Derrida nimmt in diesem kleinen Bändchen, die Fäden der bereits in den sechziger
Jahren (vgl. "Grammatologie", etwa das Kapitel "Linguistik und Grammatologie")
anhand des TRACE- bzw. der Erweiterung des klassischen TEXT-Begriffs durchgeführten
Komplikation der Unterscheidung von Mensch und Tier wieder auf.
Wie er in dem ersten Kapitel des vorliegenden Buches zeigt, wurden diese Fäden in seinem Werk
jedoch verborgen weitergesponnen. Viele werden sich etwa an den Igel in "Was heisst Dichtung?"
an ein Kapitel aus "De l'esprit / Vom Geist" (1987) oder an das Gespräch "Il faut bien manger" (1988)
aus "Points des suspension /Auslassungspunkte" in denen die Unterscheidung Mensch und Tier
bereits problematisiert wurde, erinnern.
Derrida nahm nun ein Colloqium über sein Werk mit dem Titel "L'animal autobiographique"
(1997 in Cerisy-la-Salle) zum Anlass, um diese Fäden wieder aufzunehmen.
Der Titel des Buches "Das Tier, das ich also bin" hat im französischen
noch eine weitere Bedeutung nämlich "Das Tier, dem ich also folge"
(die Verbform "suis" herleitbar von être bzw. suivre). Das Buch wurde
in Frankreich (Galilee, 2006) erst nach dem Tode Derridas veröffentlicht,
es handelt sich also um eine Veröffentlichung, die von Derrida nicht mehr
begleitet wurde. Dies hat natürlich Auswirkungen, aber dazu am Ende
etwas mehr.
Ausgehend von einer (erfundenen ?) Badezimmer-Szene in der Derrida nach dem Duschen
von seiner Katze angesehen wird, versucht Derrida den Aporien der scheinbar so klaren
Unterscheidung von Tier und Mensch nachzugehen. Der Weg der Lektüre führt von
biblischen Zusammenhängen, über Descartes, über Kants "Maschinen der Vorsehung",
über Levinas, über Lacan zu Heidegger. Derrida versucht in einem hoch verdichteten Gedankengang,
die Grenzen zwischen Mensch und Tier zu komplizieren. Da dieser Unterschied vor allem über die Sprach-
bzw. Vernunftbegabung hergestellt wird, versucht Derrida natürlich hier dekonstruktiv einzugreifen,
indem er in der bekannten Art scheinbar klare philosophische Begriffsbildungen hinterfragt.
Im Hintergrund lauert natürlich auch das schwierige Problem der "Biopolitik" (vgl. Foucault, Agamben).
In dem gesamten Buch werden hierfür viele dekonstruktive Grundaxiome vorausgesetzt (die Spur,
die differance, die ursprüngliche Technizität, die gesamte Problematik einer anderen
(vorsichtig gesagt: un-metaphysischen) Begriffslogik, die grundsätzliche Komplikation
des Sprachbegriffs usf.). Es ist also ein ausserordentlich schweres Buch.
Obwohl Derrida stets sehr aufmerksam ist, was begriffliche Reduktionismen betrifft
(so stellt er hier z.B. die Frage nach der Rechtmässigkeit der Begriffsbildung "das" Tier),
scheint es ihn hier aber gleichzeitig wenig zu bekümmern, von "der" philosophischen
Tradition (in der langsam ermüdenden Fassung "Von Sokrates bis Freud und jenseits")
und ihrer angeblichen begrifflichen Gewalttätigkeit zu sprechen. Wieso wird diese
behauptete Homogenität der philosophischen Diskurse eigentlich nie zum Problem für Derrida ?
Oft erscheint die Auswahl der gelesenen Texte selbst willkürlich und gewaltsam.
Wie kann Derrida etwa so reduktionistisch von DESCARTES' Cogito (KAPITEL 2) sprechen,
wenn doch Jean-Luc Marion so grossartig die "ursprüngliche Alterität des ego" herausgestellt hat
und die Wendung "cogito, ergo sum" gar nicht mehr als Hauptformulierung des Cogito-Gedankens
ansieht (cf. "Questions cartesiennes I + II")? Kann man nach Marions Studien überhaupt noch
von einer ethischen Irrelevanz Descartes sprechen ? Ebenso trifft es HEIDEGGER, dessen Interpretation
des animal rationale natürlich wieder anhand der Vorlesung "Die Grundbegriffe der Metaphysik" (1929/30)
bzw. dem "Brief über den Humanismus"(1946) kritisiert wird. Auch hier sieht man leider, dass Derrida
kaum bereit war, seine wirklich bedeutenden Heidegger-Interpretationen der sechziger Jahre angesichts
der nicht unwesentlich angewachsenen Text-Basis noch einmal zu hinterfragen? Warum werden nicht mal
andere Texte dieses so vielschichtigen Autors herangezogen ? Auch seine Kritik an LEVINAS greift auf einen
seltsam kurzen Text aus "Difficile Liberté /Schwierige Freiheit" mit dem Titel "Nom d'un chien
ou le droit naturel" zurück. Hier stößt Derridas Technik, das Zentrum eines Denkers
von seinen Rändern her anzugreifen erstmals auf seine Grenzen. Auch LACAN wird einfach(?)
der cartesianischen Systematik untergeordnet. Auch hier sind, so denke ich, zumindest leichte
Zweifel anzumelden.
Auch gibt Derrida überhaupt keine Gründe an, weshalb die cartesianische
Tradition der Unterscheidung Mensch/Tier überhaupt unterbrochen werden muss (Anfang, III.).
Gibt es diese cartesianische Tradition überhaupt ? Auch hier wird leider mehr behauptet,
als gezeigt. Das Buch ruft also sehr viel Widerspruch hervor, aber das ist ja
nicht das Schlechteste. Es ist in jeder Hinsicht anregend. Jedoch hat man Vieles in
anderen Texten von Derrida gelesen und manchmal leider auch besser.
Der Beantwortung vieler entscheidender Fragen weicht der Text Derridas leider aus:
z.B.
Hat denn die Komplikation der Unterscheidung von Mensch und Tier überhaupt
eine Relevanz bei ethischen Fragen ? Ist es nicht schier aussichtslos
eine(!) philosophische Definition des Tiers durchzuführen, die allen definitorischen Gewalt-
samkeiten entgehen könnte ? Was wäre philosophisch gewonnen, wenn hier infinitesimale Abstufungen
gemacht würden ? Wem wäre damit eigentlich geholfen ? Führt wirklich ein Weg von der Dekonstruktion
der begrifflichen Dichotomie Mensch/Tier zu einer anderen Politik und Ethik?
Merkwürdigerweise drückt sich der Text Derridas hier um eine wirklich glaubwürdige Antwort
herum (oder hätte Derrida diesen Text in dieser Form überhaupt so veröffentlicht ??? Vermutlich nicht.
Denn wie die Herausgeberin Marie-Louise Mallet schreibt, wollte Derrida diese Texte eines Tages (!) veröffentlichen).
Selten wird jedenfalls der tiefere Grund des hier Vorgetragenen für den Leser wirklich
durchsichtig und glaubhaft, es sei denn er ist seit Jahren mit dem Gesamtwerk Derridas vertraut.
Zur Entlastung Derridas muss man natürlich sagen, dass dieses Büchlein nur eine
kleine Skizze eines gewaltigen Projektes war, das traurigerweise durch den frühen
Tod Derridas unvollendet geblieben ist. Nur die beiden bisher nur auf französisch bzw.
englisch zugänglichen Seminare "La Bête et le Souverain I + II" (2003-2004)zeugen
von der tiefen Ernsthaftigkeit dieses Projektes. Da diese Seminare auf deutsch
wohl erst im nächsten Jahr zugänglich sind, wird der Anfänger in Sachen Derrida seine
liebe Mühe haben, die grossen Zusammenhänge zu erkennen.
FAZIT: Ein Buch, das zwar interessante Fragen zuhauf aufwirft, es aber
nicht vermag, die eigenen sehr(!) hoch gesteckten Ziele zu erfüllen. Das Buch
ist für Anfänger daher überhaupt nicht zu empfehlen, da es kaum möglich ist,
dem Gedankengang zu folgen, wenn man die "Grundlegungs"werke von Derrida nicht
kennt. Den Derrida-Profis möchte ich empfehlen, die beiden Seminar-Bände "La Bête et le Souverain"
zu erwerben, da durch die Lektüre dieser Bände, die Stossrichtung des vorliegenden Werkes besser
zu verstehen ist. Leser, die an Fragen der "Tier-Ethik" interessiert sind, werden hier sicher
vor ausserordentliche Schwierigkeiten gestellt. Denn es gibt hier nur hochgradig komplexe Argumente.
Hier empfehle ich, einmal in den Derrida/Roudinesco Gesprächs-Band "Wovon morgen ?" hineinzuschauen,
da er ein interessantes und vor allem leichter verständliches Gespräch zur Gewalt gegen Tiere enthält.
Leser, die sich für das Thema Bio-Politik interessieren, können hier sicher interessante Punkte
für eine Problematisierung finden.
Da das Buch jedoch "nur" ein gewaltiges Problemfeld eröffnet, ohne die Folgen wirklich
systematisch auszuwerten, ist es für Anfänger nur schwer zugänglich und für Fortgeschrittene
leider nur als Skizze zu betrachten, deshalb vergebe ich nur 3 Sterne.