Dem Titel "Das Tier, das es nicht gibt" (wobei es sich um ein Zitat aus einem Sonett Rainer Maria Rilkes handelt) folgend wirft der Herausgeber Jochen Hörisch anhand zahlreicher Text- und Bildquellen einen Blick auf ein sagenumwobenes Wesen, das - trotz seiner scheinbaren Nicht-Existenz - durch die Geschichte zahlloser Kulturen geistert und Generationen von Menschen prägte - und immer noch prägt.
Eingeteilt in 5 große Teile - "Frühe fabulierende, gläubige und wissenschaftliche Zeugnisse", "Sinnliche und sinnige Einhörner in mittelalterlichen Texten", Neuzeitliche Einhörner", "Ästhetizistische Einhörner um 1900" sowie "Moderne und Postmoderne Einhörner" - erhält der geneigte Leser ein äußerst komplexes und vielschichtiges Bild von einem Jahrtausende alten Mythos, der permanent im Wandel begriffen ist, doch bis heute nichts an Faszination und Bedeutung verloren hat.
Zu den umfangreichen Textquellen zählen unter anderem Exzerpte aus der Bibel, indische Legenden, verschiedene Reiseberichte (Ktesias, Marco Polo,...) aber auch philosophische Schriften (u.a. von Justinus, Aelian, Kant, Locke, Leibniz), Volkslieder (das "Einhorn-Lied" aus dem chinesischen Liederbuch "Schi-King", zwei Lieder aus der "Carmina Burana" sowie "Das hohe Lied" aus "Des Knaben Wunderhorn" von Achim von Arnim & Clemens Brentano) und Gedichte (Christian Morgenstern, "Das Einhorn"/"Das Nasobem"; Georg Heym "Das infernalische Abendmahl", Oskar Loerke "Der Silberdistelwald"; Gertrud Kolmar "Das Einhorn", Hilde Domin "Warnung"/"Einhorn" und etliche andere). Die 17 Graphiken sind allesamt schwarzweiß- und entbehren leider fast gänzlich jeglichen Kommentars oder wenigstens einer Quellenangabe (jedenfalls konnte ich keine finden). Abgerundet wird die "Text- und Bildcollage über das Einhorn" mit einem sehr ausführlichen und auch etwas anstrengend zu lesendem Nachwort, einer Bibliographie über weiterführende Literatur zum Thema, Anmerkungen sowie ein Quellenverzeichnis für die abgedruckten Gedichte und Liedtexte.
Alles in allem bietet Hörischs Collage über "Das Tier, das es nicht gibt" einen breit gefächerten, mitunter sehr interessanten und abwechslungsreichen Überblick über den kulturellen Mythos Einhorn, der die Wertung und Deutung größtenteils dem Leser überlässt, was die Angelegenheit sehr spannend macht und auch zum Nachdenken anregt. Trotz der etwas lieblosen Behandlung der Bildquellen (wie bereits erwähnt vermisst man hier etwas die näheren Infos zu Titel und Autor) ist "Das Tier, das es nicht gibt" nicht nur für Fantasyliebhaber, sondern besonders auch für Kultur-, Sprach- oder Literaturwissenschaftler sowie interessierte Laien durchaus einen Blick wert.