Mit ihrem historischen Roman "Das Spiel der Könige" entführt Rebecca Gablé ihre Leser erneut in die Welt des Mittelalters und in das Umfeld der Waringham - Familie. Sie hat sich dabei eine sehr schwierige Aufgabe gestellt, indem sie den dritten Teil der Waringham - Saga zur Zeit der Rosenkriege ansiedelt, einer Zeit, die geprägt ist vom Machtkampf der Häuser Lancaster und York um die englische Krone, geführt von Menschen, die fast alle Edward, Henry oder Richard hießen und Tausende von Menschen in einem Bruderkrieg in ihr Unglück stürzten. Um es vorweg zu nehmen: Rebecca Gablé hat diese Aufgabe hervorragend gemeistert. Scheinbar nahezu traumwandlerisch führt sie ihre Leser durch die Wirren dieser Phase der englischen Geschichte, zeigt äußerst unterhaltsam, dass "Das Spiel der Könige" vielmehr ein Spiel der Königsmacher ist, lässt uns historische Figuren hautnah erleben, mit fiktiven Figuren lachen und leiden und stellt glaubwürdig die inneren Konflikte von Lords, Rittern, Bauern und Bediensteten dar, die gezwungen sind, sich für eine Seite zu entscheiden.
Wie im ersten Teil der Waringham - Saga "Das Lächeln der Fortuna" und dem Nachfolgeband "Der Hüter der Rose" erzählt Rebecca Gablé englische Geschichte über eine fiktive dem englischen Königshaus nahestehenden Familie. Dabei scheut sie sich nicht, bezüglich der Charakterausgestaltung der äußerst umstrittenen und geheimnisvollen Figur Richard III. Position zu beziehen. Eine Entscheidung, über die man geteilter Meinung sein kann. Ihre Gründe, so zu entscheiden, werden von der Autorin im Nachwort plausibel erläutert.
Sprachlich dürfen sich Fans von Rebecca Gablé auf den bekannten flüssigen Schreibstil einstellen und auch erzählerisch behält Rebecca Gablé ihre bekannte Linie bei. So stellte sich bei mir bereits bei der ersten Seite ein wohliges Gefühl des wieder Zuhause Seins ein.
Was "Das Spiel der Könige" meines Erachtens zu Rebecca Gablés bestem historischen Roman bisher macht, ist ihre Ausgestaltung der Charaktere. In der Vergangenheit hatten ihre Charaktere Ecken und Kanten, mit Julian of Waringham führt sie aber einen Helden mit deutlichen Stärken und Schwächen ein; mit Seiten, die ihn dazu verleiten, Fehler zu machen oder gelegentlich Handlungsweisen zu ergreifen, die für sich allein besehen manchmal nicht verständlich oder nicht vertretbar sind.
Interessanterweise erlebe ich bei den historischen Romanen von Rebecca Gablé immer wieder ein eigenartiges Phänomen. Obwohl ich Charaktere viel lieber über Dialoge selbst entschlüssele als mir erzählen zu lassen, wie jemand ist und warum die Person in welcher Art und Weise reagiert, stört es mich bei Rebecca Gablé in keiner Weise, dass sie mir die Personen erklärt. Obwohl es mir wichtig ist, dass die Figuren eines Romans unterschiedliche Sprechstimmen haben und unterschiedliche Sprachstile haben, insbesondere wenn es Personen unterschiedlicher Herkunft sind, stört es mich bei Rebecca Gablé in keiner Weise, dass ihre Figuren alle eine sehr ähnliche Sprechstimme aufweisen. Warum es mich nicht stört? Ich kann es mir nicht erklären. Ich weiß auch nicht, wie es Rebecca Gablé schafft, dass knapp 1200 Seiten wie im Fluge vergehen. Ich werde dieser Frage aber mit größtem Vergnügen bei ihrem nächsten historischen Roman wieder auf den Grund gehen - je eher desto besser.
Der Lübbe-Verlag hat das gebundene Buch "Das Spiel der Könige" mit einem Lesebändchen und einem aufklappbaren Schutzumschlag, der auf der Innenseite einen großen Stammbaum der Waringhams enthält, herausgegeben. Als ergänzende Materialien enthält der Roman eine historische Karte, ein Personenverzeichnis, sehr hilfreiche Stammbäume der Häuser Lancaster, Tudor und York sowie der Neville und ein Nachwort der Autorin. Illustrationen von Jan Balaz machen das Buchinnere zu einem Schmuckstück.
"Das Spiel der Könige" ist der krönende Abschluss der Waringham - Trilogie, der die wirre Zeit der englischen Rosenkriege informativ, spannend und unterhaltend vermittelt, ohne jemals belehrend zu werden, und ist damit sowohl empfehlenswert für geschichtsinteressierte Leser als auch für Freunde von Familiensagas. Wer sich gleich in die Geschichte der Rosenkriege stürzen möchte, kann "Das Spiel der Könige" durchaus unabhängig von den beiden Vorgängerbänden lesen - das Ergebnis wird zweifellos sein, deren Lektüre schleunigst nachzuholen.
Spiel, Satz und Sieg für eine der aussichtsreichsten Thronanwärterinnen auf den Titel Königin des historischen Romans, wenn ich diesen vergeben könnte!