Was ist Tarot?
Aufbau und Ursprung der Karten
Der oder das Tarot - beide Formen sind gebräuchlich - ist ein Kartenorakel, das in seiner heutigen Struktur seit dem 16. Jahrhundert bekannt ist. Es besteht aus 78 Karten, die sich in zwei Hauptgruppen unterteilen: in eine Gruppe von 22 Karten, die man die Großen Arkana (lat. arcanum = »Geheimnis«) nennt, und in die 56 Karten der Kleinen Arkana. Während sich die Großen Arkana aus 22 Einzelmotiven zusammensetzen, die in sich keine Wiederholung kennen und aufgrund ihrer Nummerierung eine klare Reihenfolge bilden, sind die Kleinen Arkana die Vorläufer unserer heutigen Spielkarten, deren vier Serien oder Farbsätze einander wie folgt entsprechen:
Tarot - Französische Karten / Deutsche Karten
Stäbe: Kreuz oder Treff / Eichel
Schwerter: Pik / Blatt oder Grün
Kelche:Herz / Herz
Münzen: Karo / Schellen
Über den Hintergrund dieser vier Symbole ist viel spekuliert worden. Man hat sie mit den vier Ständen des Mittelalters in Verbindung gebracht, mit den vier heiligen Insignien der Kelten, als Attribute indischer Gottheiten, vor allem aber auch als Entsprechungen der vier klassischen Elemente.
Tarot - Stände des Mittelalters / Insignien der Kelten / Vier Elemente
Stäbe - Bauern / Lanze / Feuer
Schwerter - Ritter / Schwert (Excalibur) / Luft
Kelche - Klerus/ Kelch (Gral) / Wasser
Münzen - Kaufleute / Schale / Erde
Dabei fällt auf, dass die antike Elementelehre Feuer und Luft als männliche Elemente betrachtet, Wasser und Erde dagegen als weiblich. Eine entsprechende Unterscheidung findet sich bis heute in den französischen Spielkarten, wo die »männlichen« Karten Kreuz und Pik schwarz sind - im Unterschied zum Rot der Farben Herz und Karo, die den weiblichen Elementen entsprechen.
Ob die Karten der Großen und der Kleinen Arkana ursprünglich zusammengehörten oder einander erst im Laufe der Zeit gefunden haben, ist ebenso ungewiss wie der Ursprung der Karten. Man fand Spuren, die vermuten lassen, dass die Kleinen Arkana im 14. Jahrhundert aus der islamischen Welt nach Europa kamen. Was aber auf diesen Karten zu sehen war und was man mit ihnen tat, ob es sich um reine Spielkarten handelte oder ob sie auch als Orakel befragt wurden, ist unbekannt. Noch weniger wissen wir über den Ursprung der für jeden Tarotkenner so viel bedeutsameren Karten der Großen Arkana. Sie tauchen erstmals etwa 1430 in einem italienischen Deck auf, dem Visconti-Sforza-Tarot, und die Vermutungen über ihre Herkunft gehen - wie so oft beim Tarot - extrem auseinander. Während die einen aus der Tatsache, dass die Karten zum ersten Mal im frühen 15. Jahrhundert erschienen, recht pragmatisch folgern, dass sie wohl auch in dieser Zeit der italienischen Renaissance entstanden sind, gehen andere viel weiter zurück. Sie vermuten, mit den Großen Arkana nicht weniger als das Weisheitsbuch der altägyptischen Priesterkaste in den Händen zu halten, das mehrere tausend Jahre nur in allergeheimsten Kreisen weitergegeben wurde, bis es dann im 15. Jahrhundert erstmals ans Licht der Öffentlichkeit kam, ohne dass seine wahre Natur erkannt wurde. Denn die esoterische Bedeutung der Tarotsymbolik wurde erst 1781 von Court de Gebelin, einem französischen Gelehrten, beim Kartenspiel in einem Pariser Salon entdeckt.
Zu den vielen fantasievollen Geschichten, die sich um den geheimnisvollen Ursprung ranken, gehört auch die Vermutung, dass die Tarotkarten durch Moses, der als Hoher Priester in die ägyptischen Mysterien eingeweiht war, mit dem Auszug des Volkes Israel nach Palästina kamen. Dort sollen sie eine Verbindung mit der Kabbala eingegangen sein, jener jüdischen Geheimlehre, die unter anderem in den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets einen tiefen Symbolwert erkennt. Die zahlenmäßige Entsprechung der 22 Buchstaben dieses Alphabets mit den 22 Karten der Großen Arkana zählt zu den gewichtigsten Belegen dieser Ursprungsvermutung.
Auch die Deutungen des Wortes »Tarot« gehen weit auseinander und sind ähnlich zahlreich wie die Geschichten über die Herkunft der Karten. Tarot sei altägyptisch und bedeute »der königliche (Ro) Weg (Tar)«, sagte man. Aber das war noch zu einer Zeit, in der sich ägyptische Hieroglyphen nur mithilfe der Fantasie »übersetzen« ließen. Als im frühen 19. Jahrhundert mit der Entdeckung des berühmten Steins von Rosette die wirkliche Bedeutung dieser Schriftzeichen offenbar wurde, erwiesen sich die alten Übersetzungen als haltlos. Oftmals wird das Wort »Tarot« auch mit der Thora in Verbindung gebracht. So nennt man die fünf Bücher Moses, die den Beginn des Alten Testaments und das Gesetz des jüdischen Volks bilden. In spirituellen Kreisen wird das Wort »Thora« deshalb auch als das göttliche Gesetz gedeutet. Insbesondere die Kreise, die ohnehin den Ursprung der Karten im alten Ägypten sehen und vermuten, dass sie durch Moses nach Israel kamen, sehen in dieser Namensähnlichkeit einen weiteren Beweis für ihre These. Daneben gibt es natürlich auch ganz profane Deutungen dieses Wortes. So die Vermutung, die Karten kämen aus der Gegend von Parma und hätten ihren Namen vom Fluss Taro, der durch diese Stadt fließt. Sicher scheint nur, dass es sich um ein französisches Wort handelt, das erstmals gegen Ende des 16. Jahrhunderts auftauchte. Damals nannten sich die Kartenmacher in Paris »Tarotiers«. Leider ist nicht überliefert, woher sie diesen Namen hatten und was er für sie bedeutete. Aufgrund dieser französischen Wurzeln sprechen die meisten das Wort als »Taro« aus. Diejenigen, die dagegen »Tarot« sagen, wollen damit betonen, dass das erste und das letzte »t« zusammengehören, sich sozusagen überlagern, als wäre das Wort kreisförmig auf ein Rad geschrieben, worin eine weitere Deutung des Namens liegt: rota (lat., »das Rad«). Nimmt man auch noch das lateinische Wort orat (= »verkündet«) hinzu und bedenkt, dass Ator eine ägyptische Einweihungsgöttin war, dann versteht man den Satz, den Paul Foster Case (ein amerikanischer Tarotexperte des 20. Jahrhunderts) aus den vier ausgesprochenen Buchstaben des Namens kombinierte: ROTA TARO ORAT TORA ATOR (= »Das Rad des Tarot verkündet das Gesetz der Einweihung«).
Wie so oft, werden sicherlich auch die Wahrheit über den Ursprung der Karten und die Bedeutung des Namens in der Mitte zwischen all den vielen Spekulationen liegen. Mir erscheint die Frage nach dem Alter der Karten ohnehin recht unbedeutend. Denn tatsächlich überliefert uns der Tarot eine Weisheit aus sehr alter Zeit, die in der Tiefe des kollektiven Unbewussten wurzelt und bis in die Urfrühe menschlicher Bewusstwerdung zurückreicht. Deshalb halte ich es für unwichtig, ob die Karten, die dieses Wissen anschaulich machen, nun 500 oder 5000 Jahre alt sind. Die Bilder, um die es geht, sind allemal älter als Papier und Buchdruckerkunst.
Dabei sind es nur die 22 Karten der Großen Arkana, in deren tiefgründiger Symbolik sich dieses Wissen vom Lebensweg des Menschen verbirgt, wie ich es in dem Buch Tarot und die Reise des Helden beschrieben habe. Wie, wann, von wem und warum dieses alte Wissen in so unverfälschter Weise im Bilderzyklus der 22 Karten festgehalten wurde, bleibt ein Geheimnis. Vielleicht spielten dabei die Triumphzüge eine wichtige Rolle, die man in der Renaissance gern an Fürstenhöfen aufführte und die vermutlich auf älteste Kulte im Mittelmeerraum zurückgehen. Zumindest legt der frühe Name der Karten - »trionfi« oder auch »Spiel der Trümpfe« - einen solchen Zusammenhang nahe. Die 56 Kleinen Arkana haben keine solche Tiefe. Sie sind nach allem, was wir wissen, niemals zu anderen Zwecken als zum Kartenlegen gebraucht worden.
Die verschiedenen Tarotdecks
Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts waren diese Zahlenkarten der Kleinen Arkana nicht aussagekräftiger illustriert als unsere Spielkarten. Solche alten Darstellungen findet man noch heute unter dem Namen »Tarot von Marseille«. Von einigen Ausschmückungen...
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