Mysterythriller haben Hochkonjunktur. Allein Dan Browns immergleiche Mixtur aus Illuminaten-, Templer- und Gralsrittermythen, die er, verquickt mit frei daherphantasierten Weltverschwörungsgeschichten samt der für erfolgreiche Trivialliteratur unverzichtbaren Elemente aus Sex&Crime auf jeweils hunderten von Druckseiten auswalzt, scheint Garant zu sein, Bestsellererfolge einzufahren. Grund genug jedenfalls für einen Frankfurter Jungautor, der aus nicht bekanntem Grunde unter Pseudonym publiziert, sich exakt nach Brownschem Rezept an einem eigenen Thriller zu versuchen: "Das Tibetprojekt" ist die erste Buchveröffentlichung des als Tom Kahn" firmierenden Autors.
Der Unterschied zu Browns "Diabolus"- oder "Sakrileg"-Schwarten liegt im Ort des Geschehens: bei Kahn geht es nicht um das finstere Unwesen, das die katholische Kirche seit dem Mittelalter bis herauf in die Jetztzeit betreibt, vielmehr geht es um die Abgründe des tibetischen Buddhismus. Schauplatz, auf den alles zusteuert, ist der Winterpalast der Dalai Lamas in Lhasa.
Der Plot ist schnell erzählt: ein Frankfurter Geschichts- und Religionswissenschaftler vom Typ "Indiana Jones" wird von einer chinesischen Geheimagentin, Typ "Lara Croft", überredet, nach Tibet zu reisen, um den Mord an einem deutschen Professor aufzukären, der während seiner Forschungsarbeiten im Souterrain des Potala-Palastes umgebracht worden war. Im Sterben hatte er mit seinem eigenen Blut ein Hakenkreuz auf seinen Handrücken gemalt. Es stellt sich heraus, dass der Professor einem strenggehüteten Geheimnis auf der Spur war: der finsteren Seite des tibetischen Buddhismus und insbesondere der Verbindung zwischen Berlin und Lhasa während des "Dritten Reiches".
Kahn hält sich zugute, der erste zu sein, der je zu diesem Thema recherchiert oder geschrieben hat: "So weit mir bekannt hat noch kein Massenmedium jemals am Lack des tibetischen Buddhismus gekratzt oder die Schriften des Dalai Lamas öffentlich in Frage gestellt. Es ist, als wäre Tibet unantastbar und jeder Zweifel daran ein Vergehen. Es war meine größte Sorge, dass während der Arbeiten am Buch die Kernergebnisse von jemand anderem publiziert werden." Eine reichlich dreiste Behauptung angesichts der längst vorliegenden Arbeiten von Roettgen/Trimondi (Der Schatten des Dalai Lama, 1999 / Hitler-Buddha-Krishna, 2002) und denen von Goldner (Dalai Lama: Fall eines Gottkönigs 1999/2008), die sich wesentlich um genau diese Fragestellungen drehen und bei denen Kahn sich ohne Zweifel und sehr freizügig bedient hat.
Fatal an Kahns "Thriller der Extraklasse", als welchen sein Verlag ihn anpreist, ist der Umstand, dass er historisch belegte Fakten und Zusammenhänge in AkteX-Manier mit haltlosen Spekulationen und okkult-esoterischen Hirngespinsten vermischt (die im Übrigen auch nicht besonders originell sind, vgl. z.B. Russell McCloud: Die schwarze Sonne von Tashi Lhunpo, 1991). Das ist für einen Fantasyroman wohl legitim, der erweckte Eindruck indes, den Kahn auf seiner Autoren-Website ausdrücklich unterstreicht, die Romanhandlung bewege sich durchgängig auf realem Hintergrund, fällt dem Bemühen seriöser Autoren, Licht in das "Mythenkonstrukt Tibet" zu bringen, in den Rücken. Kahns Roman verleitet dazu, die historisch belegten Fakten der Nazi-Tibet-Connection - so hat es die SS-Expedition nach Lhasa im Winter 1938/39 ja tatsächlich gegeben, und der aktuelle Dalai Lama pflegte und pflegt in der Tat Kontakte zu alten und neuen Nazis - zusammen mit dem obskurantistischen Aberwitz, den er seinen Protagonisten in den Mund legt und den abstrusen Szenarien, die er vor allem auf den letzten 50 Seiten entwirft, in toto als Mysteryerfindung abzutun: Ein in den Katakomben des Potala aus dem Nichts auftauchender SS-Sturmbannführer, der "Indiana Jones" und "Lara Croft" vor einem wahnsinnigen Killermönch rettet, der zuvor mit einem Ritualdolch vier Mossadagenten getötet hat, die im Auftrage des Vatikan den Palast zu sprengen beabsichtigten, da, wie ein hochrangiger Vertreter des deutschen (!) Papstes in Rom wortreich erläutert, unterhalb der Grabkammern der Dalai Lamas sich das ""Tor zur Hölle" befinde, das siebzig Jahre zuvor auch Hitler gesucht habe, um mit Hilfe Satans zum Weltenbeherrscher zu werden...- so etwas für bare Münze zu nehmen, dürfte wohl niemandem einfallen.
Gerade aber mit derlei frei zusammengesponnenem Wirrsinn, in dem auch noch Richard Wagner und das Bankhaus Rothschild vorkommen und der in der Beschwörung eines Vierten Reiches" samt wiederkehrendem "Führer" gipfelt, bedient Kahn die große Mehrheit der Tibet- und Dalai-Lama-Fans, die die Verbindung der Nazis nach Tibet ebenso wie die augenfällige Neigung des derzeitigen "Gottkönigs", sich mit Vertretern der extremen Rechten zu umgeben, immer schon als böswillige Lüge chinahöriger Religionshasser und Kommunisten abgewehrt haben. Selbstredend tritt im Schlusskapitel ein "aalglatter" Staatspäsident der Volksrepublik China auf den Plan, der dafür sorgt, dass alles geheim bleibt: schließlich hatten übriggebliebene Nazis Mao den Potala-Palast samt "Tor zur Unterwelt" abgekauft: mit dem legendären Goldschatz der Juden, den sie nach dem Zusammenbruch des "Dritten Reiches" nach Südamerika geschafft hatten.
Ob Absicht oder nicht: in all dem Gebräu, das Kahn da anrührt, wird der tibetische Buddhismus von jedem Verdachte reingewaschen, tatsächlich das blutrünstige und faschismuskompatible Psychopathensystem zu sein, das er ist und als das er ihn beschreibt: ist ja alles nur erfundene Kulisse eines Mysterythrillers...
Wie Kahn in einem Interview mitteilt, habe er dem Dalai Lama ein Exemplar seines Werkes übersandt, das diesen freilich, wie er meint, nicht überraschen dürfte: "Ich schätze ihn so ein, dass er heute über den Dingen steht und weise wissend schmunzelt." Ob der Gottkönig" ein Faible für triviale Mystifaxliteratur hat, ist nicht bekannt. (Goldner)