1. Jana als Karrieristin
Jane oder Janna Somers ist eine Karrierefrau. Ihre Schwester Georgie, ihr verstorbener Mann Freddie, ihre Mutter, die ein Weilchen bei ihr lebt und natürlich die vielen alten Leutchen, die gebückt mit ihren kleinen Einkäufen nachhause schlurfen, sie alle verblassen in ihrer Abgehobenheit in einem workaholiken, oberflächlichen Leben als empathieloses, promiskes, nasszellenaffines Modepüppchen, als allein lebende Lifestyle-Journalistin.
2. Jana als Individuum
Die zornige, widerständige Greisin Maudie, mit der sie sich anfreundet, durchbricht dieses hermetische Selbstkonzept und das bringt ihr bisheriges Leben durcheinander, die symbiotische Beziehung zu ihrer Chefin erweist sich als wenig tragfähig, auf der Redaktion ist sie nur noch selten, statt der Mode zu folgen, lässt sie sich Altes nachschneidern, von Sex ist kaum mehr die Rede, ihre Nichte Jill lebt bei ihr, sie ist mit ihren Büchern erfolgreich und Janna hat sich aus freien Stücken eingelassen mit Maudie, mit anderen Alten und ihrem Umfeld von Sozialamtsvertreterinnen.
3. Der Wandel
Die Beziehung zu Maudie ist ihr Weg zu einer neuen Weltsicht. Es ist eine Emanzipationsgeschichte im weiten Sinne: Janna Somers wird gescheiter, offener, lernfähiger und es erschliessen sich ihre neue Realitäten. Sie wird vom charakterfreien Zombie zu einem Individuum, zu einem eigensinnigen Menschen auf dem Weg in ein besseres, reicheres, emotionaleres, farbigeres Leben und in ein differenzierenderes, weiter ausholendes Denken. Aber sie ist schon fünfzig. Eine Spätzünderin.
Nebenbei erfahren wir etwas über die Mühen des Staates im Umgang mit den Alten und über die Abläufe in Spitälern. Maudies und später Jannas Zorn entzünden sich nicht zuletzt daran. Sie stellen ihren Eigensinn gegen die Zumutungen der staatlichen Strukturen, die sie zu Nummern degradieren wollen.
4. Gute Lektüre
Im riesigen Werk von Doris Lessing, geprägt durch mehrbändige Grossprojekte, scheint dieser Roman eine kleine Nebensache zu sein, ein später, allein stehender Text (1983). Ich habe früher einen Roman von ihr gelesen, Martha Quest", Band 1 des fünfbändigen Zyklus Kinder der Not" (1964). Aus dieser Leseerfahrung gefällt mir die Art und Weise, wie sie ihre Stoffe darbietet. Sie weiss und kennt, worüber sie schreibt. Sie ist in diesem Roman nahe dran, mit ihrem sparsamen, realistischen, leicht lakonischen Stil.
Ein interessanter, engagierter, sanft multiperspektivischer, spannender und gut zu lesender Roman, der eine schöne und wahre Geschichte erzählt.
5. Nobelpreis für Doris Lessing
Wer hat nicht alles den Nobelpreis bekommen?!! Doris Lessing hätte ihn sich dicke verdient! Eine Zeitzeugin ersten Ranges, die zudem Emanzipationsgeschichten - im weiten Sinne - erzählt. Ich glaubte immer, das sei es, was das Komitee will. Also, solange sie noch unter uns ist - Jahrgang 1919, bitte, nicht posthum!! Hurry up!
Nachtrag vom 12.11.2007: Aufgrund dieser Rezension hat sie ihn bekommen, nicht wahr? Hurra!! Und ein guter Grund, noch mal was von ihr zu lesen.