Alles beginnt mit einem Schusswechsel auf dem Parkplatz vor dem Waschsalon -- ein Toter und ein Schwerverletzter, der aber entfliehen kann. "Angelegenheit der Weißen", sagt sich der Augen- und Ohrenzeuge, der alte Hosteen Joe, auch wenn einer der beiden, nämlich der, der fliehen konnte, ein Navajo war -- denn Gewalt hat nichts zu suchen in der Kultur der Navajos. Dieser "clash of cultures" zieht sich durchs ganze Buch, noch stärker als dies sonst bei Hillerman ohnehin der Fall ist.
Zunächst übernimmt das FBI den Fall, denn Gewaltverbrechen gehören in seinen Zuständigkeitsbereich. Außerdem sind die beiden an der Schießerei Beteiligten einschlägig bekannt. Der Tote war ein Auftragskiller, und der Flüchtige, Albert Gorman, ein notorischer Autodieb. Beide stammen aus Los Angeles. Chee erhält den Auftrag, Gorman aufzuspüren, findet ihn auch -- aber tot und begraben in der Nähe des Hogans von Gormans Onkel Hosteen Begay. Von Begay fehlt jede Spur, aber das FBI ist erst einmal zufrieden. Nicht aber Chee, denn ihm fällt auf, dass Gorman nur scheinbar traditionsgemäß begraben wurde. Wichtige Details stimmen nicht -- und dem alten Begay wären solche Fehler nie und nimmer unterlaufen.
Bald darauf erhält Chee den Auftrag, die vermisste Margaret Billy Sosi aufzuspüren; eine 17jährige Schülerin und die Enkelin des immer noch verschwundenen Begay. Auch wenn Chee die Order hat, sich aus dem FBI-Fall herauszuhalten -- es bleibt ihm nichts anderes übrig, als den Fragen nachzugehen, die er sich im Zusammenhang mit dem Fall Gorman stellt, denn es muss einen Zusammenhang geben -- aber welchen? Margaret entwischt ihm zunächst; die Spur führt Chee nach Los Angeles. Bald entdeckt er, dass es hier um Mafiaangelegenheiten und Korruption geht, dass ein im Navajo-Reservat versteckter Kronzeuge gefährdet scheint, und dass ein Profikiller im Spiel ist. Er befürchtet, dass Margaret zuviel weiß und in Lebensgefahr schwebt; er findet sie ein zweites Mal und verliert sie wieder, denn Margaret ist beileibe nicht auf den Kopf gefallen.
Am Ende findet Chee Margaret, und erst jetzt begreift er die Zusammenhänge, kann die Ungereimtheiten der Geschichte erklären. Es kommt zu einem spannenden, rasanten Schluss mit überraschender Pointe.
Wie bereits angedeutet, beruht die Spannung in "Das Tabu der Totengeister" in hohem Maße auf dem Gegensatz zwischen "weißer" und Navajo-Kultur, und zwar auf allen Ebenen der Geschichte (auch wenn die deutsche Übersetzung nicht gerade brillant ist). Chees Liebesbeziehung zu der weißen Lehrerin Mary Landon spielt ebenso eine Rolle wie die unterschiedlichen Umgangsformen (wunderbar herausgearbeitet z.B. in einer Unterhaltung Chees mit einem leicht verwirrten Bewohner eines "weißen" Altersheimes) oder die Gefährdung alter Navajo-Riten, die immer weniger Menschen bekannt sind. Hier läuft Hillermans Fähigkeit, plastische Figuren zu zeichnen, zur Höchstform auf.
Vor allem aber spielt in diesem Buch die Entfremdung von der eigenen Kultur eine große Rolle, auch die Konsequenzen aus dem Umsiedlungsprogramm des Bureau of Indian Affairs in den 1950er Jahren, als viele Indianer-Familien voneinander isoliert in den Großstädten des Landes angesiedelt wurden und oft den Kontakt zu ihrer Kultur verloren, ohne je in der Welt der Weißen heimisch zu werden. Tatsächlich kann man "Das Tabu der Totengeister" nicht nur als spannenden Krimi lesen, sondern auch als Studie über das Entstehen und die Folgen von kulturellem Identitätsverlust. Der Spannung tut das freilich keinen Abbruch.