Zugegeben, ich bin ein Tanja Kinkel Anhänger. Warum? Keine mir bekannte aktive Autorin schreibt so überzeugend Bücher aus der Geschichte von drei Jahrtausenden. Was sie jetzt vorgelegt hat: Manchmal scheint die Quadratur des Kreises doch möglich. Diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls bei diesem Buch. Dass der Kreis eine kleine Delle hat, ich hätte jederzeit weiterlesen mögen, ändert daran nichts. Warum ich das so sehe?
1. Es ist ein wunderbar deutsches Thema, als staufische Kaiser Europa dominierten.
2. Menschen aus dem Volk sind die Protagonisten, aber sie bewegen sich zwischen den bedeutendsten Persönlichkeiten ihrer Zeit, Bischöfen, Herzögen, Königen, ja Kaisern und dem Papst mit Aufgaben, die ihnen Ehre - aber auch täglich den Tod hätte bringen können.
3. Eine glaubhaft geschilderte emanzipierte Frau, in jener Zeit fast nicht darstellbar, begegnet dem Helden immer auf Augenhöhe.
4. Durch das ganze Buch zieht sich eine so ungewöhnliche, zärtliche, gewaltige, dornige Liebesgeschichte, dass man kaum sagen kann, war Scarlett O'Hara mit Rhett oder Jenny Cavalleri und Oliver das Vorbild, oder wird es Judith und Walther sein, an denen sich ab jetzt die Paare messen lassen müssen.
5. Auch nach mehr als achthundert Seiten, die gefühlte Spannung, der Wunsch die Bilder lebendig auf sich einwirken zu lassen, geht nie verloren
Da es bisher noch keine Zusammenfassung gibt, hier ein Versuch, dem Inhalt gerecht zu werden.
Walther, Sohn eines Beamten, der sich als Sprössling eines Ritters (von der Vogelweide) ausgibt, kommt an den Wiener Hof um dort, von einem der damals größten Minnesänger, die Kunst des Dichtens zu lernen. Die Auseinandersetzungen mit diesem, die Hintergründe warum Walther der über Jahrhunderte gehenden Tradition des Minnesangs nicht folgen will, führen in das Buch und in die Zeit.
Einer seiner Beweggründe, als erster seiner Zunft nur die gegenseitige Liebe als erstrebenswert zu sehen, hatte auch einen Namen, Judith. Tochter eines jüdischen Arztes aus Köln, auf dem Weg nach Salerno, wo es damals für Frauen, als einzigem Platz in Europa, schon möglich war zu studieren. Sie muss es gewesen sein, die Spuren hinterlassen hat welche in seinen Dichtungen unübersehbar wurden. Größer hätte die Kluft aber zwischen den Beiden damals nicht sein können. Würde heute eine Tochter von Obama einen Sohn von George W. Bush heiraten, wäre das eine Nebensächlichkeit dagegen.
Mit der Ermordung von Wiener Juden, Verwandten von Judith, beginnt nun ein Akt von Schuld und Sühne, wie er mir vorher nie begegnet ist. Er macht sie zeitweilig zu Freunden, Feinden, einem Liebespaar und zu Menschen, die sich gegenseitig die Pest an den Hals wünschen.
Beide werden verstrickt in den Kampf der Welfen mit den Staufern um die Macht im Deutschen Kaiserreich, um die deutsche Krone; wie in die Ermordung des ersten Königs in unserem Land. Was sie erleben, das mutet manchmal sehr modern an; das Spiel der deutschen Fürsten um die Macht im Land, ihr Geschachere um Zugeständnisse, Wahlkampfversprechungen und Bestechlichkeit. Es war auch die Zeit, wo die Kirche, wo ein Papst sich als der wahre Herrscher über alle Christlichen Länder sah, nicht Könige, nicht Kaiser. Wer nun aber Geschichtsunterricht erwartet, wird angenehm überrascht. Alles Wichtige aus dieser Zeit erfahren wir durch das persönliche Schicksal von Walther und Judith, von ihren Aufgaben, ihren Beweggründen, ihren ganz persönlichen Erlebnissen, nicht durch den gehobenen Zeigefinger eines Autors, der perfekt recherchiert hat. Niemals taucht der Eindruck auf, dass nur etwas geschildert wurde um Wissen weiterzugeben. So sind es auch immer die Menschen, die neben Judith und Walther noch beeindrucken; Domherrn in ihrem Kampf um Pfründe, ein Kaufmann, welcher der Kirche wie dem Adel nicht mehr allein die Wahl des nächsten Königs überlassen möchte, eine Frau, die erstmals in dieser Zeit voller Veränderungen ein Hurenhaus führen darf und versucht zu begründen, warum es besser sei, dabei bezahlt zu werden, anstatt sich von Familienangehörigen oder irgendwelchen Mächtigen regelmäßig ohne Belohnung vergewaltigen zu lassen.
Dieses Buch ist im positiven Sinn wie ein guter Film. Was man liest entsteht vor den Augen und man fühlt, ja so war es, so muss es gewesen sein. Wie sich dabei ein allen Fürsten eigentlich unbequemer Dichter unverzichtbar macht, ja sein Lehen bekommt, ohne je ein Schwert in die Hand zu nehmen, und ob die Liebe zwischen zwei ebenbürtigen Charakteren überhaupt möglich ist, zum Ende hin eine Chance erhält, das möchte ich nicht verraten. Ich kann nur empfehlen, lesen, genießen, freuen, denn es lässt sich mit keinem anderen Buch vergleichen