Einer der unbekannteren Christies (wurde dieser Krimi je verfilmt?), aber meines Erachtens einer der richtig guten!
Luke, ein Polizeiinspector a.D., trifft im Zug eine ältere Dame, die ihm anvertraut, zu Scotland Yard unterwegs zu sein: Sie meint, in ihrem recht überschaubaren Heimatnest einen Massenmörder entdeckt zu haben. Nicht mehr, und nicht weniger. - Ja, natürlich reagiert Luke mit mildem Zweifel, was die Dame ihm auch nicht verübelt: Sie habe es auch lange nicht glauben können, zumal die Todesfälle durchaus als Unfälle durchgehen können. Aber da wäre dieser merkwürdige Blick gewesen, über den sie mal las bei einem berühmt-berüchtigten Massenmörder - wie er sein nächstes Opfer anzuschauen pflegte. Und SO einen Blick habe sie nun in Wychwood auch mehrfach bei einer bestimmten Person gesehen. Und alle so angeschauten starben danach tatächlich. - Gut, MAL kann man das als Zufall oder Einbildung abtun, aber nicht nach dem dritten oder vierten oder fünften Mal...
Bisher empfand die alte Dame die Opfer zwar als traurig, aber nicht so nachhaltig erschütternd: Ein recht nerviger Junge fiel aus dem Fenster, ein ungeschicktes Dienstmädchen trank nachts irrtümlich ein Färbemittel statt Hustensaft, ein versoffener Wirt fiel im Dusel von Steg, eine unangenehme Gouvernanten-Dame verstarb etwas überraschend. Also alles Verluste, die diese nette alte Dame zwar betrübten, aber nicht tief trafen. NUN aber habe sie "diesen Blick" auf den ehrwüdigen alten Doktor gerichtet gesehen, und der wäre so ein guter Mensch, der müsse gerettet werden!
Luke lächelt nachsichtig in sich hinein, ältere Damen vom Lande brauchen wohl doch etwas Aufregung im Leben, und Scottland Yard würde wohl damit fertig werden.
Doch die alte Dame kommt nie dort an: Luke erfährt, daß sie auf dem Weg dorthin überfahren wurde, Fahrerflucht...
Als er wenig später in der Zeitung liest, daß in Wychwood der langjährige Arzt plötzlich und sehr unerwartet gestorben ist, wird er doch stutzig.
Mit dem Segen eines ehemaligen Kollegen reist er unter einen Vorwand in dieses Dorf, um dort näher zu recherchieren.
Die clevere Brigette, Sekretätin des reichsten Mannes am Platze und zukünftige Gattin desselben, durchschaut Lukes Vorwand schnell. Zwischen beiden entspinnt sich eine herrlich bissige Lovestory, bei der sich die Christie mal richtig Mühe gegeben hat. Sie geht weit über das übliche "Ich liebe Dich - bist Du glücklich - oh mein Liebling!" hinaus.
Beide recherchieren nun gemeinsam. Ja, die Unfälle KÖNNEN Morde gewesen sein: Man kann Jungs beim Fensterputzen stoßen und besoffene Männer auf Stegen auch; man kann Medizin- und Giftflaschen vertauschen, kranke Frauen vergiften. Schwieriger ist es schon, einem Arzt eine Blutvergiftung zu verpassen, an der er auch prompt stirbt.
Aber wo ist das Motiv, die Verbindung?
Es gibt natürlich allerlei übliche Verdächtige und die bei Christie so beliebten Nebenspuren, die auch auf Finsteres hinweisen, aber denn doch mit dem Hauptverbrechen nichts zu tun haben. - Luke und Brigette haben also alle Hände voll zu tun, und natürlich wirds finalisch auch nicht ungefährlich für die schöne Heldin. Erst im letzten, aber auch wirklich allerletzten Moment gehen Luke die überraschten Augen auf...
Dem Leser schon etwas eher, und leider vielleicht etwas eher als nötig. Denn die schuldige Person wird ab einem Moment so ganz anders beschrieben, als man sie bisher erlebte. Und damit ist es klar. Da wurde der eigentliche Überraschungsmoment etwas entschärft. Aber nun gut, es ist dennoch ein spannendes Finale.
Logikeinbrüche fand ich hier nicht mehr und nicht weniger als bei anderen Christies auch. Eher weniger, denn das Motiv hat was. Sicher ist auch Glück dabei, aber... was solls. Das einzige, was mich etwas nervte, war die Beschreibung der toten Nebenfigur Tommy als "kleiner Junge". Wie war da die englische Originalversion? War er ein Kind? Aber warum hatte er da schon so viele Jobs, aus denen er fliegen konnte (beim Anwalt, beim Lord, sonstwo...) Und wie konnte er Ministrant bei schwarzen Messen auf der Hexenwiese sein? Oder war er ein Jugendlicher? Doch wieso dann immer die Bezeichnung "kleiner, frecher Junge"? - Mich irritierts, wenn ich eine Figur nicht klar sehen kann.
Egal. "Das Sterben in W." ist eine wunderbare, spannende Krimilektüre, die ich gerne weiter empfehle!