Robert Littells Vorfahren hatten Russland zur Zeit der Revolution verlassen. Er selbst lernte bei einer Moskaureise 1979 Nadeschda Mandelstam, die Witwe des im Stalin-Regime verfolgten Dichters Ossip Mandelstam kennen. 2009 entstand so aus seiner Beschäftigung mit deren Erinnerungen und der Dichtung Mandelstams der vorliegende Roman.
Die von wechselnden Protagonisten, darunter Stalins Leibwächter Wlasik, der Gewichtheber Schotman, die Dichterin Achmatowa, Pasternak, die Gattin Nadeschda, die Muse Zinaida und natürlich Ossip Mandelstam selbst, im Wechsel vorgetragene Erzählung setzt in den 1930er Jahren, der Zeit der Säuberungen unter Stalin, ein.
Es reitet Mandelstam, der zwar unbehelligt, aber wegen restriktiver Verbreitung seiner Arbeiten auch weitgehend unbeachtet in Moskau leben darf, ein Schmähgedicht auf Stalin (s.u.) zu verfassen. Ausgerechnet seiner Muse lässt er, der sonst sicherheitshalber alle Texte nur auswendig weitertragen will, die Schmähschrift von seiner Frau notieren, weil Zinaida Schwierigkeiten mit dem Auswendiglernen hat. Aber Zinaida hat auch Angst und gibt das Gedicht an die Geheimpolizei weiter.
Dank der Fürsprache seiner Freunde, vor allem aber des Iswestija - Chefredakteurs Nikolai Bucharin, kommt Mandelstam mit einer Verbannung nach Woronesch davon. Um Stalin zu versöhnen, schreibt er ein weiteres, positives Gedicht - aber der Schachzug misslingt: der Empfänger selbst erklärt ihm die unterschwelligen Beleidigungen, die in diese Arbeit eingeflossen sind.
Zur Frage der historischen Korrektheit kann ich nichts beitragen - allerdings sollte man jede Quelle mit einer gewissen Skepsis betrachten. Für die Darstellungen des Romans spricht, dass Littell mit den Erinnerungen der Nadeschda Jakowlewna Mandelstam die denkbar kompetenteste und vertrauenswürdigste Zeugin zur Verfügung stand, die im Übrigen auch wenig Anlass hatte, sexuelle Eskapaden zu erfinden.
Aber auch als meinetwegen gelegentlich fiktive Erzählung hat "Das Stalin Epigramm" einiges zu bieten. Der Roman liest sich flüssig und bleibt jederzeit spannend. Die erotischen Szenen empfinde ich eher als äußerst zurückhaltend denn als spekulativ. Das gleiche gilt für die Darstellung der Foltermethoden und der Situation in den sibirischen Arbeitslagern. Umso nachhaltiger ist die Wirkung der geschilderten Verhältnisse. Littell versteht es eindrucksvoll, in fein beobachteten Details die Bilder dieser grausamen Zeit vor Augen zu führen.
Soweit dies ohne die Heranziehung der russischen Originale möglich ist, wird der Leser auch unaufdringlich an die Lyrik der akmeistischen Dichter herangeführt. Wie Littell all dies zu verbinden weiß, wie flüssig die Erzählerwechsel die Handlung weiter führen, wie elegant er Wirklichkeit und Phantasie verwebt, erscheint schon meisterlich - insbesondere, wenn man gerade einen hoch gepriesenen Pamuk durchkauen "durfte", der sich mit ähnlichen Aufgaben und Stilmitteln erkennbar verhoben hat. ("Rot ist mein Name")
Historische Romane, schon gar über Lyriker, zählen normalerweise nicht gerade zu den Stoffen, die man atemlos durchliest. "Das Stalin Epigramm" stellt die gelungene Ausnahme dar, auch wenn manche Passagen wie die Schilderung des Gerichtsverfahrens gegen den Gewichtheber amerikanisch-kindliche Betrachtungsweisen anklingen lassen.
Sei's drum: "eindeutig lesenswert". Aber, versteht sich, mehr "Crichton" als "Solschenizyn".
Jury 4* A0322 18.10.2010e 9 A 9 F
Das Stalin Epigramm:
Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr,
Wir reden, dass uns auf zehn Schritt keiner hört,
Nur der Gebirgler im Kreml ist noch zu vernehmen.
Der Mörder und Bauernschlächter.
Seine Finger sind dick und, wie Würmer, so fett,
Und Zentnergewichte wiegts Wort, das er fällt,
Sein Schnauzbart lacht Fühler von Schaben,
Der Stiefelschaft glänzt so erhaben.
Schmalnackige Führerbrut geht bei ihm um,
Mit dienstbaren Halbmenschen spielt er herum,
Die pfeifen, miauen oder jammern.
Er allein schlägt den Takt mit dem Hammer.
Befehle zertrampeln mit Hufeisenschlag:
In den Leib, in die Stirn, in die Augen, - ins Grab.
Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten -
Und breit schwillt die Brust des Osseten.