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Denis Guedjs «Theorem des Papageis»
Wer während seiner Schulzeit mit dem Fach Mathematik auf Kriegsfuss stand, dem bleiben bei dem monumentalen Roman des Algeriers Denis Guedj von vorneherein nur zwei Möglichkeiten. Die eine: er lässt die Finger davon. Die andere, die zweifellos aufgeschlossenere, aber auch viel Geduld verlangende: er überlässt sich einer anekdotengespickten, bisweilen auch ausufernden Fahrt durch die Geschichte(n) der Mathematik. Guedj ist Mathematiker an einer Pariser Universität und weiss, wovon er redet. So mag sein Hauptinteresse und pädagogisches Kalkül es gewesen sein, die Geschichte dieses Fachs zu erzählen, um ihm den Schrecken zu nehmen. Doch genau hier, im Bereich von beeindruckender Fachkompetenz einerseits und romaneskem Überbau andererseits, liegt das, was im Buch selbst an einer Stelle diskutiert wird: die nicht zu lösende Quadratur des Kreises.
Der Aufbau des Romans erscheint zunächst klassisch: Der für sein Alter noch überaus rege Bibliothekar Pierre Ruche bekommt von seinem früheren Freund Elgar Grosrouvre, der seit Jahrzehnten schon im brasilianischen Urwald bei Manaus weilt, per Frachter eine riesige Bibliothek zugesandt eine Fachbibliothek, wie sich herausstellt, die nur ein einziges Sujet hat: die Mathematik, ihre Grundlagen, ihre Hauptvertreter. Elgar, so geht aus einem Brief hervor, kommt bei einem Brand seines Hauses ums Leben; und die Frage, ob Unfall, Selbstmord oder womöglich gar Mord, kann nun vielleicht anhand einer kriminalistisch konzipierten Recherche, bei der allerlei mathematische Axiome zur Anwendung kommen, beantwortet werden. Ruche und Teile seiner Familie entdecken die Liebe zur Mathematik wie das lange versunkene Atlantis. Kaum eine massgebliche Figur von Thales über Pythagoras bis hin zu Leibniz, Newton oder Descartes , die im Laufe der Besichtigung dieser Urwaldbibliothek nicht zitiert und deren Leistung gewürdigt würde.
Eine Frage aber stellt sich alsbald sehr deutlich, und zwar für den Leser: wer, von beflissenen Mathematiklehrern oder -studenten abgesehen, möchte in einem Roman immer wieder und sehr massiv mit teilweise höchst komplizierten Formeln und Gleichungen konfrontiert werden? Die Handlung verkümmert, die Figuren werden zu Marionetten ihrer Passion degradiert und merken nicht einmal etwas davon. Der entscheidende Unterschied zu einem Autor wie Jostein Gaarder, dem es gelang, die Geschichte der Philosophie ohne den schnöden Duktus eines Lehrplanes zu erzählen, mag in der apriorischen, narrativen Begrenztheit von Zahlen und Formeln liegen. Dafür ist der Roman aber eindeutig zu lang geraten. Guedj führt seine Helden durch die einzelnen Disziplinen, lässt sie Koordinatensysteme erstellen, den einen Logarithmus oder den anderen Kotangens errechnen, verläuft sich dann aber immer mehr in der Darstellung eines ihm zwar vertrauten, uns aber immer weniger interessierenden, zu spezifisch werdenden Stoffs. Epische Länge macht hier noch keine Epik.
Es bleibt ein zwiespältiger Eindruck: Man darf das immense Unterfangen dieser Arbeit und die guten Absichten durchaus würdigen; man kommt aber kaum umhin festzustellen, dass dieses Buch in der Kategorie Roman nichts verloren hat.
Thomas Laux -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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