Der Italiener Alberto Siliotti ist ein hochqualifizierter Fachjournalist und Fotograf mit Spezialstrecke Altes Ägypten, zugleich Mitglied einschlägiger internationaler Gremien. Sein Buch "Tal der Könige" will er als archäologischen Reiseführer verstanden wissen. Diesem Zweck dient es nur bedingt; denn: Wer schleppt schon ein Großformat auf Besichtigunstour mit? Auch wäre das Buch dafür zu schade, da es sich um einen schönen Kunstdruckband handelt. (Schon dadurch hebt es sich ab von anderen Editionen zum Thema.) Anderseits: Der Autor fügt zwei interessante Wegbeschreibungen bei. Die allerdings kein Pauschaltourist nutzen kann. Außerdem bezweifle ich, dass die überall auf diesen Wegen wachenden Polizisten es einem Individualreisenden gestatten würden.
Gleichviel! Der Wert des italienischen Text-Bild-Bandes, aus dem Englischen ins Deutsche übertragen von Diplomtheologe Ingobert Wilke und Dr. Anette Zillenbiller, vom Verlag in gediegener Eleganz ediert, liegt in anderem: in der detailreichen, mit wissenschaftlichen Daten untermauerten und wenig bekannten Fakten gespickten Darstellung des "Osiris-Reiches" von Theben-West, in welchen Grenzen es der heutige Besucher im Allgemeinen erkunden kann. (Um Enttäuschungen vorzubeugen, sei darauf hingewiesen, dass die Besichtigung der Gräber nach strengem Reglement limitiert ist, was sich tageweise ändern kann. Und für "besonders wichtige Gräber" wie das von Tutanchamun ist erheblicher Extra-Eintritt zu entrichten; ins restaurierte der Nefertari kommt dennoch ein Normalsterblicher so gut wie nie hinein.)
Neben Einführung, Zeittafel, Übersichtszeichnungen und Glossar behandelt Siliotti am Anfang informativ und bei aller Kürze nachhaltig "Der Bau eines Königsgrabes", "Architektur und Dekoration der Gräber", "Die Bestattung des Pharaos", "Die Gräber im Tal der Könige". Sodann stellt er elf Gräber in selbigem, vier im Tal der Königinnen, drei im Dorf der Grabarbeiter (das ein eigenes Kapitel hat) und neun der Noblen vor. Einer Übersicht über die "Schlösser" (Häuser) der Millionenjahre folgt die nähere Betrachtung der wichtigsten Totentempel von Sethos I. über das Ramesseum bis zu jenem von Ramses III. Ausführlich behandelt werden die Komplexe von Deir el-Bahari (Schwerpunkt Terrassentempel der Hatschepsut) und Medinet Habu. Selbst der ptolomäische Tempel von Hathor und Maat bei Deir el-Medina ist nicht vergessen. (Diese Inhaltsangabe dürfte jenen wichtig sein, die Vorkenntnisse und entsprechende Literatur bereits besitzen.)
Am eindrucksvollsten die Gestaltung der Kapitel. Im Zentrum jeder Grabbeschreibung stehen Längsschnitte und Grundrisse, so dass der Betrachter einen Gesamteindruck der oft erstaunlichen Dimension erhält. Jeder Abschnitt der Zeichnungen ist seinem Zweck entsprechend benannt. Pfeile führen von bestimmten Stellen zu kleineren oder größeren Farbfotos von Wandbildern, deren Inhalt in knappen Legenden prägnant erläutert wird.
Selbstverständlich gibt es zu jedem Grab einen Grundtext, informativ und dennoch locker geschrieben, samt Abbildung des Königs oder Prinzen beziehungsweise der Lieblingsfrau Ramses II. sowie der dazugehörigen Kartusche. Der umfangreichste und am besten illustrierte Text wird Tutanchamun (hier auch mit historischen Aufnahmen von Carters Graböffnung) und Nefertari gewidmet. Denkbarer Hintergrund: Wenn man diese Gräber schon nicht in Augenschein nehmen kann, soll man sie wenigstens in schönen Bildern sehen.
Ähnliche Verfahrensweise bei den Totentempeln der Herrscher - nur ausgiebiger und mit mehr und größeren Farbbildern illustriert - und selbst bei Dorf und Nekropole der Grabarbeiter.
Quintessenz: Ich habe noch keine derart faszinierende Darstellung der Totenstadt gegenüber von Luxor in die Hand bekommen. Und mehr erfahren, als ein Reiseführer vor Ort, selbst wenn er promovierter Ägyptologe ist, vermitteln kann.