Alma Winter kehrt heim
Man merkt diesem Buch an, dass es aus Freude am Schreiben entstanden ist. Und weil es der Autorin offensichtlich Spaß gemacht hat und sie den Lesern Kurzweil bereiten wollte, ist das Buch sowohl unterhaltsam als auch spannend, es fühlt sich gewissermaßen wohlig-warm an und bringt einem doch gleichzeitig die schöne und grimmige Welt näher, lässt einen an ihr zweifeln und ihr doch etwas zutrauen, z. B. ein erfülltes Leben.
Fragen wir uns, wie Helga Dreher das erreicht.
Da ist zuerst über ihr Medium, die Sprache, zu reden. Es gelingt der Autorin von Beginn an, durch Wortwahl und Satzbau, durch Textstruktur und Gedankenführung die Leser in die Handlung hineinzuziehen und in den Kreis ihrer Personen so einzubinden, dass man sich gar nicht wieder herauslösen möchte. Die Sprache wird lebendig durch ihre geschickt-einsichtsvoll zu Tage geförderte und für die Charakterisierung von Personen, Situationen und Handlung genutzte Doppelsinnigkeit, den gepflegten Spannungsbogen der Sätze und die sparsame und dadurch wirksame Verwendung schmückender und verstärkender Beiworte. Mit sicherem Formgefühl ist die Autorin der Gefahr entgangen, die soziale Zugehörigkeit ihrer Personen oder ihren Bildungsstand mit den üblichen abgeschliffenen oder nachlässigen Sprachformen zu kennzeichnen. Sie hat stattdessen Wortwahl und Satzbau den Situationen so angepasst, dass dem Leser ein lebensnahes Bild vor Augen tritt. Das zeigt sich besonders in den Dialogen, eine der Stärken der Autorin.
Das zweite Mittel, dem der Roman seine Anziehungskraft verdankt, ist die Phantasie Helga Drehers. Sie erfindet um das Coudray-Torhaus in der Erfurter Straße in Weimar lebendige Schicksale, die, einmal erzählerisch begonnen, sich wie von selbst, mühelos, den Leser mitnehmend, fortschreiben. Das soll heißen, man sieht dem Text die Mühe des Schreibens nicht an, was von jeher ein Merkmal guter Literatur ist.
Drittens kommen wir zum lokalen und zeitlichen Hintergrund des Romans. Weimar, Neustadt an der Orla, Cornwall in Großbritannien - welch ein gewagtes und gelungenes Nebeneinander und Miteinander von Atmosphäre, Kultur, Lebensgefühl, alles in den Dienst der Handlung und der Charakterisierung der Personen gestellt. Die Gewährsleute und Freunde, die Alma Winter in Cornwall gewinnt, werden erst am Ende der Geschichte mit den Weimarern zusammengeführt, aber von Beginn an, wie ein unsichtbares Spannungsfeld, das Alma umgibt, spielen sie eine Rolle für ihre Haltung, Motivation, innere Gestimmtheit und gesellschaftliches Gebaren sowie ihre zum ersten Mal im Leben sich deutlich ausprägende Empathiefähigkeit.
Helga Drehers Buch ist Phantasie und Wirklichkeit und lässt demzufolge Vergangenheit und Gegenwart unseres Landes, Böses und lange gewachsenes und niemals verlorengegangenes Gutes zu einem Zusammenklang des Lebens werden, der einem das Klagen vergessen und Freude am Mitfühlen und Teilnehmen gewinnen lässt.
Dieses Buch über eine mysteriöse Erbschaft und Almas Rückkehr in ihre Heimat, Coudrays Torhaus, den Busbahnhofskiosk in der Fallerslebenstraße, Alma, Moni, Holger, Sieglinde, Benjamin, Sven, Alexander und die wunderbare Loretta Mühlwinkel sowie die warmherzig dargestellten Personen aus Cornwall, die unsterbliche Liebe und die Machenschaften dunkler Mächte gehört aufgeschlagen auf den Nachttisch jedes Buchfreundes.