarillas gelungen, für jeden seiner weitaus mehr als achttausend Heiligen eine verehrungswürdige Nische zu finden.

Ein kurzer Blick lehrte Seffenaiu, daß er und eine Wache die einzigen waren, die sich in dem schlauchartigen, spärlich möblierten Durchgangszimmer aufhielten. Die Pagin war längst entschwunden, kein anderer Gast war zu sehen. Der Wächter stand neben einer der beiden Türen. In der Linken hielt er eine Lanze, die Rechte stützte sich auf den Griff der eisernen Reiterkeule, die in seinem Gürtel steckte. Der Mann starrte stur geradeaus. Seffenaiu sprach ihn an. Dieses Mal machte er sich nicht die Mühe, sich einen Namen auszudenken: »Wächter, beantworte mir eine Frage.«

»Sehr wohl«, antwortete der Angesprochene, ohne jedoch einen Blick zur Seite zu wagen.

»Nehmen wir an, du würdest zu einem üppigen Mahl eingeladen, bei dem schon vorher zu befürchten sei, daß es dir womöglich nicht bekömmlich sein werde. Welchen Heiligen riefest du vorsorglich an?«

Der Mann blieb stumm.

»Hast du die Frage verstanden?« hakte Seffenaiu nach.

»Sehr wohl«, bestätigte die Wache.

»Warum antwortest du dann nicht?«

»Mit Verlaub, Herr: Ich wurde bisher nie zu üppigen Mählern eingeladen.«

»Dieses Mal wirst du es. Jedenfalls in Gedanken.«

»Sehr wohl.«

»Bei diesem Mahl bestünde also die Gefahr, daß du dich heillos überfräßest. Was tätest du? Antworte!«

»Mit Verlaub Herr: Ich wäre dankbar.«

Seffenaiu sah den Mann etwas aufmerksamer an. Trieb er ein Spiel mit ihm? Hatte der Verfall der hergebrachten Ordnung, der das ganze Land ergriffen hatte und immer schneller voranschritt, jetzt schon das Heim des Königs erreicht, oder war der Wächter nur von schlichtem Gemüt?

»Beginnen wir von vorn«, sagte er ruhig. »Ich werde gelegentlich zu Gastmählern bedeutender Herrschaften eingeladen. Sitte, Anstand und allgemeine Höflichkeit verlangen es, daß man so viel in sich hineinstopft, daß einen noch Tage danach der Leib zwickt. Es sei denn, der Respekt vor dem Gastgeber und konkurrierende Höflichkeit erforderten es, beinahe ebenso gründlich dem Wein zuzusprechen. In dem Fall hat man zwar binnen kurzem keine Sorgen mehr mit Leibdrücken, dafür fühlt sich der Kopf an, als hätte einem der Bucklige einen Helm aufgesetzt und stundenlang mit der Reiterkeule darauf herumgetrommelt. Was rätst du mir? Bestimmt gibt es doch irgendeinen Heiligen, an den man sich wenden kann?«

»Sehr wohl«, bestätigte der Wächter rasch. »Die heilige Tepora. Sie hilft bei Ungemach von Magen und Gedärm. Bei zu viel Saufen ist allerdings der heilige Pilui passender.«

»Gleich zwei?«

»Sehr wohl, Herr« hörte Seffenaiu den Mann sagen. Sein Ton klang verdächtig nach einem geringschätzigen »Aber natürlich! Was denkst du denn?«.

»Tepora und Pilui«, wiederholte Seffenaiu gedankenverloren, was der Wächter offenbar als Einladung zum Weiterreden mißverstand.

»Der heilige Pilui war ein bedeutender Märtyrer«, erklärte er. »Einmal wurden die Heiden aus dem Land Salamar seiner habhaft und sperrten ihn über viele Monde ohne Wasser und Speise in einem Weinkeller ein...«

Seffenaiu gab einen erstickten Laut von sich und gebot seinem Gegenüber mit einer raschen Handbewegung Schweigen. Entschlossen blickte er wieder zum Fenster hinaus. Die Blöße, in Beisein des Wächters in lautes Gelächter auszubrechen, wollte er sich nicht geben.

So, so, der heilige Pilui. Den Namen mußte man sich merken. Augenscheinlich war der Heilige nichts anderes gewesen als der größte Trunkenbold, den die Welt je gesehen hatte!

Seffenaiu preßte die Lippen zusammen. Was er draußen vor der Burg entdeckte, war keineswegs geeignet, ihm zu gelassener Ernsthaftigkeit zu verhelfen.

Auf der beidseitig mit rotblühenden Tulpenbäumen bepflanzten Straße näherte sich ein auffälliger Zug der Burg. Er wurde von einem halben Dutzend Trommlern angeführt. Sie waren junge, ausgesucht gutgewachsene Burschen von kräftiger Statur, deren Bekleidung nur aus Schuhwerk und halblangen Röcken bestand. Im Haar trugen sie weiße Blütenkränze. Ihre zylinderförmigen Trommeln hingen an breiten Ledergürteln, die sich über die nackten Oberkörper spannten. Sie trommelten keinen Marsch, sondern einen Tanz.

Ihnen folgte eine Anzahl Jungfern mit schwingenden Hüften. Auch sie trugen Blütenkränze im Haar, waren aber nicht ganz so leicht bekleidet wie die Burschen: Hellblaue Schleier verbargen ihre Brüste. Über die Schultern trugen die jungen Frauen Tuchbeutel, aus denen sie Blüten streuten und gelegentlich Münzen – wahrscheinlich kupferne Racs – unter die Gaffenden warfen. Von denen gab es zuhauf. Sie waren aus den umliegenden Dörfern oder gar der Stadt Sadi herbeigeströmt und umlagerten die Burg seit Tagen in der Hoffnung auf Almosen. Die meisten waren Kinder. Über den Rest hatte Seffenaiu recht genaue Vorstellungen. Die Zuschauer beim Aufmarsch der Stolzen und Mächtigen des Königreichs waren naheliegenderweise diejenigen, die nichts Besseres zu tun hatten: landlose Habenichtse, Tagelöhner, die niemand beschäftigen wollte, und vermutlich ein erklecklicher Teil des Abschaums von Sadi.

Obwohl, wenn er es recht bedachte, so ließ sich das gar nicht mehr so sicher sagen wie früher. Viele, die sich noch vor vier Wochen Tag um Tag abgearbeitet hatten, hatten diese Anstrengung inzwischen aufgegeben. In ihren Augen lohnte sich die Mühe nicht mehr.

Inmitten der blumenstreuenden Jungfern und gefolgt von Dienern und Eskorte, ritt Ajamei Maffileokavekka, eine Kusine des Königs und Herzogin von Murui. Sie war leicht zu erkennen an ihrem dünnen, silbernen Haar, das sie wie stets offen trug. Es wehte in der leichten Brise von einem Kopf, den das Alter klein und fleischlos gemacht hatte. Trotz ihrer Jahre trug die zerbrechliche alte Dame Brustpanzer und Beinschienen. Auf den Rest ihrer Rüstung hatte sie ebenso verzichtet wie auf ihren Helm mit dem Pferdeschweif. Auch sie war blumengeschmückt: Ketten rotgeäderter Fingerblüten hingen um ihren dürren Hals und streiften das polierte Metall der Rüstung.

Die Herzogin war eine eifrige Verfechterin der alten Sitten; gern predigte sie von der Zeit, als ihre Vorfahren den schwächlichen Adel Ikarillas abgesetzt und vertrieben hatten. Wenn sie sprach – leise, von Pausen unterbrochen –, konnte man leicht vergessen, daß die Zeit, von der sie den Eindruck erweckte, sie sei die ihre gewesen, drei Jahrhunderte zurück lag. Niemand erinnerte sich daran. Schon deshalb nicht, weil alles, was man darüber wußte, überschwenglich verklärt worden war. Und zwar nicht von Ajamei Maffileokavekkas Vorfahren – die hatten vermutlich nicht einmal schreiben können –, sondern von denen, die man unterworfen hatte. Eine natürliche und sicherlich nicht schlechte Wahl. Die bisherigen Hofschreiber, Chronisten und Barden hatten schließlich über Erfahrung verfügt. Sie hatten die alten Herrscher gerühmt, und nun priesen sie die neuen. Für sie als Handwerker machte das keinen Unterschied. Kein Wunder, daß die ehrwürdigen Vorfahren so wenig Ähnlichkeit mit den unzivilisierten Reitervölkern Huaramas hatten, die ihre Verwandten gewesen waren.

Der Zug kam plötzlich zum Halten. Während die Trommler weiterhin auf ihre Instrumente schlugen, reichte ein Diener

der Herzogin einen gepolsterten Stulpenhandschuh. Als sie ihn angezogen hatte, setzte ihr ein zweiter einen Falken auf den nunmehr geschützten Unterarm. Maffileokavekka entfernte die Haube, die der Vogel auf dem Kopf trug. Ein erstes »Aah!« erklang von den Zuschauern, als unerwartet ein Dutzend weißer Tauben freigelassen wurden. Die Herzogin schickte ihnen den Falken hinterher. Er fuhr zwischen die verängstigten Tauben, verfolgte sie, flog Scheinangriffe – aber er schlug keine einzige! Die Zuschauer begriffen schnell, daß eben das beabsichtigt war, und gaben ihrem Erstaunen lautstark Ausdruck.

Auch Seffenaiu war fasziniert, wiewohl er das Schauspiel schon einmal mit angesehen hatte. Es war die Umsetzung des Wahlspruchs von Ajamei Maffileokavekkas Familie: Der Falke fliegt mit den Tauben – oder so ähnlich. Nein, das war nur ein Teil des Familienmottos, besann er sich. Irgend etwas über eine gepanzerte Hand und Blumenketten gehörte noch dazu. Selbstverständlich war der Wahlspruch im Original in kunstvoller und bewußt knapper lingua dei verfasst. Wie immer er lauten mochte, vermutlich übersetzte man ihn sowieso am sinnvollsten mit: Wir sind Angeber!

Während noch immer »Aahs« und »Oohs« erklangen, fragte sich Seffenaiu nicht zum erstenmal, wie die Herzogin ihren Raubvogel davon abhielt, die Tauben zu schlagen. Irgendein Dreh mußte doch dabei sein! Seinerzeit hatte er schnell herausgefunden, daß niemand, den er fragte, die Antwort kannte. Im Stillen vermutete er, daß das Futter des Falken mit einem Rauschmittel versetzt worden war; womöglich bildete er sich ein, eine Taube nach der anderen zu erlegen. Aber vielleicht hatte man ihm auch einfach nur die Krallen ausgerissen. Ein Greifvogel, der nicht greifen konnte, war sicher kein guter Jäger mehr.

Seffenaiu nahm sich vor, den Falkner der Herzogin zu bestechen, damit er ihm das Geheimnis verriete. Er würde dem Mann so viel bieten, daß er nicht widerstehen könnte.

Einen kleinen Vorteil hatte die Gegenwart, dachte Seffenaiu flüchtig. Verschwenderische Ausgaben konnte man sich folgenlos leisten, ohne an ein Morgen denken zu müssen.

»Ich bin nur ein Heiliger«, murmelte Seffenaiu, als sich der Zug wieder in Bewegung setzte. »Doch mein König heilt die Kranken, macht die Lahmen gehen und die Blinden sehen. Demnächst wird er die Toten erwecken.«

‹  Zurück zur Artikelübersicht