Wahrscheinlich bin ich der letzte Mensch auf der Welt, der den Schatten des Windes noch nicht gelesen hat. Insofern hatte ich bei der Lektüre von Das Spiel des Engels auch keine Erwartungen, die enttäuscht werden konnten. Und enttäuscht bin ich auch nicht. Nur vollkommen zwiegespalten.
Einerseits habe ich das Buch gerne und zügig gelesen, und insbesondere die schaurig-schönen Beschreibungen von Barcelona, das hier keineswegs als sonnendurchflutete Mittelmeerstadt daherkommt (wie ich es mir vorgestellt hatte), haben mir gut gefallen. Andererseits denke ich seit Tagen darüber nach, was genau ich in diesem Buch nicht begriffen habe - oder ob es vielleicht gar nichts zu begreifen gab.
Die Handlung: Der junge, ehrgeizige weil aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Schriftsteller David Martin bekommt von einem geheimnisvollen Verleger den geheimnisvollen Auftrag ein geheimnisvolles Buch zu schreiben. (Das Buch ist so geheimnisvoll, daß wir, die Leser, nie auch nur eine einzige Zeile aus dem Buch im Buch zu lesen bekommen. Das an sich finde ich bei einem Buch über das Bücherschreiben schon etwas befremdlich). Sowohl David als auch der Leser erkennen schnell, daß es sich um den klassischen Teufelspakt handelt, weshalb die verspäteten Versuche Davids, sich daraus zu befreien, für ihn und alle um ihn herum nur im Unglück enden können.
Das Buch hat meiner Meinung nach zwei Schwächen: Erstens verzettelt es sich in zu vielen phantastischen Elementen, von denen kein einziges schlüssig aufgelöst wird. Und da auch dem Autor die Lösungen fehlen, läßt er alles einfach in Mord und Totschlag enden.
Zweitens, und das ist wirklich fatal bei einem Roman, der in der ersten Person erzählt wird: Für den Ich-Erzähler David Martin kam bei mir bis zur letzten Seite keine Sympathie auf. Er wirkte auf mich eigenartig passiv und schwach, abhängig von stärkeren Charakteren wie seinem väterlichen Freund Don Pedro oder dem sympathischen Senor Sempere, und wird damit ein williges Opfer des "Engels". Selbst die eingeflochtene Liebesgeschichte berührte mich überhaupt nicht, weil ich den Protagonisten nicht liebenswert fand.
Und dann, andererseits, auch wieder starke Szenen: David hat endlich sein erstes Buch unter seinem eigenen Namen veröffentlicht. Voller Stolz läßt er seiner Mutter, die ihn als Kind verlassen hat, ein Exemplar zukommen. Er beobachtet, wie sie das Buch verständnislos anschaut und dann wegwirft. - Und während ich ernsthaft bis zur letzten Seite erwartet habe, daß die Mutter nochmals auftaucht, hat David die Kränkung innerhalb weniger Absätze vergessen und kommt nie wieder darauf zurück.
Mein Gesamteindruck ist, daß der Autor - der echte, Ruiz Zafon - sehr viele nette Ideen, aber keine Zeit, keine Lust oder keine Energie hatte, sie in einem logisch aufgebauten Roman zu verarbeiten. Folglich hat er einfach einzelne Szenen und Gedanken durch Fantasy-Elemente miteinander verbunden. Sehr clever. Frage ist nur, ob Klappentext und Kritik so wohlwollend gewesen wären, wäre dies der Erstling eines unbekannten Autoren und nicht der Nachfolger eines Weltbestsellers gewesen. Den werde ich übrigens als nächstes lesen... sehr gespannt und voller Erwartungen.