Da hat der Verlag Frederking und Thaler wieder einmal einen guten Fang getan! Wir lernen einen gestandenen Wissenschaftler kennen, der sich mit Meß- und Analysentechniken befaßt hat, Direktor einer wohlbekannten Universität war und nun zu Experimenten in einer der unwirtlichsten Regionen unserer Welt aufbricht. Er läßt sich auf Spitzbergen aussetzen, wo es hungrige Eisbären gibt, ein halbes Jahr keine Sonne, stattdessen Eisstürme. Aber eben auch verborgenes Leben im Eis, dem der Forscher mit Neugier, Fachkompetenz, Phantasie und einer technischen Basisausrüstung auf der Spur ist.
In seinen Schilderungen erwähnt Hauke Tinks ganz praktische Dinge (was man so alles einpacken muß, wenn man ein Jahr nur auf sich gestellt ist), und er berichtet über gefährliche, aufregende, spannende und lustige Erlebnisse (vom Angriff des Bären, dem Brand des Schornsteines, dem Klohäuschen etc.). Er läßt uns an seinen wissenschaftlichen Überlegungen teilhaben und verlangt einiges an Vorkenntnissen, wenn er z.B.von "Chiralität" spricht oder über die "zirkulär polarisierten Lichtwellen". Ganz besonders aber fesselt mich, wie hier ein Forscher seinen Schreibtisch und Computer im klimatisierten Institut verläßt und wie besessen von seiner Idee dorthin geht, wo "wirklich etwas geschieht", daß er im Eiswasser steht und mißt, beobachtet, rechnet, registriert und nachdenkt. Sozusagen ganz nebenbei läßt er uns dann auch noch einen Blick in die seefahrerische Vergangenheit dieser nördlichen Region tun und formuliert höchst unkonventionelle Gedanken (etwa zur Nacktheit des Menschen und zum Zusammenleben von Mann und Frau).
Nicht so ganz ohne Grund allerdings. Denn dieser "olle Professor" - wie er sich selbst humorvoll nennt - hat wenige Wochen vor dem Start zu dieser Expedition eine ihm völlig fremde Frau angesprochen, ob sie ihn nicht in die Eiswüste begleiten wolle. Sie wollte! Wir lernen sie außer auf Bildern (schöne und eindrucksvolle, bunte Dokumente dieser Arbeit) auch durch vier lange Briefe kennen. Marie Tièche schreibt sie an eine Freundin und berichtet darin vom Leben mit dem Mann, der Natur, ihrer Arbeit, ja, ihrer Rolle dort während des Jahres im Eis und ihren Gedanken dazu. Ich meine, daß sie selbst zu einem entscheidenden Baustein, einer tragenden Säule dieses Spitzbergen-Experimentes geworden ist und daß es nur so rundherum erfolgreich werden konnte.
Schön, daß wir alle als Leser zumindest ein ganz klein wenig daran teilnehmen konnten.