"Und deine letzte Größe, mein Wille, spare dir für dein
Letztes auf, - dass du unerbittlich bist in deinem Siege!
Ach, wer unterlag nicht seinem Siege."
(Friedrich Nietzsche, Zarathustra)
Rainer Maria Rilke (1875-1926) war wie Kafka Sohn eines Beamten aus Prag. Wohlbehütet aufgewachsen, scheint sein Schicksal, eine Frau zu suchen, aber Frauen zu finden gewesen zu sein. 1895 als 19jähriger schrieb er: "Die einzige Gnade, die ich erflehe, ist die, dass meine Werke ein zartes Echo in den Herzen hübscher Frauen finden möchten". Zeitlebens auf der Suche nach sich und seiner Vollendung im "Wir" stellt Stefan Zweig über Rilke fest, dass eine dichterische Erscheinung eben nur voll erkennbar ist, wenn auch das Bildnis des Menschen dahinter erweckt ist.
Wurde er noch als Rene getauft, verwandelte ihn eine Neu-Taufe einer Frau zum Rainer. Lou von Salomé (1861-1937), eine starke Frau, zu der sich Rilke vom ersten Blick angezogen fühlte, riet ihm (bestimmend) den Namen zu wechseln. Der ängstliche Rene soll als großer Dichter Rainer in die Welt gehen. Mit Lou in München fühlt er sich "Traumgekrönt", soll sie ihm doch die Türen zur Welt öffnen. Mit Lou und deren Ehemann Carl Andreas (Lou's Credo: "Ungebundenheit in der Bindung") begab er sich auf eine Reise nach Russland, ein zweites Mal mit ihr allein. Hatte Rilke zuvor seine Verse "Dir zur Feier" (1897) insbesondere für Lou geschrieben, fanden diese keine Nachsicht bei ihr, die in ihrer Art, Dinge intellektuell und scharfsinnig zu betrachten, den Zyklus nahezu viertelte. (Rilkes Selbstkritik erscheint im Malte: Ach, aber mit Versen ist so wenig getan, wenn man sie zu früh schreibt.)
Seine Sehnsucht macht nur einen kleinen Halt, wenn er schreibt: "Meine Seele spürt, / das wir am Tore rasten / Und sie fragt dich im Rasten: / Hast Du mich hier hergeführt?" Rilke und Lou oszillieren zwischen Nähe und Distanz, die Ferne erhöht zur Anziehung, Faszination und Resignation sind die Antipoden, "Christus-Visionen" bei Rilke sind Folge der Inspiration von Lou und Nietzsche. Lou wird zum Gift und zur Seelenführerin, er konnte sie lieben, jedoch nicht von Dauer. Sein Erlebnis mit Lou wird nach der Trennung zu seiner Lebensmaxime in Kopie. Rilke blieb, sich selbst zu feiern: "Mir zur Feier" folgte erst 1909. Beide messen sich wenn man so will an Orpheus und Eurydike. Was sich entzieht, geht den Menschen wesentlicher an und nimmt ihn mehr in Anspruch, als alles Anwesende. Das Ereignis des Entzugs könnte das Gegenwärtigste in allem jetzt Gegenwärtigen sein und somit die Aktualität alles Aktuellen unendlich übertreffen. "Das Stundenbuch" steht noch ganz im Zeichen der Russlandreise und seiner Liebe zu Lou. Dieses Stundenbuch ist nun neu aufgelegt in einer etwas teuren, aber sehr bibliophilen Gestaltung des Insel-Verlages.
Aufgeteilt in drei Bücher, beginnend 1899 mit dem "mönschischen Leben", dann 1901 "von der Pilgerschaft" und endend 1903 "von der Armut und vom Tode" stellt Rilke sein Wollen direkt dar: "Ich fühle: ich kann" Und doch sind alle drei Bücher dieses Zyklus in Anlehnung an die jeweiligen Erlebnisse in der Zeit. Tritt der Mönch nach der ersten Russlandreise auf, ist der Pilger der Suchende nach seiner Heirat mit Clara Westhoff entstanden, während der letzte Teil nach seinem ersten Parisaufenthalt anschließend in Italien sich für Rilke öffnete. Bild und Stimmung hier sind Vorläufer seiner
Malte-Biographie.
Was hält die Welt zusammen, was ist ihr großes Prinzip? Das sind Rilkes Fragen wie auch die Fragen der Kunst und der Literatur um die Jahrhundertwende. "Ich kreise um Gott" schreibt er und doch kreiste er um sich. Wie Lou 1885
Im Kampf um Gott; (Lou Andreas-Salome, 2007) steht auch Rilke hier an den Fragen ohne Antwort, ist mehr Zweifler denn Gläubiger und sucht seinen
eigenen Gott; (Ulrich Beck 2008) im anderen oder in sich: "Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe? / Ich bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?) / Ich bin dein Trank (wenn ich verderbe?) / Bin dein Gewand und dein Gewerbe / Mit mir verlierst du deinen Sinn." Ohne den jeweils anderen gibt es niemand, Gott und Mensch treten in Wechselwirkung, gleichsam die essentia quinta aus Rilkes Stundenbuch wie auch in Lou Salomes Erstlingswerk. Gott wird im Prozess des Menschen vollendet, Gottwerdung ist ein Akt des Menschen, sich zu vollenden, wie Kuno es tat und wie der moderne Mensch heute nach Beck seinen poly-theistischen Ansatz pflegt zur Vollendung seiner Suche. Zeit und Gegenwart, Gott und Luzifer, gut und böse - die Welt der Dualismen ist nicht aufgehoben, vielmehr offenbart sie sich auch bei Rilke erneut. Und doch ist Luzifer eher benennbar, aussprechbar. Vielleicht will auch Rilke über Luzifer (Satan) wie Milton zurück zum verlorenen Paradies?
So muss der Mensch aufbrechen: "Ich liebe dich wie einen lieben Sohn, / Der mich verlassen hat als Kind"; den Glauben der Kindertage aufgeben, wie Kuno es in seinem Kampf um Gott bei Lou Salome tat, um dann in Revision und neuer Perspektive auf das Gewesene zurückzublicken. So wie Gandhi seinen Hinduismus für sich aus neuer Perspektive während des Studiums in England zum eigenen Glauben machte, sich selbst zum Führer seiner selbst ernannte und so eine Bewegung der Friedfertigen schuf, so wird auch bei Lou und hier bei Rilke der Mensch zum Gott, denn "[...]solange der Vater lebt, sind wir eine Art Relief von ihm; sein Verlust macht uns [...] frei, ach freistehend auf allen Seiten". Der Mensch ist Sohn Gottes und wird zum Vater.
Diese Metamorphose ist es, die den Blick neu stellen lässt, so wie Salome und Nietzsche es taten und hier auch Rilke tut: "Und war er selbst für seine Zeit ein Held, / er ist das Blatt, das, wenn wir wachsen fällt". Final ist die Trennung, wo das "Du" dem "Herr" weicht im dritten Buch. Es geht dort um das Erlebnis nach der Hinwendung zum Ich als selbstbestimmtes Wesen. So steht Rilke ganz im Zeichen der Philosophie Fichtes. Er traf auf seinen eigenen Glauben, den Glauben an sich als Gott und hat wie Fichte sein Ich als Basis allen Transzendenten gesetzt. In seinem selbstbewussten Leben, welches unter furchtbaren Selbstopfern der Wertschöpfung dient und sich mangels Anerkennung selbst verkündet, gleicht er Nietzsche.
Im Kloster Lluc in einem Gedicht über Pilger las ich: Gehe, prüfe und erneuert kommst du zurück. Auseinandersetzung ist Pilgerschaft und führt zur Selbstbestimmung. "Und gibt es einen Mund zu ihrem [die Armen] Schutze, / so mach ihn mündig und bewege ihn"; so Rilke am nahen Ende des Stundenbuchs.
Stefan Zweig sieht Verlangen in diesem Buch, mit Liebe gelesen zu werden, wie ein Gebetbuch in stiller Stunde. Wenn man ehrfürchtig dazu bereit ist, wird der Orgelklang dieser Verse hörbar.
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