Im Sylt-Urlaub kommt der Frankfurter Tierarzt Thomas Hamm einer mysteriösen Viehkrankheit auf die Spur. Kurze Zeit darauf sind es nicht länger nur Rinder, die krank werden und sterben, sondern zunehmend auch Menschen -- und die Krankheit verläuft so brutal wie unerklärlich. Hamm setzt alles aufs Spiel, Praxis, Ehe und, wie es bald scheint, auch sein Leben, um die drohende Seuche aufzudecken und einen Erreger zu finden -- gegen den Widerstand der Sylter Tourismusindustrie... und eines mysteriösen Münchner Großkonzerns.
Das klingt vielleicht nach einem spannenden Roman, täuscht aber. "Das Sylt-Virus" ist kein Thriller oder Krimi, sondern eine trockene Spurensuche nach Ausgang und Herleitung einer neuen Seuche, die von der Autorin explizit mit Aids oder BSE verglichen wird. Und hier liegt das Hauptproblem: Frau Jensen geht es mehr darum, zu mahnen als zu unterhalten. Regierung, Medien und Konzerne, so ihre Theorie, verfolgten in diesen Fällen viel zu lange Eigeninteressen und wiegten die Bevölkerung in falscher Sicherheit. Der Mikrokosmos Sylt und sein Umgang mit der drohenden Katastrophe steht hier als Beispiel für ganz Deutschland.
Sicher hätte sich auch daraus eine spannende Geschichte stricken lassen, aber das Geschehen bleibt zu abstrakt, nie ist der Leser mittendrin, sondern er steckt fest in den Pathologie- und Stationsarzträumen des Sylter Krankenhauses, wo ein ums andere Mal diskutiert, verworfen, gefragt wird. Es wird immer nur *erzählt*, nie *erlebt*. Man verfolgt die Entwicklung mit dem distanzierten Halbinteresse eines Nachrichtenhörers. Die Figuren im "Sylt-Virus" sind völlig eigenschaftslos und definieren sich allein über Beruf und/oder Herkunft, etwa der Gute Arzt (in Form von Hamm und den Doktoren Gebhardt, Michelsen und Vincence), der Böse Arzt (Prof. Habermehl, Dr. Lorenzen), der Böse Münchner (Kerst, Böttcher, Humperding), der Friesische Bauer. Besonders übel trifft es die (wenigen) Frauenfiguren. Die sind im wahrsten Sinne des Wortes austauschbar -- als Hamm seine Frau an die Seuche verliert, geht er direkt weiter zu der jungen Sylterin Gotje.
Trauer gibt es auf der Insel genausowenig wie Erotik oder Sex; daß auch Gotjes Schwester ein Opfer des Sylt-Virus geworden ist, interessiert Gotje und ihre Familie offenbar wenig, und von Schmerz über den Verlust der Ehefrau kann bei Hamm wie erwähnt keine Rede sein. Überhaupt liegt Silke Jensens (oder, genauer gesagt, Kari Lösters) Sylt in einer anderen Umlaufbahn, in der die Leute "Bärenauslese" trinken, über "Pädriatische Orthopädie" lesen und sich bereits "Lichtjahre" kennen. Ärgerlich auch die diversen stilistischen Schnitzer wie: "Hamm stieß Gebhardt mit dem Ellenbogen an, der einen lethargischen Eindruck machte." oder "Im Eingangsbereich kümmerte ein Farn. Der Pförtner musterte ihn mit Interesse, bevor er Hamm den Weg zum Chefredakteur beschrieb." Jeder Schreibanfänger würde sich schämen für solche Patzer.
Unverzeihlich ist aber vor allem, daß Frau Jensen die Insel selbst vollkommen links liegen läßt. Nie kommt auch nur die leiseste Atmosphäre auf, nie erfährt man, wie Sylt riecht, schmeckt, klingt, sich anfühlt. Was Lokalkolorit und Eindrücke angeht, könnte "Das Sylt-Virus" genausogut in Baden-Württemberg oder Thüringen spielen. Schade drum.